Oper

Wahnsinnsszene auf der Baustelle der Staatsoper

Charme des Morbiden: Staatsoperintendant Jürgen Flimm hat auf der Baustelle Unter den Linden die Oper „Macbeth“ des italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino inszeniert. Die Premiere wurde bejubelt.

Foto: (c) Hermann und Clärchen Baus

Für seine Inszenierung von Sciarrinos „Macbeth“ hat Staatsopernintendant Jürgen Flimm auf die Baustelle Unter den Linden geladen. Das Publikum sitzt auf zwei Seiten in einem abgewrackten, klassizistischen Raum, der vor der Sanierung ein Orchesterprobensaal war. Dabei ist kaum auszumachen, was zur ursprünglichen Architektonik gehörte, und was nun von der Ausstatterin Magdalena Gut ergänzt wurde. Die durch die hohen Fenster leuchtende Abendsonne wird abgelöst durch einen 10 Kilowatt-HMI-Spot, der an einem Baukran hängt und mit dem Lebensende des Negativhelden verlischt.

Fetzen der Blechbläser

In seinem aus Shakespeares Dramentext selbst collagierten Libretto reibt sich der Komponist Salvatore Sciarrino an Verdis viel gespielter Oper „Macbeth“, die er an Kürze und dramatischer Wucht schlägt. Der Komponist zitiert den Auftritt des Steinernen Gasts aus dem Schlussakt von Mozarts „Don Giovanni“, wenn Banquo als Geist erscheint. Beim erneuten Tod Banquos zitiert Sciarrino dann Verdi – aber nicht „Macbeth“, sondern „Un Ballo in Mascera“. Unheilschwangeres Atmen, eine überblasene Flöte und abgerissene Fetzen der Blechbläser geben die Grundstimmung vor. Die Arien von Macbeth und Lady hat der Komponist opernhaft breit, den Epilog betont harmonisch gestaltet.

Ein Fenster wird zertrümmert

David Coleman leitet die Partitur mit Emphase. In der Ecke neben dem Kamin drängen sich 14 Instrumentalisten. Noch im Off startet Duncan, der gute König, der seinen verletzten Sergeanten auf dem Buckel trägt, obgleich er selbst sich auf Krücken stützen muss. Mit faszinierender stimmlicher Ausdrucksbreite gestaltet Otto Katzameier die Titelpartie. Die initiierenden Nachtgeräusche aus der Orchestereinleitung begleiten auch Macbeth’ Dialog mit dem Dolch, wobei der Bariton wiederholt die Kopfstimme einsetzt. In Sackleinen und mit gigantischen Ziegenköpfen und gezückten Dolchen umkreisen die Voci Banquo und seinen Sohn Fleance, der ein Fenster zertrümmert.

Mit Perücke und Krone

Die Lady, mit Allonge-Perücke und Reifrock empfängt den Gatten mit gespreizten Schenkeln auf einem Sessel. Von Krätze befallen, legt sie Oberkleid, Krone und Perücke ab und rennt, von den Voci verfolgt, zum Wasserbecken. Großartig, wie Carola Höhn die Wahnsinnsszene gestaltet. Sehr intensiv auch Katharina Kammerloher als Sergeant, Fleance, Mörder und Wachsoldat. Timothy Sharp charakterisiert den Duncan, einen Höfling und den schottischen Sieger Macduff.

Nach knapp zwei Stunden jubeln die 120 Besucher den Künstlern zu und spenden insbesondere dem anwesenden Komponisten Ovationen. Der Regie führende Altmeister und Hausherr Jürgen Flimm darf rundum zufrieden sein: Der Italiener Sciarrino schreibt im Auftrag der Staatsoper bereits an einer neuen Oper für Berlin.

Staatsoper Unter den Linden „Macbeth“ im Orchesterprobensaal. Tel. 20354555. Am 25., 28., 30. Juni und 1. Juli