Pop

Andreas Bouranis „Auf uns“ hat Potenzial zum WM-Hit

Mit „Auf uns“ führt Andreas Bourani die Charts an. Mit dem Song hat er vielleicht den WM-Hit geschrieben. Seit sechs Jahren lebt er in Berlin - und vermisst hier nur die Berge.

Foto: Mathias Bothor

Man hört es jetzt gerade viel im Radio. Dieses Lied „Auf uns“. Und es ist zum Wundern. Denn das Lied ist perfekt. Es feiert den Moment, das Leben, all das, was passiert und was uns umwerfen könnte. Es ist sehr deutsch und hat doch so viel positive Energie. Vielleicht steht es deshalb seit fast zwei Wochen auf dem ersten Platz der deutschen Single-Charts – das Lied trifft einen Zeitgeist. Endlich wollen wir feiern, endlich soll es Sommer werden. Raus, raus, raus.

Was zum Wundern ist, ist dass einem vieles daraus bekannt vorkommt, so bekannt, dass man sicher ist, es hätte einer der üblichen Verdächtigen geschrieben. Sind die Streicher am Anfang nicht von Coldplay, ähnelt die Stimme in den Höhen Herbert Grönemeyer, hat Xavier Naidoo endlich mal einen geraden Text geschrieben? So ist es aber nicht. Zum Wundern ist auch, dass diese Hymne so perfekt in die Zeit vor der Fußball-Weltmeisterschaft fällt, dass es alles kein Zufall sein kann. Denn wer „Auf uns“ hört, sieht die Nationalmannschaft am Brandenburger Tor den WM-Pokal stemmen, sich gegenseitig Bierduschen verpassen, sich selbst und all die anderen jubeln.

Hey, wir kennen uns doch

Der Mann, der dieses Lied singt und geschrieben hat, heißt Andreas Bourani. Deutscher Vorname und ein Nachname, der auf irgendeinen Migrationshintergrund schließen lässt. So weit.

Derzeit gibt Bourani viele Interviews, tritt beim Frühstücksfernsehen auf, promoted sein neues Album „Hey“, das am 9. Mai erschienen ist. Wenn man dann Andreas Bourani sieht und trifft, stellt sich ein sehr freundlicher, dunkelhaariger Mann mit einer tiefklaren Stimme vor. Er vermittelt gleich ein Wir-kennen-uns-doch-Gefühl. Da steht einer von uns, ohne Attitüde, ein Deutscher mit irgendeinem nicht deutschen Hintergrund, so wie jeder Fünfte, der hier lebt. Besonderheit: Bourani spricht mit einem bayerischem Singsang.

Schulabbruch als Antrieb

In einem Konferenzraum mit Blick auf die Spree im Universal-Music-Haus antwortet er auf die Frage, wie es ihm gerade gehe: „Das ist alles Wahnsinn. Das, was gerade passiert, ist schon etwas Überragendes.“ Und er erzählt, wie er sich freut, dass sein Lied auf dem ersten Platz ist, davon, dass er das schon einmal erlebt hat. 2011 mit seinem Debüt-Album „Staub und Fantasie“ und dem Nummer-1-Hit daraus „Nur in meinem Kopf“, damals war er zum ersten Mal ganz oben. Mit 27 Jahren, nachdem er zehn Jahre lang darauf hin gearbeitet hat.

Mit 17 oder 18, so genau weiß er es nicht mehr, hat er in der zwölften Klasse das Gymnasium geschmissen, um nach München zu gehen und Musiker zu werden. „Mir war klar, dass mir die Schule nichts mehr bringt. Ich wusste, ich will Musiker werden, wusste zwar nicht, wie ich dahinkomme, aber Schule hat auch keinen Sinn mehr ergeben“, sagt er ohne große Reue. Er war damals im musischen Zweig der Schule, Musik sein Hauptfach, sein Instrument das Klavier. Solides Grundwissen für seine Arbeit heute. Die Schule abgebrochen zu haben, sei sein Antrieb gewesen, es zu schaffen. „Ich wusste immer, es gibt kein Zurück mehr.“

Eine gute Zeit, um in Berlin zu sein

Das Video zu „Auf uns“ wurde in Berlin gedreht. Darin hebt Bourani euphorisch die Arme auf dem Alexanderplatz und die Kamera dreht sich um ihn herum an der Oberbaumbrücke. Berlin ist neben ihm der zweite Hauptdarsteller des Films. Seit sechs Jahren lebt im Prenzlauer Berg. Die Stadt habe ihn magnetisch angezogen, sagt er, er wollte andere Künstler treffen, die Energie und die Kraft miterleben. Gerade jetzt habe er das Gefühl, sei Berlin nach dem Mauerfall zum ersten Mal richtig da, seien die Spuren der Teilung kaum mehr zu spüren.

