Musik

Herbert von Karajan – der Pultherrscher mit Perfektion

Vor 25 Jahren starb der genialische Dirigent. Zwischen Glamour und Orchesteralltag prägt er die Berliner Philharmoniker. Er wusste sich in Pose zu setzen.

Foto: dpa Picture-Alliance / SVEN SIMON / picture-alliance / Sven Simon

Ein Blick in die CD-Verkaufslisten verrät, dass der Name Karajan eine klangvolle Marke geblieben ist. Selbst 25 Jahre nach seinem Tod vertrauen viele Klassikliebhaber seinen Interpretationen. Überhaupt hat kein Dirigent vor ihm und auch keiner nach ihm diese Art Popularität erreichen können. Dabei war der gebürtige Salzburger Herbert von Karajan, Jahrgang 1908, als Starkünstler nicht unumstritten, seiner riesigen Verehrerschar stand eine Gemeinde von Kritikern gegenüber. Bei ihnen gehörte es zum guten Ton, über Karajans filmreife Haartolle, seine Art, sich massenmedial in Szene zu setzen, oder über den zelebrierten Breitwandsound zu lästern.

Mit dem Abstand der Jahre wird immer erkennbarer, wie sehr Karajans Klangästhetik den Zeitgeist einer in Technikbegeisterung aufbrechenden Wohlstandsgesellschaft begleitet hat. Unbeirrbares Pathos verbindet sich mit fließender Energie.

Unverwechselbarer Klang

„Seine Größe war zugleich seine Schwäche“, sagt Geiger Axel Gerhardt, der 23 Jahre lang unter Karajan bei den Berliner Philharmonikern gespielt hat: „Seine Größe war, dass er es geschafft hat, mit dem Orchester einen unverwechselbaren Klang zu erzeugen. Man konnte das Radio anmachen, ob Bach oder Tschaikowsky, die Philharmoniker waren sofort zu erkennen. Und das war auch die Schwäche.“ Aber das sehe er erst heute so, fügt Gerhardt hinzu.

Nach dem Tod von Wilhelm Furtwängler war Karajan 1955 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker geworden. Bei aller Modernität setzte er die Tradition eines Pultherrschers mit absolutistischen Machtansprüchen fort.

Der Maestro herrschte über seine Musiker. So nahm ihn auch der junge, gerade von der Hochschule gekommene Gerhardt bei seiner ersten Probe im März 1966 wahr. „Die unglaubliche Souveränität hat mich schwer beeindruckt. Und was mich sofort verwundert hat, war seine Perfektion. Er hat Ravels ,Bolero‘ mit der Stoppuhr überprüft. Er wollte, dass jede einzelne Variation absolut identisch ist.“

Es gibt viele Anekdoten

Es handelte sich um eine von Hunderten Plattenaufnahmen. Herbert von Karajan, selbst ein praktizierender Katholik, pflegte in den 60er- und 70er-Jahren fast alle Schallplattenprojekte mit den Philharmonikern in der evangelischen Jesus-Christus-Kirche in Dahlem zu machen. Karajan hatte zunächst der Akustik in der 1963 neu eröffneten Philharmonie für Aufnahmen misstraut. Die akustisch einmalige Kirche dagegen hatte bereits sein Vorgänger Wilhelm Furtwängler entdeckt. Das im Krieg ausgebombte Orchester war bei der Suche nach einem Probensaal auf das Gemeindehaus in der Thielallee gestoßen.

Seit Jahrzehnten treffen sich dort die Großen der Klassikszene für ihre Aufnahmen. Es gibt viele Anekdoten. Bei der „Bohème“-Aufnahme mit Luciano Pavarotti Anfang der 70er-Jahre drehte sich der gerührte Karajan nach einer Arie zu dem italienischen Startenor um: „Du singst wie ein Gott. Aber warum bist du so dick?“ Worauf der nur lächelnd auf Spaghetti verwies. Damals hätten die Plattenfirmen noch richtig Geld gehabt, erinnert sich Gerhardt. Karajan und die Philharmoniker genossen es, die Stimmung rund um die Aufnahmen und damit auch um die Konzerte war gelassen.

Karajan war sich zeitlebens bewusst, kein Schöpfer, sondern ein Reproduzierender zu sein. Es war seine Obsession, sich in die aufnahmetechnischen Entwicklungen seiner Zeit zu stürzen. Spötter meinen, er habe die ersten Fernsehaufnahmen gemacht, wie sich andere vor ihm Pyramiden bauen ließen. Es war seine Suche nach der Unsterblichkeit.

„Er hatte eine Ästhetik im Kopf und die wollte er umsetzen“, sagt Gerhardt, „egal ob Bach oder Filmaufnahmen.“ Die Musiker waren von den Aufnahmen eher irritiert. „Da saßen wir manchmal in skurrilen Formationen auf Blöcken herum“, erinnert sich Gerhardt, „und mussten so tun, als ob wir spielen. Manchmal stand Karajan selber hinter der Kamera, sprang dann hervor aufs Pult.“ Aber eigentlich ging es doch nur um den Dirigenten. Die Kameras filmten ihn von vorn und von links, um seine schönere Gesichtshälfte zu zeigen.

