Komische Oper

In der Unterwelt sucht der Held seinen ermordeten Bruder

Barrie Kosky hat an der Komischen Oper Rameaus Meisterwerk „Castor et Pollux“ inszeniert. Dem Regisseur ist ein atemvoller, melancholischer Opernabend gelungen. Das Publikum feiert die Premiere.

Foto: Christian Marquardt / Getty Images

Es sind zwei Brüder, zwei Helden, zwei Anzugträger. Aber Castor und Pollux haben ein Problem: Sie lieben dieselbe Frau. Télaire ist ihr Name. An der Komischen Oper geht es wieder einmal leidenschaftlich und barock zu. Hausherr Barrie Kosky zeigt seine Neuinszenierung von Jean-Philippe Rameaus Meisterwerk „Castor et Pollux“. Für diese Koproduktion mit der English National Opera London hat er bereits den wichtigsten britischen Theaterpreis, den Laurence Olivier Award, erhalten. Am Ende des dreistündigen Abends weiß man warum. Kosky ist ein überaus atemvoller, auch melancholischer Opernabend gelungen. Die Berliner Premiere sieht sich bejubelt.

Erstmals in französischer Sprache

Es ist zugleich ein Tabubruch anderer Art, denn erstmals in der Geschichte des Opernhauses, das sich durch den Gründer Walter Felsenstein zu deutschsprachigen Aufführungen verpflichtet sieht, wird ein Stück in französischer Sprache aufgeführt. Bei der Barockoper wirkt es wie ein Weichzeichner. Insofern ist Christian Curnyn am Pult mehr für alles dramatisch Sprühende zuständig. Er hält die Zügel fest in der Hand, führt seine Sänger und Musiker, die auch mit Barockbögen spielen, durch die Handlung. Mag sein, dass dem Orchester die federnde, barocke Tanzmusik weniger im Blut liegt.

Dafür erlebt man eine wunderbare Abstimmung zwischen Bühne und Graben, alle Solisten können sich präsentieren, keiner muss sich Schneisen durch eine Orchesterfront schlagen. Alles fügt sich harmonisch zusammen. Musikalisch gelingt ein Abend voll artifizieller Innigkeit und Durchsichtigkeit.

Das Nichts oder die Götterwelt?

Dazu trägt auch das Bühnenbild von Katrin Lea Tag bei. Es ist eine große Holzkiste, eine Guckkastenbühne, mit sich hebenden und senkenden Zwischenwänden. Dahinter öffnet sich am Ende ein tiefschwarzer Abgrund. Das Nichts oder die Götterwelt? In dem autistischen Raum lässt Kosky die Menschen wie Marionetten agieren. Regelmäßig knallen die Sänger gegen die Wände, alles stößt an seine Grenzen, auch die Gefühle. Es geht um Liebe und Verzicht, Rache und Abschied.

Als Regisseur zeigt Kosky diesmal seine andere Seite, er verzichtet auf bunten Showbiz und konzentriert sich auf das Seelendrama. Es gibt keine Perücken, nichts Komisches, sondern nur singende Menschen mit großen, auch harten Gesten. Gut, die Sänger tragen verschiedene Farben, was dem Publikum hilft, die an sich verworrene Handlung zu verfolgen. Und Kosky will etwas erzählen.

Ein streitbares Frauenbild

Bereits nach zwanzig Minuten ist Castor tot. Ermordet. Nein, es war nicht der Bruder. Die Beiden lieben und brauchen sich, verzichten gegenseitig auf die Geliebte, auf die Unsterblichkeit, aufs Leben. Und machen andere Unverständlichkeiten. Aber da sind noch Télaire und ihre Schwester Phébé im Spiel. Ihnen haftet etwas Hysterisches an. Das Frauenbild ist das Schwierigste in dieser fünfaktigen Rameau-Oper (gespielt wird die spätere Fassung von 1754), und auch Kosky entgeht dem männlichen Chauvinismus nicht, zumal er das Erotische vorführen will. Da wird Phébe schon mal zwischen die Beine gegriffen, und die Verführerinnen des Göttervaters Jupiter (Alexey Antonov) sind Lolitas, die ihre Höschen fallen lassen. Aber natürlich können hehre Männer allem Irdischen widerstehen.

Durchweg geschmeidige Stimmen

Es ist der geflügelte Götterbote Mercure (Aco Aleksander Bišćević), der Pollux auf seinem Weg zur Unterwelt begleitet. Hinab in die Abgründe der Seele, wo die Neurosen und Sehnsüchte herrschen. Kosky setzt in seiner Produktion auf durchweg hörenswerte, geschmeidige Stimmen. Einzig Allan Clayton als Castor setzt tenoral kraftvollere Akzente, seinen Bruder Pollux verwandelt Günter Papendell mit seinem schlankem Bariton vom Hemdsärmligen hin zum Einfühlsamen. Sopranistin Nicole Chevalier vollzieht als Télaire mühelos das Wechselspiel zwischen Sinnlichkeit und Verzweiflung. Die Phébé von Annelie Sophie Müller ist ein einziges Aufbegehren. Herausragend ist wieder einmal der Chor, gerade auch mit seiner Spielstärke.

Komische Oper, Behrenstr. 55-56, Mitte. Tel. 47997400 Termine: 15., 30.5.; 6.6.; 12.7.