Deutsche Oper Berlin

Weltstar Christa Ludwig beklagt unerfüllte Sehnsüchte

Die Sängerin Christa Ludwig hat die Deutsche Oper Berlin geprägt wie nur wenige andere Sängerinnen. In einem Meisterkurs gibt die Künstlerin ihr Wissen an Stipendiaten weiter.

In Klosterneuburg, wo der Wienerwald leicht gebirgig wird, lebt Christa Ludwig schon seit den 1960er-Jahren – seit sie Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper wurde. Vor einigen Jahren kehrte sie dorthin zurück, nachdem es ihr an der Côte d’Azur zu langweilig geworden war. „Ich mag zwar keine Opern“, sagt sie, „aber ich gehe gerne abends mal weg“. Im riesigen Wohnzimmer des edel begrünten Bungalows steht ein weißer Flügel. Eine ganze Bücherwand mit der „Bibliothèque de la Pléiade“ stammt von ihrem Ehemann, dem vor zweieinhalb Jahren verstorbenen Regisseur Paul-Émile Deiber. Auf einem Sekretär liegt ein Haufen kleiner Patience-Karten. Christa Ludwig hat sich gerade ein Eis aufgetan. Unsere Verabredung hatte sie vergessen.

Christa Ludwig: Bitte nehmen Sie doch Platz, ich hatte es mir gar nicht aufgeschrieben. Möchten Sie auch ein Eis?

Berliner Morgenpost: Nein, vielen Dank! Frau Ludwig, gäbe es so etwas wie eine Doyenne unter Opernsängerinnen, so könnten Sie diesen Titel beanspruchen. Wäre es eine schöne Ehre?

Wäre schön. Obwohl es vor allem daran läge, dass ich beinahe die Letzte bin. In Wien bin ich gut mit Gundula Janowitz und mit Ileana Cotrubas befreundet. Aber sonst? Wenn ich – was nie vorkommt – alte Aufnahmen mit mir höre, muss ich eigentlich sagen: „Christa, haste ganz schön gemacht.“ Ich war Perfektionistin. Als mir bei der Eboli mit Karajan in Salzburg mal ein Ton daneben ging, war ich vier Wochen lang deprimiert und habe nur Löcher in die Luft gestarrt. Es ist schön, wenn ich es noch erlebe, dass mir Gutes nachgesagt wird. Nicht erst, wenn es schon „friedhöflich“ klingt und man gestorben ist.

Sie sprechen gern „frei von der Leber weg“. Zeigt sich daran, dass Sie Berlinerin sind?

Vermutlich. Ich habe Jahre gebraucht, um mit den Wienern gut klarzukommen. Denn in Wien gibt es kein klares „Ja“ und „Nein“. Ich bin „Papier-Berlinerin“. Meine Mutter, die wirklich Berlinerin war, hatte beschlossen, dass ich dort zur Welt kommen sollte. Also brach sie hochschwanger in Aachen, wo wir lebten, in ihre alte Heimatstadt auf, damit ich nicht Aachenerin werde. Ich habe nie in Berlin gelebt. Find’s aber toll dort. Die paar Anfangswochen haben möglicherweise ausgereicht, dass ich die Berliner Schnauze bekommen hab’.

An die Deutsche Oper Berlin kehren Sie jetzt mit einem Meisterkurs zurück. Haben Sie selber jemals einen Meisterkurs besucht?

Nein, ich hatte ja immer meine Mutter. Sie war für mich Meisterkurs genug. Ich hasse übrigens dieses Wort. Wir Sänger sind keine Meister. Wir lernen, wenn wir gut sind, immer weiter. Auch durch Fehler meiner Schüler lerne ich selbst am meisten. Also sind eigentlich sie die Meister. Man kann auch nur so gut sein wie die eigenen Schüler. Deswegen hoffe ich, dass man gute Sänger für den Kurs ausgewählt hat.

Sind Sie zu Ihren Schülern so streng wie eine Mutter?

Ich sage, was zu sagen ist. Aber möglichst liebenswürdig. Das Unterrichten ist ein sehr intimer Vorgang, denn man redet mit jemandem über dessen Körper. Singen ist außerdem etwas, das man nicht tun kann, wenn man beschämt ist oder sich gehemmt fühlt. Also muss man immer nett bleiben.

Was sagen Sie Ihren Schülern nicht?

Wenn jemand, sagen wir, keine schöne Stimme hat, dann kann man nur sagen: „Die Konkurrenz ist groß. Sie müssen sich das genau überlegen. Es ist schließlich Ihre eigene Existenz!“ Übrigens gab es auch nicht schöne Stimmen wie bei der Callas oder bei Anja Silja, die trotzdem das gewisse Etwas hatten. Maria Callas, mit der ich selber gesungen habe, hatte wirklich nicht unbedingt eine schöne Stimme. Und ist trotzdem in jedem einzelnen Rezitativ, schon bei den ersten Tönen, absolut unerreichbar. Da fange ich sofort an zu weinen. Von Matthias Claudius gibt es das Wort: „Oh, die Natur schuf mich im Grimme! Sie gab mir nichts als eine schöne Stimme.“ Wohlklang ist nicht alles.

Ihre Stimme galt als ausgesprochen erotisch. War das Ihre Absicht?

Nein. Was man will, ist immer schon verkehrt. Ich glaube, ich hatte Fleisch in der Stimme, sogar Bauch. Das lag aber nicht daran, dass ich mich erotisch gefühlt hätte. Sondern an vielen unerfüllten Sehnsüchten, die ein Sängerleben so mit sich bringt. Ich konnte all das, was mir fehlte, in den Gesang hineinlegen. Deswegen bin ich im Grunde nie eine echte Bach-Sängerin gewesen. Obwohl ich es oft gemacht habe. Ich war zu persönlich und nicht neutral genug. Heute dagegen verstehen viele Sänger nur noch etwas von Sex. Und nichts von Erotik. Das führt auch zu nichts.

