Protest

Berliner Rundfunkchor streikt vor dem Roten Rathaus

Der neue Tarifvertrag lag bereits auf dem Tisch. Aber der Bund und das Land Berlin verweigerten die Unterschrift. Jetzt trat der Rundfunkchor in den unbefristeten Ausstand und gab ein Protestkonzert.

Foto: Massimo Rodari

Das Protestieren ist für den Rundfunkchor Berlin offenbar keine leichte Sache. Die 64 Musiker sind zu sehr auf Harmonie geschult. Für ihr Streikkonzert sammeln sich die Choristen am Roten Rathaus, man drängt sich fast verschämt in eine Ecke linkerhand vom Haupteingang.

Punkt 11 Uhr wird das Transparent „Wir sind verstimmt“ hochgehalten. Dann werden in Reih und Glied Brahms und Mendelssohn vorgeführt, ein Wohlklang bei diesem Profichor. „Biete Grammys – Suche Tarifvertrag“ steht auf einem Transparent.

Drei Grammys hat der Rundfunkchor bereits errungen, man ist ein streikender Weltstar. Und man achtet darauf, dass kein Fußgänger oder Fahrradfahrer behindert wird. Einige Passenten bleiben stehen, hören zu und applaudieren. Der Rest der Anwesenden steht in irgendeinem Verhältnis zum Chor oder ist Journalist.

Ansagen per Megafon

Für die schrillen, kämpferischen Töne ist Anwalt Andreas Masopust zuständig, der den Chor im Auftrag der Deutschen Orchestervereinigung vertritt. Er erklärt per Megafon, warum der Chor in den unbefristeten Ausstand getreten ist. Seit 21 Jahren sei der Chor bereits ohne Tarifvertrag. Nach jahrelangen, mühevollen Verhandlungen lag nun ein neuer Vertrag vor, aber das Kuratorium der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) hat am Dienstag überraschend die Unterschrift verweigert. Masopust erklärt, dass der Wert künstlerischer Arbeit offenbar schwerer vermittelbar sei als die zusätzlichen Milliarden für den Flughafen.

Solche Sätze kommen auf der Straße gut an. Klaus Wowereit (SPD), Regierender Bürgermeister und Kultursenator, lässt seine Chance jedenfalls ungenutzt, die Behauptung geradezurücken. Nein, kein einziger seiner Behörde erscheint, um die streikenden Sänger zur Kenntnis zu nehmen. Streikkonzerte müssen ein frustrierendes Geschäft sein.

Zu viele Entscheider am Tisch

Dabei ist der ganze Vorgang von kulturpolitischer Brisanz. Er ist kompliziert und teils undurchschaubar, weil zu viele Entscheider am Tisch sitzen. Das Urproblem reicht zurück in die deutsche Wiedervereinigung, als alle Orchester zur Ländersache wurden, aber die große Politik nicht wusste, was sie mit den vier Berliner Rundfunk-Ensembles plus Rias Big-Band machen sollte. Schließlich wurde die Rundfunk-Orchester und-Chöre GmbH installiert, um jeweils ein Orchester und einen Chor aus Ost und West zu vereinen. Zunächst also gab es Ost-West-Bissigkeiten auszuhalten, irgendwann wurde die Big-Band als schwächstes Glied eingespart, dann vertrugen sich die Chefdirigenten nicht, weil jeder zuerst an sich und sein Ensemble denken musste. Jahrelang gab es Finanzstreitigkeiten.

Erschwerend kommt die Gesellschafterstruktur dazu. Als Geldgeber entscheiden das Deutschlandradio (40 Prozent), der Bund (35 Prozent), das Land Berlin (20 Prozent) und der Rundfunk Berlin-Brandenburg (fünf Prozent). Will einer etwas an der Subventionierung verändern, müssen die anderen zustimmen. Was schwierig ist, weil alle eigenen Spar- oder Verhaltenszwängen unterworfen sind und am liebsten die Probleme der ROC in Hinterzimmern geklärt wissen wollen.

Bund und Berlin verweigerten Unterschrift

Umso überraschender ist es, dass diesmal der Bund – neben Berlin – die Einigung mit dem Rundfunkchor blockiert und damit den Streik provoziert hat. Seit Jahren läuft die tarifliche Neuordnung der vier Klangkörper mehr oder weniger knirschend. Die beiden Orchester, das Rundfunk-Sinfonieorchester und das Deutsche Symphonie-Orchester sind bereits abgearbeitet. Ein Transparent zeigt jetzt den Aufschrei „Auch Sänger sind Musiker“. Dahinter verbirgt sich die alte Demütigung, wonach im Gegensatz zu Instrumentalisten doch jeder Mensch singen könne und dafür nicht bezahlt werden müsse. Die Profisänger fühlen sich brüskiert.

„Ich kann verstehen, dass der Geduldsfaden gerissen ist“, sagt Chordirektor Hans Rehberg. In gewisser Weise streikt der Rundfunkchor für den Rias-Kammerchor mit, der anschließend zur Verhandlung ansteht. Natürlich geht es um mehr Geld, selbst wenn eine Seite es hoch, die andere es runterrechnet. Die Chorvertreter sagen, dass doch alles bereits in den ROC-Etat bis 2016 eingepreist sei. In den Verhandlungen galt es die zehn Jahre, in denen es keine Tarifanpassungen gab, auszugleichen.

Weniger Studio, mehr Konzerte

Zugleich, so sagt es Matthias Sträßner, der seitens des Deutschlandradios zum Kuratorium gehört, sei der Vertrag „nicht mehr zeitgemäß“. Rundfunkchöre singen heute nicht nur in Aufnahmestudios, sondern vor allem auf Konzertpodien. Beim Rundfunkchor seien szenische Aufgaben hinzugekommen, opernartige Auftritte. Die erfordern eine andere Probenstruktur. Sträßner betont, an den beiden Rundfunkpartnern scheitert der Vertrag nicht.

Andere Beteiligten reden den Vorgang jetzt klein. ROC-Geschäftsführer Thomas Kipp spricht davon, dass es lediglich in einzelnen Punkten Klärungsbedarf gäbe. Was schon seltsam ist, da der Vertrag von der Gewerkschaft und dem bekanntlich hart verhandelnden Bühnenverein auf Arbeitgeberseite vorgelegt wurde. Chefdirigent Simon Halsey leitet das Protestkonzert voll harmoniesüchtiger Zuversicht. „Niemand will eine Krise haben. Ich hoffe, das Ganze ist nur ein Missverständnis.“