„Ich habe das Gefühl, es ist einfach gerade eine sehr gute Zeit hier zu sein. Berlin ist gerade auf dem Höhepunkt“, sagt Bourani. Im Video zieht in kurzen Sequenzen das Leben in seiner Verschiedenheit vorbei. Paare, die sich küssen, junge, alte, schwule, kranke und verliebte Menschen. Allen geht es gut. Viel Lachen, viel einzigartige Momente, Pathos, ein Werbefilm auf das Leben.

Viele Drehszenen ergaben sich zufällig

Ob so ein Erfolg planbar ist? Andreas Bourani glaubt es nicht: „Wir haben das nicht vorhersehen können. Die Nummer ist schon vor einem Jahr entstanden. Eigentlich als Ode an meine Freunde. Das kennt ja jeder, wenn alles stimmt, wenn man feiert, trinkt und gut isst. Und alles zusammen passt. Am nächsten Morgen habe ich versucht, das Gefühl aufzuschreiben.“

Viele Menschen und Faktoren haben danach wieder gut gepasst, seine Arbeit mit dem Musiker Julius Hartog und den Produzenten, aber auch der Videodreh. Dafür konnte er Kim Frank gewinnen. Achtung, ja der, der frühere Frontmann der in den 90er-Jahren sehr erfolgreichen Band „Echt“,macht jetzt Musikvideos unter anderem auch für den früheren Ich+Ich-Sänger und nun Solokünstler Adel Tawil. Eine Bedingung hatte Bourani für den Dreh: „Ich wollte unbedingt, dass in Berlin gedreht wird. Hier ist das Lied auch entstanden.“ Beim Dreh haben sich dann viele Szenen eher zufällig ergeben, wie das Hochzeitspaar, das darin vorkommt. Daraufhin habe er sehr viele Anfragen von anderen Paaren bekommen, ob er nicht auf deren Trauung singen oder ihnen zumindest die Noten geben könnte.

Liebeskummer in Endlosschleife

Während die Ode „Auf uns“ auf seinem Album das positive, glückliche Wir beschreibt, erzählt die Ballade „Delirium“ etwas vom tiefen, abgewiesenen Individuum. Darin singt Andreas Bourani von der unerfüllten, sehnsüchtigen Liebe. „Du bist ein einziger Exzess, in dem man sich vergisst, von dem man auch nicht lässt, wenn man sich daran verbrennt, hab nichts gesucht und nichts vermisst, du kamst wie Fieber über mich, bist ein Gefühl das mich zerfrisst, kann nicht mit dir, nicht ohne dich.“ Ein wirklich schöner „Liebeskummer in Endlosschleife-Hit“.

Auf die Frage, woher er nun wirklich komme, hat Andreas Bourani generell keine Lust. Ja, er sei adoptiert worden. In Augsburg geboren und dann schnell zu seinen Eltern gekommen. Seine leibliche Mutter? Kenne er nicht. Ihr Hintergrund könnte nord-afrikanisch sein. „Aber für wen ist das eigentlich wichtig?“, fragt er. Oft würden Leute nur wissen wollen, warum seine Haare so dunkel sind und seine Haut so braun, um irgendwelche Vorurteile bestätigt zu sehen. „Ich habe die Idee, diese Ideologie nie verstanden, warum man versucht, jemanden aufgrund seines Äußeren oder für das, was jemand ist, zu verurteilen. Ob nun Homophobie oder sonst was. Immer die Frage, woher man kommt. Das ist doch völlig egal. Man muss sich halt in Deutschland davon verabschieden, dass ein Deutscher blonde Haare und blaue Augen hat. Ich bin hier aufgewachsen. Das reicht doch.“

Er sei ein Augsburger, der in Berlin die Berge vermisst. Mehr nicht. Punkt. Auf ihn.

Das Album Andreas Bourani: Hey (Vertigo Berlin, 14,99 Euro)