Foreign Affairs Festival

Also raus aus dem Theater und rein in die Stadt

Das Foreign Affairs Festival startet mit einer Aufführung am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Das Projekt von Boris Charmatz heißt „20 Dancers for the XX Century“. Will hier jemand provozieren?

Foto: © Berliner Festspiele / Ivar Veermae

Ein Festivalbeitrag im Freien, drei Stunden Tanz an öffentlichem Ort. Vor den Proben: Tieftemperaturen und schüttender Regen. Die Berliner Festspiele riskierten bei der Programmierung, dass das Projekt „20 Dancers for the XX Century“ des französischen Choreographen Boris Charmatz ins Wasser fällt.

Doch Festspiel-Intendant Thomas Oberender wollte mit dem internationalen Theaterfestival in den Stadtraum hinaus, verlegte die vormalige spielzeit’europa unter dem neuen Titel Foreign Affairs eigens in den Juli.

Das Wetter ist nun auch nicht das einzige Fährnis bei Boris Charmatz’ Projekt. Stattfinden wird es am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park, und das ist neben einem Kriegsdenkmal auch ein Soldatenfriedhof. 7000 gefallene Rotarmisten liegen hier begraben. Tanz neben Gräbern, denkt man natürlich sofort, oder: Will hier jemand provozieren? Mitnichten.

Charmatz habe gewaltigen Respekt vor diesem geschichtsträchtigen Ort, wie er am Telefon erzählt. Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, die Konflikte von heute, der Umgang mit Geschichte – all das versinnbildliche das Sowjetische Ehrenmal für ihn. Und zugleich führen hier Leute ihren Hund Gassi oder gehen Joggen. „Ich dachte, hier müssen wir was machen. Sicher ist das schwierig. Jeder andere Ort in Berlin wäre für uns komfortabler, aber ich wollte es versuchen.“

Möglicherweise hat die Entscheidung mit seiner Familie zu tun, teils litauischen Juden, die in Russland lebten. Oder mit seinen Kindheitserinnerungen: 1973 geboren, hat Charmatz früh das geteilte Berlin besucht und die Spannungen zwischen Ost und West erlebt.

Vielleicht erscheint ihm das Ehrenmal auch aus rein künstlerischen Gesichtspunkten als passender Ort für sein Projekt, das er in abgewandelter Form bereits in einer Bibliothek in Rennes und im Museum of Modern Art in New York zeigte. „20 Dancers for the XX Century“ dreht sich um die Geschichte des Tanzes im 20. Jahrhundert, kreist aber auch ganz allgemein um Erinnern und Vergessen. Ähnlich wie ein Mahnmal sucht es nach einer Form für das, was flüchtig und vergänglich ist: Eine Schlacht oder eine Choreographie, beides kann man nicht im Museum ausstellen. Zumindest nicht in einem klassischen Museumsbau oder einer traditionellen Ausstellung – und so hat Charmatz vor einiger Zeit einfach einen neuen Museumsbegriff entworfen, der das Performative und Flüchtige enthält, das Musée de la danse.

Seither laufen seine Projekte unter dieser künstlerischen Dachmarke – recht gut, ist Boris Charmatz doch einer der derzeit gefragtesten Choreographen. Sein Stück über Manipulation und Vertrauen, „enfant“, und die Zusammenarbeit mit Anne Teresa De Keersmaeker, „Partita 2“, wurden schon bei den letzten beiden Ausgaben von Foreign Affairs gefeiert.

Im Treptower Park treten nun zwanzig Tänzer, Schauspielerinnen, Ortskundige mit einer je eigenen Performance an, drei unterschiedliche Geschichten zu verweben: die des Tanzes, die ihres Körpers und die des Ortes. Olga Dukhovnaya etwa, eine in Belgien an De Keersmaekers Schule ausgebildete ukrainischstämmige Tänzerin, bringt den russischen Volkstanz mit ans Ehrenmal und das kleine Tänzchen von Charlie Chaplin aus „Modern Times“.

Zwanzig Miniaturreflexionen über Tanz und Geschichte verspricht sich Boris Charmatz. Sie zu koordinieren wird eine Herausforderung, vor allem, weil am Probentag nicht nur der Starkregen die Planungen durcheinanderbringt, sondern auch der Fluglotsenstreik in Frankreich: Charmatz kommt später an in Berlin. Aber seine Arbeit lebt vom Risiko. Und am Freitag soll es wieder trocken und sonnig sein.