Tanz

Don Juan erlebt beim Staatsballett einen Karriereknick

Als letzte Premiere der Ära Vladimir Malakhov zeigt das Staatsballett Berlin „Don Juan“ des Choreografen Giorgio Madia. Es ist ein burleskes Spiel voller Leichtigkeit geworden.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Von Verführung in Serie und von einer Höllenfahrt erzählt die letzte Premiere der Ära Vladimir Malakhovs. Das Ballett „Don Juan“ von Giorgio Madia führt den Frauenheld als einen begnadeten Selbstdarsteller vor, der sich lange der Verantwortung für seinen gottlosen Lebensstil entzieht. Ein Schelm, wer meinte, dass das Spiel um Glamour, Eitelkeit und Begehren als Künstlerbiografie zu verstehen sei oder gar als Parabel auf die Karriere des Starballerino Malakhov. Dessen Bühnenleben endete zwar mit dem Blitzschlag der Nichtverlängerung seines Intendantenvertrages in Berlin. Aber Malakhov hat, anders als Don Juan, einige Verdienste vorzuweisen. Er fährt auch nicht zur Hölle, sondern künftig als Ballettberater nach Tokio.

Der Beginn ist furios

Furioser Beginn, banales Finale: So könnte man Giorgio Madias Choreografie auf eine griffige Formel bringen. Sie ist ein Beitrag zum Gluck-Jahr 2014: Vor 300 Jahren wurde der Komponist geboren, und gemeinsam mit dem Choreografen Gasparo Angiolini erfand er mit „Don Juan“ 1761 das Handlungsballett. Girgio Madia zeigt in der Komischen Oper eine lustvolle Ballettpantomime. Ein kulissenhoher, leicht zum Publikum gekippter Spiegel verdoppelt den Bühnenboden zur lotrechten Häuserfassade.

Ende der Ouvertüre, Stöhnen aus den Lautsprechern, und Don Juan schiebt sich aus dem Fenster des Schlafgemachs, in dem er soeben Donna Anna (Elena Pris) vorgaukelte, ihr Verlobter Don Ottavio zu sein. Mit dem tauscht er in einer waghalsig erscheinenden Kletterpartie den Platz: Kopfüber hängt Don Juan (Leonard Jakovina) an einem Sims, und Don Ottavio (Dominic Hodal) klemmt sich wie eine Spiderman-Karikatur mit Fingern und Zehen zwischen die Portale. Anders als im Superheldengenre ist die Action hier mit Augenzwinkern inszeniert, wird ihre trickreiche Herstellung doch für alle sichtbar. Ein famoser Theatereffekt.

Italienische Stehgreifkomödie

Madia beweist ein Händchen für das Burleske der Tragikomödie um Don Juan. Den Diener Zanni gestaltet er als einen Spaßmacher in der Tradition der italienischen Stegreifkomödie. Mit Witz, Akrobatik und expressiven Grimassen erfreut Vladislav Marinov in dieser Rolle das Publikum, als Schelm, der sich in Schadensbegrenzung versucht. Ein ums andere Mal schließt er vor oder hinter liebestoll-betrogenen Damen die zahlreichen Türen in der Kulisse – sofern er sie nicht selbst auf die Nase bekommt. Er ist der leichtlebige Doppelgänger des Don Juan, mit dem er den Namen teilt: Zanni ist die Kurzform von Giovanni, des italienischen Juan.

Der italienischen Theatertradition verschreibt der gebürtige Mailänder Madia auch das Corps de ballet. Als Commedia dell’arte-Figuren kostümiert, reiht er die Tänzerinnen und Tänzer an der Rampe auf, mit knapp sitzenden Höschen, zwischen den Leisten eine Maske, die Nase ein erigierter oder schlaffer Phallus. Beschwingt schaukelt eine Frau auf den Armen zweier Männer, drei kriechende Kerle bilden eine grotesk vielbeinige Kreatur, ein Paar scherzt mit schlenkernden Beinen am Bühnenrand. Leicht und luftig wirkt das.