An der Deutschen Oper Berlin haben Sie viele Ihrer Parade-Rollen wie Amneris, Ortrud, Octavian, Dorabella und Klytämnestra gesungen. Warum wurden Sie von Ferenc Fricsay nicht von Anfang an fest engagiert?

Ich war bei der Eröffnung des Hauses 1961 dabei, aber nur im Publikum. Denn mein damaliger Mann Walter Berry sang den Leporello im „Don Giovanni“. Es gab dann anschließend einige Opern, in denen ich mitwirkte. Dass Fricsay mich nicht fest nach Berlin holte, lag auch daran, dass ich zu sehr mit der Wiener Staatsoper in Verbindung gebracht wurde. Wenn Fricsay in Wien gastierte, haben wir oft miteinander konzertiert. Wir hatten nichts gegeneinander.

Ihr Berliner „Fidelio“ ist kürzlich auf DVD erschienen. Tatsächlich einer Ihrer größten Erfolge?

Ja, aber die Leonore lag für mich eigentlich zu hoch. Ich hatte mit 17 Jahren bei bunten Abenden zu singen begonnen, bevor ich 1946 zuerst nach Frankfurt engagiert wurde. Ich hatte alles gesungen, was vorkommt. Fidelio habe ich nur gesungen, weil meine Mutter die Rolle genau 30 Jahre früher unter Karajan in Aachen gesungen hatte. Und meine Mutter hatte ich eben auch immer neben mir. Sie hat mir auf die Finger geklopft, wenn etwas nicht richtig war. Ich habe „Fidelio“ auch unter Klemperer aufgenommen. Dafür hatten wir 14 Tage Zeit. Klemperer, der schon alt und krank war, konnte jeden Tag nur eine kurze Strecke aufnehmen, der Rest wurde – in seiner Anwesenheit – auf Klavierproben verwandt. So konnte ich mir die Rolle aneignen.

Wurde früher sorgfältiger geprobt als heute?

Nein, das kann man so nicht sagen. Die Brangäne mit Karajan etwa habe ich ohne jede Probe aufgenommen. Ein guter Dirigent weiß, ob ein Sänger gut bei Stimme ist oder nicht. Böhm und Karajan konnten mitatmen. Bernstein weniger. Auch mit James Levine am Klavier habe ich Lieder mehr oder weniger ohne Proben aufgeführt. Wenn man sich gut kennt...

Sie haben eine sehr kontinuierliche Entwicklung vom leichten zum schweren Fach vollzogen. Weshalb ist das heute so selten?

Ich glaube, es liegt daran, dass junge Sänger heute nicht mehr so leben, wie man als Sänger leben muss. Man darf nichts! Nicht reden und nicht rauchen und nichts trinken. Ich habe gelebt wie ein Sportler. Es gab auch Ausnahmen wie etwa Birgit Nilsson. Ich hatte denselben Halsarzt wie die Nilsson, und der hat mir erzählt, dass sie eben auch breite Stimmbänder besaß, die alles Mögliche aushielten. Ich dagegen habe Stimmbänder wie Wollfäden. Mit denen konnte ich, wie ich glaube, besser modulieren als es die Nilsson konnte. Die stattdessen die Marmorblöcke der großen Wagnerschen Partien hinlegen konnte wie nichts.

Wäre es eigentlich ausgeschlossen gewesen, dass Sie auch an der Berliner Staatsoper aufgetreten wären?

Ich habe es nur ein einziges Mal getan, nämlich mit der „Winterreise“. Mit Tzimon Barto am Klavier, der damals, glaube ich, Anabolika einnahm, so dass nach einem Konzert mit uns eine Tageszeitung titelte: „Arnold Schwarzenegger mit seiner Mutter“. (Lacht.) Auch das Schauspielhaus, das heutige Konzerthaus, habe ich mit eingeweiht. Man muss bedenken, dass ich in Wien einen Fix-Vertrag hatte und für jeden anderen Auftritt Urlaub einreichen musste. Eigentlich bin ich zwischen dem Bau und dem Fall der Mauer überhaupt zu selten in Berlin aufgetreten.

Seit Ihnen und Grace Bumbry hat es einen enormen Aufschwung des Mezzo-Soprans gegeben. Sehen Sie es mit Genugtuung?

Ich sehe, dass Cecilia Bartoli, die ein sehr schöner Mezzo-Sopran war, immer mehr ins Sopran-Fach geht. Ähnlich wie ich es auch gemacht habe. Als Mezzo ist man eigentlich in der viel glücklicheren Lage, überall mitmischen und alle ärgern zu können. Man ist überall dabei. Ich wollte nur immer neue Aufgaben bewältigen. Zu meiner Zeit gab es den Ausspruch von Walter Legge, man brauche eigentlich nur fünf Partien zu beherrschen – so wie es seine Ehefrau Elisabeth Schwarzkopf befolgte –, und könne dann überall damit auftreten. Das fand ich schrecklich. Wie ein Beamter!

So sind Sie nicht?

Mein Charakter ist: Ich will immer Hürden überwinden. Ein langweiliges Leben, so wie ich es jetzt führe, finde ich eigentlich fürchterlich.

Meisterkurs: Am 22. Juni (11.30 Uhr, Eintritt frei) findet der Unterricht öffentlich statt. Am 23. Juni (20 Uhr, Karten 16/8 Euro) werden die Ergebnisse der dreitägigen Arbeitsphase in einem Konzert im Foyer präsentiert.