Theater

Kehlmanns „Der Mentor“ funktioniert auch als Boulevard

Daniel Kehlmann hat ein temporeiches Theaterstück über die Abgründe des Literaturbetriebes geschrieben. Aber in „Der Mentor“ steckt noch mehr. In der Komödie am Kudamm wurde Premiere gefeiert.

Foto: Oliver Fantitsch

Sie müssen gegen die Fußballweltmeisterschaft anspielen – aber die Voraussetzungen sind gut. Während die Nationalmannschaft noch auf der Suche nach der Turnierform ist, haben die vier Schauspieler ihre schon erreicht: Mit kräftigem Applaus wurde am Sonntagabend die Berliner Premiere von Daniel Kehlmanns zweitem Theaterstück „Der Mentor“ in der Komödie am Kurfürstendamm gefeiert.

Der Bestsellerautor war nicht der einzige Schriftsteller im Publikum. Angekündigt hatten sich Helmut Krausser, Max Goldt und Rolf Schneider – und auch Rolf Hochhuth gab sich die Ehre. Vielleicht wollte der Dramatiker schauen, ob er es als Figur auf die Bühne gebracht hat, denn Benjamin Rubin erinnert an Hochhuth, der mit seinem „Stellvertreter“ auf einen Schlag berühmt wurde und gern mal prozessiert.

Auch Benjamin Rubin (Volker Lechtenbrink) zehrt noch vom Erfolg seines frühen Theaterstücks „Der lange Weg“ und droht Erwin Wangenroth (Oliver Dupont) von der einladenden Kulturstiftung mehrfach damit, selbige „Grund und Boden zu klagen“, falls es mit dem Honorar Probleme geben sollte.

Eine Paraderolle für Volker Lechtenbrink

10.000 Euro waren ihm für seine fünftägige Mentorentätigkeit zugesagt worden, aber es kracht schon bei der ersten Begegnung zwischen dem Alt- und dem aufstrebenden Jungdramatiker Martin Wegner, der sich bei seinem zweiten Stück „Namenlos“ von dem erfahrenen Kollegen beraten lassen soll. Die „Stimme einer Generation“, so hatte ein Online-Magazin geschrieben, unterschätzt den älteren, bestockten Herren im sandfarbenen Sommeranzug (Bühne und Kostüme: Stephan Dietrich), der ein bisschen senil daherkommt, wenn er seine Witzchen wiederholt – aber das könnte alles auch nur gespielt sein. Eine Paraderolle für Volker Lechtenbrink, der mal den giftpfeilschleuderndem Kotzbrocken, mal den charmant-verführerischen Plauderer gibt.

Andreas Christ spielt den Jungdramatiker als ebenso schnell erregbaren wie selbstverliebten Künstlertyp, der zu großen Gesten neigt: sein ausgedrucktes Stück wirft er samt Laptop in den Teich, nachdem der Mentor es als „poetisches Geschwurbel“ bezeichnet hat. Danach verlässt er beleidigt die noble Unterkunft. Den Stand seiner Beziehung überschätzt er ebenfalls, seine Frau Gina (Rebecca von Mitzlaff) folgt nicht ihm, sondern bleibt bei Benjamin Rubin. Was dann in der Nacht passiert, bleibt im Dunklen wie bei Madame Chauchat und Hans Castorp in Thomas Manns „Zauberberg“, wo die entscheidende Szene zwischen zwei Kapiteln stattfindet.

Daniel Kehlmanns geschmeidiges Stück ist gespickt mit Anspielungen auf die Literatur und den -betrieb, es gibt Querverweise auf seine eigenen Werke wie seinen neuen Roman „F“ – der Buchstabe vom Buchcover taucht auf dem Laptop-Deckel des Jungdramatikers auf –, aber die Inszenierung von Folke Braband funktioniert auch bestens als klassisches Boulevardtheaterstück mit Tempo, pointierten Dialogen und einer doch überraschenden Wendung am Schluss.

Komödie am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206-209, Berlin-Charlottenburg. Bis 13. Juli 2014. Karten: (030) 88591188

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.