Literatur

Als der Wittenbergplatz fest in russischer Hand war

In den 20er-Jahren lebten in Berlin mehr als 300.000 Emigranten, die vor den Bolschewiken geflohen waren. Die Dichterin Vera Lourié erinnert sich an Aufstieg und Niedergang des „russischen Berlins“.

Foto: Berlinische Galerie

Es war die finanzielle Not, die Maria und Vera Lourié 1942 veranlasste, ein Zimmer unterzuvermieten. Was Mutter und Tochter jedoch nicht wussten, war, dass ihr neuer Untermieter in einer Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten aktiv war. Eines Tages kam die Gestapo, nahm den Untermieter mit, durchsuchte das Zimmer und versiegelte es anschließend. Auch Vera Lourié wurde verhört und gefragt, warum sie Russland verlassen habe und nach Deutschland gezogen sei: „Meine Antwort war klar, in Russland sei es schrecklich und in Deutschland herrlich.“ Das war natürlich vor allem klar gelogen, lebte sie doch als staatenlose Halbjüdin in Berlin.

Mehr russische Bücher als in Petrograd oder Moskau

Als das untervermietete Zimmerchen wieder freigegeben wurde, entdeckte der Vater des Festgenommen einen Sender der Roten Kapelle, den die Gestapo bei der Durchsuchung nicht entdeckt hatte: „In einem circa sechs Quadratmeter großen Zimmer! Hätten sie ihn gefunden, wären meine Mutter und ich wohl unten im Hof aufgehängt worden,“ schreibt Vera Lourié. Sie hatte es überlebt. Nicht zum ersten Mal, nicht zum letzten Mal war es Zufälligkeiten zu verdanken, dass sie die NS-Zeit überstand.

97 Jahre alt ist sie geworden, 1998 starb die Dichterin, die jahrzehntelang in Wilmersdorf gelebt hatte, und die die letzte Angehörige des sogenannten russischen Berlins der 20er-Jahre war. Über 300.000 russische Emigranten lebten damals in der Stadt, 2200 russische Bücher erschienen zwischen 1918 und 1924 in Berlin, mehr als in Petrograd oder Moskau. „Einige Zeit lang war die Gegend um den Wittenbergplatz, Tauentzien und die Gedächtniskirche fest in russischer Hand. An jeder Ecke gibt es russische Lokale, auf den Straßen hört man man die Leute Russisch sprechen“, so Vera Lourié. Von dem Symbolisten Andrei Bely, den sie mehr bewunderte als schätzte, blieb vor allem ein Zweizeiler in Erinnerung: „Nacht! Tauentzien! Kokain!/ Das ist Berlin!“

Abrupter Bruch

Ihre Memoiren „Briefe an Dich“, verfasst in alten Schulheften, sind nun erschienen, für die sie zu Lebzeiten keinen Verleger fand. Warum auch immer. Sie sind geschrieben mit dem Wissen um die eigene Endlichkeit, sind sie doch in den zweiten Hälfte der 80er-Jahre verfasst. Das russische Berlin – aufgekratzt, feierwütig und bildungsbeflissen – lebt hier genauso wieder auf wie die Zeiten danach, die jede Lebensfreude und so viele Leben vernichtete.

1901 in Petersburg geboren, führte Vera Lourié in ihrer Jugend in Russland ein frohes, hedonistisches Leben. Der Vater als Arzt sorgte für das Auskommen, die Ausgaben verantwortete die restliche Familie: „Da meine Mutter so oft, mit oder ohne meinen Vater, in das Theater fuhr, und sich erst am frühen Morgen schlafen legte, nahm sie ihr Frühstück meistens im Bett ein.“ Richtig gefrühstückt wurde dann um 13 Uhr. Vera Lourié wurde von einem Schweizer Kindermädchen und einer estnischen Gouvernante umsorgt, für die Bildung sorgte ein Privatlehrer. Ihr Heranwachsen in einem ausgelassenen Bildungsbürgertum war durchaus prototypisch im vorrevolutionären Russland, genauso wie der abrupte Bruch im Leben der „Bourgeoisie“ – um im Jargon zu bleiben – infolge der Oktoberrevolution.

Parallelen zu Nabokovs Berlin

So weist das Leben von Vera Lourié, der Lyrikerin, einige Überschneidungen mit dem von Vladimir Nabokov, dem Schriftsteller, auf. Auch sein Vater war wohlhabend, auch ihn hatte das Schicksal nach Berlin geführt – nachdem sein Vater hier ermordet wurde, wollte Vladimir Nabokov seine Mutter nicht allein lassen. Und außerdem war Berlin „1922 noch der natürliche Fluchtpunkt für einen russischen Intellektuellen“, schreibt Dieter E. Zimmer in seinem Buch „Nabokovs Berlin“. Vladimir Nabokov bleibt länger als je geplant, 1937 erst bricht er nach Belgien auf, denn er macht lange Zeit die gleiche Erfahrung wie Vera Lourié – im Ausland wartet keiner auf sie. Auch Vera Lourié wollte Deutschland verlassen, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Doch „der Schriftsteller Michail Ossorgin riet ihr im November 1933 von diesem Schritt ab, er beschwor die noch größere Not in Frankreich“, schreibt die Journalistin Doris Liebermann in ihrer Einleitung.

Damit enden auch die Gemeinsamkeiten: Vladimir Nabokov hat danach nie wieder deutschen Boden betreten, um nicht zufällig den „deutschen Bestien“ nach dem Krieg die Hand zu geben. Vera Lourié ist in Berlin geblieben, ein wenig Rache nahm sie vor Ort, als die Russen im Mai 1945 in Berlin einmarschierten und in den Keller kamen, in dem Vera Lourié und andere Bewohnerinnen Schutz gesucht hatten. „Eine Frau sagte zu mir: ‚Um Gottes Willen, sagen Sie, dass die Ostarbeiter hier gut behandelt wurden!‘ Ich antwortete ihr: ‚Lügen werde ich nicht.‘“ Dann verließ sie den Keller, nahm die schwangere Hauswartsfrau und ihren Sohn mit. „Im Keller fanden Massenvergewaltigungen statt.“

Sie hat immer Glück gehabt

1938 wurde sie von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen. „Mit Gottes Hilfe“ sei sie wieder freigekommen, schreibt sie. In der Gestapo-Zentrale, seltsam genug, übersetzte sie derweil Briefe aus dem Russischen und die „vorübergehenden SS-Burschen nannten mich ‚Lorchen‘“. Ihr Verlobter stirbt im KZ Dachau, ihre Mutter kommt in das KZ Theresienstadt und überlebt es.

Vera Lourié hat oft Glück gehabt, ob ihr Leben glücklich war, ist sie sich nicht gewiss. „Nur weiß ich immer noch nicht, ob ein Leben, in dem es Tage großen Glückes und schweren Kummers gegeben hat, einem ruhigen, durchschnittlichen Gang durch das Leben vorzuziehen ist“, schreibt sie.