Auf der Grabplatte flach gelegt

Dem folgt die Reihe der erfolgreichen Verführungsversuche. Als Nonne, auf der Grabplatte flach gelegt: Nadja Saidakova. Technisch superb und mit mädchenhaftem Charme präsentiert sich als abspenstige Bauernbraut Iana Salenko. Don Juan bezirzt beim Diner in ihrem Vaterhaus die anfangs abweisende Donna Isabella (Ilenia Montagnoli), die sich ihm bald in eleganter Biegsamkeit als Dessert offeriert. Ihr Kostüm macht die für den Erfolg eines Don Juan unabdingbare Doppelmoral augenfällig: In der Rückenansicht trägt sie züchtigen schwarzen Tüll, in der Vorderansicht ein knappes hautfarbenes Bustier mit Strümpfen (Kostüm: Bruno Schwengl). Geradezu entgegenzufließen scheint sie im Pas de deux ihrem Verführer, und es fällt kaum auf, dass Madia lediglich einige balletteuse Übergänge zwischen Sexposen choreografiert.

Aber wir sehen ja auch eine Ballettpantomime, die Handlung steht im Vordergrund und sie schreitet rasant voran: In flagranti von Isabellas Vater, dem Komtur, ertappt, tötet Don Juan diesen im Duell. Während des Schlagabtauschs posiert er in arroganter Selbstgewissheit. Doch eigentlich ist er der Unterlegene, seinerseits verführt von höllischen Mächten: Der Geigerin Lidia Baicha, mit Skelettapplikation auf dem Samtkleid die Schwarze Dame Tod, und dem Diavolo (Michael Banzhaf), sein unheimlicher Doppelgänger, kostümiert als Satyr mit Spitzbart, Hörnern und nacktem Gesäß, stattet den Komtur (Oliver Wulff) mit einem Degen aus. Er ist der Regisseur des Bühnengeschehens, der Don Juan seinem Untergang entgegentreibt.

Don Juan wirkt ungerührt

Dieser Teufel ist jedoch kein dunkel schillernder Verführer, und er wirkt nicht allzu bedrohlich. Kein Wunder, dass sich Don Juan von seiner eigenen Verdammnis wenig beeindruckt zeigt. In beiden Figuren löst sich das dramatische oder gar tragische Potenzial der Gluckschen Vorlage nicht ein. Neben Don Juan kriechen die Ausgeburten der Hölle – in einer eher banalen Finalszene lässt Madia den Diavolo Wehenarbeit verrichten und unterm schwarzen Rock mehr und mehr Kreaturen sich winden –, die Türen, die immer neuen Lustgewinn versprachen, klappen lautstark zu und an der rückwärtigen Kulisse aufgehängte schwarze Gestalten schlottern mit den Gliedern – doch Don Juan wirkt ungerührt.

Hure, Heilige und Mamma

Für die dunklen Seiten des Don Juan fehlen Giorgio Madia und dem Staatsballett offenbar die Ausdrucksmittel. Leonard Jakovina darf sich, nunmehr allein, von Diavolo ausgesondert, in einem Solo mit kräftigen Beckenstößen der erotischen Abenteuer erinnern, zusammengekauert den Kopf hängen lassen oder sein Gesicht im Schoß des überlebensgroß aus dem Schnürboden hängenden Kleides vergraben – die Frau als Hure, Heilige und Mamma. Doch die Verzweiflung des Narzissten ohne Gegenüber, laut Programmheft die Schlüsselszene in Madias Interpretation des Don-Juan-Stoffes, wirkt seltsam blutleer.

Trotz vieler überzeugender Momente bleibt die Ballettpantomime von Giorgio Madia letztlich so oberflächlich wie Don Juans Liebschaften. Beifall für die Tänzer, besonders für Vladislav Marinov und Iana Salenko, wohlwollender Applaus und ein vereinzeltes Buh für Madia. Malakhov war bei der Premiere nicht anwesend.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. „Don Juan“ am 24., 26., 30. Juni sowie 2. und 6. Juli Tel. 206092630