Konzert in Berlin

Massive Attack im Tempodrom – unverwüstlich und solide

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Lucy Fricke

Foto: picture alliance / empics

Live-Auftritte von Massive Attack aus Bristol sind rar geworden. In Berlin präsentierten die Briten ihre einzige Deutschlandshow. Der Abend zeigte: Konzerte sind nichts zum Mitlesen.

Massive Attack sind unverwüstlich. Jahrelange Pausen, immer neue Trennungsgerüchte, und nunmehr seit fast 25 Jahren dabei, wenn auch nicht mehr in der Originalbesetzung. Geblieben sind aber die Gründungsmitglieder Grant „Daddy Gee“ Marshall und Robert „3D“ Del Naja, Ihre ersten beiden Alben „Blue Lines“ und „Protection“ gelten als Klassiker.

Seit vier Jahren gab es nichts Neues mehr von ihnen zu hören, jetzt touren sie durch Europas Metropolen und gaben in Berlin ihr einziges Deutschlandkonzert. Das Tempodrom war seit Wochen ausverkauft. Vor der Halle wurde um Tickets gebettelt, und der doppelte Preis verlangt.

Das Publikum, dass am Sonnabend an den Anhalter Bahnhof kam, war auffallend homogen, wenn auch verschieden schlecht gealtert.

Ist man heute um die 40, kann einem Massive Attack als Legende gelten. Das erste Album lief zu Beginn der 90er-Jahre überall, keine WG, kein Club, kein Bar, in denen es nicht gespielt wurde. Mit Massive Attack war man überall zu Hause. Gewissermaßen war man in Massive Attack zu Hause. In dem Ungefähren, Schwebenden. Ihre Mischung aus Soul, Jazz, Dance, Rap und Dub-Reggae war die Geburtsstunde des Trip Hop. Das ist lang her. Der Sound hat sich ausgereizt, er ist eben nicht zeitlos.

Nach 90 Minuten keine Zugabe, kein Gebrüll

Beim ersten Song flackerten im Tempodrom die Namen von Medikamenten über die Videowände. Dosierungen, Preise. Kaum ein Stück kam ohne diese visuelle Unterstützung aus. Die Themen wurden buchstabiert auf den Monitoren. Später waren es börsennotierte Unternehmen, Apple, Vodafone, Siemens. Zitate von Bush und Blair zum Irak-Einsatz. Sie spielten eine Mischung ihres letzten Albums und ihrer größten Hits.

Die Antikriegs-Lieder sind tanzbar, die Konzertbesucher wollten es lauter, sie wollten mehr Bass. Immer rockiger wurde es, die Gitarre verzerrter, Stroboskoplichter blitzten. Nullen und Einsen rasten über die Bildschirme. Das Schlagzeug dominierte. Die Stimme flüsterte. Deutsche Twitter-Meldungen, Suchanfragen bei Google. Es war eindeutig so, dass die flackernde Schrift im Hintergrund die Oberhand gewann. Konzerte sind nichts zum Mitlesen.

Der Sound hämmerte schneller. Auf den Monitoren: Zustimmen, Verbinden, Umarmung, Akzeptiere, Liebe. Das sind hier im wahrsten Sinne Schlagworte für eine bessere Welt.

Massive Attack schlossen mit ihrer Hymne „Unfinished Sympathy“. Nach 90 Minuten keine Zugabe, kein Gebrüll. Ein anderes Wort für unverwüstlich lautet solide. Das war die Band an diesem Abend.