Berliner Geschichten(n)

Jürgen Gosch - Unverschämt und unerbittlich

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Reinhard Wengierek

Er quälte seine Schauspieler, sich selbst und manchmal auch das Publikum. Weil er es niemandem leicht machte, gelangen Regisseur Jürgen Gosch vor allem an Berliner Bühnen epochale Inszenierungen.

Kollegen sagen, er war ein Eigenbrötler, Nörgler, Schimpfer, hochmütig, verschlossen, geheimnisumwölkt, immer scharf beobachtend. Und hätte wenig gelten lassen von dem, was andere auf die Bühne stellten. Doch die Schauspieler, die habe er geliebt…

Was für ein Kerl, dieser Jürgen Gosch (1943-2009)! Dabei war er klein und schmächtig. Und überhaupt nicht das, was man tolles Mannsbild nennt, sondern leise, eine zarte Figur, eher schüchtern („Es kostet Mühe, die anderen auszuhalten“). Wenn ich ihn dann doch mal am Telefon hatte (Journalisten gingen ihm auf den Keks), dann konnte er sehr ätzend sein und unergiebig. Man musste den Mut haben, es später noch einmal zu versuchen. Hatte man Glück, womöglich gar bei ihm zu Hause in der luftigen Charlottenburger Altbauwohnung, dann überraschte er möglicherweise als Plaudertasche, die ungeniert loslegte und austeilte. „Man sieht doch, der Untergang ist gewaltig; auch die Kollegen meiner Generation machen nur noch Schrott oder gar nichts mehr...“

Aber er konnte sich selbst ja auch sehr in Frage stellen. Doch die Quälerei mit der Kritik an sich wie an den anderen, „was immer ziemlich weh tut“, die halte frisch, so seine unerschütterliche Meinung. „Meine selbstsichersten Phasen, das waren stets die schlechtesten.“

Schwerer Anfang im Westen

Beispielsweise sein Desaster mit der Antritts-Inszenierung als Chef und Nachfolger von Stein und Bondy an der Berliner Schaubühne mit „Macbeth“ anno 1989. Dieser Riesenreinfall folgte auf die von Selbstsicherheit getragenen Jahre zuvor, als Gosch, aus der DDR kommend, im Westen bejubelt wurde als Regisseur. Danach dann der unsägliche „Macbeth“, ein geradezu traumatisierendes Debakel. Gosch verließ die Schaubühne sofort, tauchte fast ein Jahrzehnt lang ab. „Ich war verzweifelt; habe mich geschämt und wusste nicht, wie ich je wieder rauskommen sollte aus diesem Loch.“ Zwar holte ihn Thomas Langhoff ans Deutsche Theater, doch Gosch blieb wie gelähmt. „Es war totale Scheiße“, sagte er kalt im Rückblick auf die 1990er Jahre.

Beispiellose Spätkarriere

Erst viel später, mit Albees Eheschlacht „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ 2005 am Deutschen Theater (mit Harfouch und Matthes), da brach wie ein Wunder das Eis. Gosch war wieder da und bereit, gereift oder seelisch frei für eine zweite, eine beispiellose, wundersam blühende Spätkarriere. Seine beiden zwar nüchtern lakonisch, aber mit Schmerz und Herzblut betriebenen Sehnsuchts- und Vergeblichkeitsspiele mit Tschechow gibt es noch heute im Deutschen Theater: der unendlich traurige, elend komische „Onkel Wanja“; die so unendlich liebevolle, so gelassen sarkastische „Möwe“ im rabenschwarzen Käfig. Zwei epochale Welt- und Menschendeutungen.

Mit der „Haha! Alterskarriere“ einhergehend habe er sich, gestand Gosch unbekümmert, sehr viel mehr als zuvor für die Leute interessiert, mit denen er arbeite, habe wenigstens etwas abgelassen vom Tunnelblick auf sich selbst. Die Kollegen taten ein Gleiches, auch aus Zuneigung. Und ließen sich ein auf sein unerhört freies, von Scham und Hemmung befreites Probieren. Nur so, meinte Gosch, sei eine „gewisse Blindwütigkeit im Spiel“ zu erreichen, ohne die man nichts Neues im Stück entdecke. Erst ungeniertes Sich-Gehen-Lassen der Schauspieler „im verschwenderischen Sinn“ mache Theater stark und paradoxerweise konzentriert und klar.

Skandal mit „Macbeth“ in Düsseldorf

So kam es anno 2006 zu der als Irrsinns-Skandal wahrgenommenen „Macbeth“-Inszenierung in Düsseldorf. Sie führte zu massenhaft Schnappatmung im Publikum: Die Ströme von Blut und Kot, die wüste Horde nackter Kerle, alle Rollen spielten, Männer, die sich gegenseitig abschlachten, das war den Leuten zu viel Wahrhaftigkeit. Das vorgeführte Grauen einer gefallenen Schöpfung im dampfenden Orcus überforderte. Und war doch nichts weiter als ein Spiel – mit dem Text, mit den Leibern der Spieler. Ein Kunststück; freilich mit unerbittlicher Wucht. Aber doch nur der alten Wahrheit entsprechend, dass der Mensch des Menschen ärgster Feind sei. Eine Wahrheit, die zumutbar sein muss. Was sonst sollte uns all das Theater, meint Gosch. „Man guckt immer, wie weit man gehen kann. Und muss immer gucken, ob man schon weit genug gegangen ist.“ Tolles Theater müsse anstößig sein. Und das Geschrei nach der Sittenpolizei im Theater sei „nur dumm und verlogen“.

„Freilich, jeder Dödel will heutzutage Grenzen einreißen, schon um aufzufallen. Doch es gibt nichts Dümmeres, als sich das vorzunehmen.“ Den Impuls dazu, den immerhin müsse man haben, aber merken dürfe das keiner. Goschs „Impuls“ allerdings ist bemerkenswert hemmungslos: „Den Autorentext begrapsche ich mit Schmutzfingern aber erst nach pingelig genauem Lesen.“ Soviel zum Handwerk; zu Exzess und Analyse.

Opfer eine tückischen Krankheit

Jürgen Gosch wurde 1943 in Cottbus geboren und in Ost-Berlin als Schauspieler ausgebildet. Nach einer so eisig grotesken wie entrückt märchenhaften Inszenierung von Georg Büchners bitterbösem Traumspiel „Leonce und Lena“ 1978 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz fiel der Regisseur in Ungnade (Büchners Staatsrat als blinde Greisentruppe an Krücken war zu viel DDR-Analogie). Man schob ihn ab „nach drüben“. Sein Weg dort war ihm nicht leichter; er war anders schwer; war weit und führte nach ganz oben sowie in tiefe Löcher.

Er habe erst ziemlich spät zu dem gefunden, was ihm ein einigermaßen akzeptables Theater sei: Verheißung, Verstörung, Erkenntnis, Lust, Leid. „Theater ist eben auch Leidensort!“, rief er sibyllinisch grinsend - oder war es Traurigkeit? Vielleicht hatte er ja zu viel gelitten und zu viel unerträglich gefunden und die Skrupel wüteten zu heftig in ihm – der Preis für sein spätes Glanzwerk, das abbrach durch eine tückische Krankheit. Schon früh, mit 65 Jahren, raffte sie den Familienvater 2009 hinweg. Vielleicht hat auch der finale Schicksalsschlag einiges zu tun mit seinen Ansprüchen und Schwächen, die er nur allzu genau sah, aber nicht wegstecken konnte, sondern aushalten musste.

Es heißt, er war ein fanatischer Grübler, sich selbst kaum erträglich, seltsam. Ich gedenke seiner in Liebe.