Als Karajan am 16. Juli 1989 starb, war er bereits von den Philharmonikern getrennt. Nach jahrelangen Streitigkeiten hatte er kurz zuvor, am 24. April, seinen Rücktritt erklärt. Gerhardt spricht von zwei unterschiedlichen Perioden.

Zunächst hatte er einen sehr ausgeglichenen, freundlichen Dirigenten erlebt, der dem Orchester alles ermöglich hat. „Karajan war ein wunderbarer Orchestererzieher ähnlich Carlos Kleiber“, sagt Gerhardt. Auch wenn sich Karajan in die Aura der Unnahbarkeit hüllte. Man habe sich nicht getraut, ihn anzusprechen. „Das war selbst bei den Konzertmeistern nicht anders, das Diskutieren hat erst bei seinem Nachfolger Claudio Abbado begonnen.“

Die Stärke und das Selbstbewusstsein Karajans zeigte sich auch in kleineren Dingen. Der Geiger erinnert sich noch an die Konzertreise 1969 in die Sowjetunion. Die Philharmoniker logierten im berühmt-berüchtigten Moskauer Hotel Rossija. Alle seine Musiker sollten in 6-Mann-Zimmern untergebracht werden, was Karajan ablehnte. Er blieb so lange im Foyer sitzen, bis sie die angemessenen Hotelzimmer bekamen.

Strahlendes Image

Die Zerwürfnisse begannen erst später. Gerhardt glaubt, dass es gesundheitliche Gründe hatte. Der Dirigent war auf eine Kante des Podiums gestürzt war und litt unter Rückenschmerzen. Ende der 70er-Jahre hatte er einen leichten Schlaganfall. „Das hat ihn verändert“, sagt Gerhardt, „er wurde immer grantiger“. Zumal Karajan bis dahin vom strahlenden Image des Sportlichen lebte, er war einer, der stets schnelle Autos fuhr und sogar eine Pilotenlizenz hatte. Und er ließ sich gern dabei fotografieren. Auf seinem Anwesen in der 4000-Einwohner-Gemeinde Anif bei Salzburg, dort, wo er am 16. Juli 1989 verstarb, gibt es auch einen großen Swimmingpool. Karajan schwamm hier nach Konzerten die 25-Meter-Bahn hin und her, um sein Rückenleiden zu lindern.

Das Orchester sah sich hingegen zunehmend den Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Bereits 1967 hatte Karajan die Salzburger Osterfestspiele gegründet, bei denen er alljährlich mit den Philharmonikern eine Oper einstudierte. „In der ersten Probe hat er uns erst einmal fertig gemacht“, erinnert sich Gerhardt an die letzten Jahre. Nach der Premiere wurden sie dann über den Klee gelobt.

In seiner absolutistischen Attitüde stieß Karajan zunehmend auf den Widerstand des selbstbewussten bürgerlichen Orchesters. Der Chefdirigent wollte nicht nur wie sein Vorgänger Furtwängler einen Vertrag auf Lebenszeit, sondern auch das Alleinentscheidungsrecht. Er wollte die Musiker einstellen und feuern, wie es ihm beliebte.

Zum großen Eklat kam es 1983 im Fall der Klarinettistin Sabine Meyer. „Als sie sich beworben hatte“, sagt Gerhardt, „war ich zuständig für die Bewerbungen.“ In seiner Erinnerung gab es ein Hin und Her mit der Einladung der jungen Klarinettistin.

Schließlich kam sie und hat toll vorgespielt. Das Orchester hatte aber noch nicht über sie abgestimmt. Inzwischen aber hatte Karajan sie gehört und kurzerhand eingestellt. Sie hatte daraufhin kein gutes Probejahr im Orchester und kündigte schließlich selbst. Gerhardt glaubt, die schlanke Virtuosin hätte damals auch nicht in die Klarinettengruppe gepasst. Sie war zu schmächtig für den breiten Karajan-Klang. Aber der Machtkampf zwischen Dirigent und Orchester war der Anfang vom Ende.

Axel Gerhardt, der heute noch seine Geigenprofessur an der Universität der Künste ausübt und Vater des Berliner Cellovirtuosen Alban Gerhardt ist, gehörte bis 2009 den Philharmonikern an. Er hat Karajan und seine Nachfolger im Blick.

Hatte Karajan noch ein Vetorecht bei der Einstellung von Philharmonikern, haben seine Nachfolger Abbado und Rattle nur noch eine Stimme bei der Wahl. Aber heute seien Dirigenten auch viel umgänglicher. „Wobei Karajan nach außen hin ja immer behauptet hat, wir wären eine Familie“, sagt Gerhardt: „Ich persönlich habe das nicht so empfunden. Mit mir hat er in den 23 Jahren kein Wort gewechselt.“