Stargeigerin

Warum Anne-Sophie Mutter auf Bruckner hört

Anne-Sophie Mutter hat zusammen mit Pianist Lambert Orkis eine neue CD „The Silver Album“ produziert. Mit uns sprach sie über Beziehungen, Afrika, Dior-Roben und das Älterwerden.

Foto: Tina Tahir/ DG

Die deutsche Stargeigerin Anne-Sophie Mutter und der amerikanische Pianist Lambert Orkis spielen seit 25 Jahren zusammen. Eine Art künstlerischer Silberhochzeit. Das Duo hat das Jubiläum zum Anlass genommen, die neue CD „The Silver Album“ auf den Markt zu bringen und auf Tournee zu gehen. Am 14. Mai gastieren sie nun in der Philharmonie.

Berliner Morgenpost: Jede dritte Ehe hierzulande wird nach durchschnittlich 14,5 Jahren geschieden. Sie spielen jetzt schon ein Vierteljahrhundert mit Lambert Orkis zusammen. Gibt es ein Geheimnis?

Anne-Sophie Mutter: Naja, nun ist es ja keine Ehe, sondern es ist eine musikalische Partnerschaft. Er selbst führt seit vielen Jahren eine offensichtlich irrsinnig glückliche Ehe und führt dies auf einen Ratschlag seines Vaters zurück: Wenn Du heiratest, musst Du nicht 50 Prozent investieren und die anderen 50 Prozent von deiner Frau erwarten, sondern du musst 200 Prozent investieren. Und in gewisser Weise ist unsere musikalische Beziehung ähnlich.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Wir versuchen uns gegenseitig zu helfen, unsere Klang-, Phrasierungs- und Tempovorstellungen zu realisieren und auch bei schwierigen Passagen einem Trapezseilartistenpaar gleich in die richtige Position zu kommen, um eine virtuose Passage wirklich in ihrer ganzen Brillanz spielen zu können.

Das klingt, als hätte es nie einen Streit zwischen Ihnen gegeben.

Nein – wohl auch, weil Musiker generell sehr harmonieliebende Menschen sind. Zwar sind wir beide sehr temperamentvoll, aber es ist uns in dieser musikalischen Beziehung immer gelungen, Diskussionen ganz sachlich und mit großer Aufmerksamkeit zu führen, ohne dass die Fetzen flogen. Wir sind beide sehr neugierig und nehmen den anderen wirklich immer ernst – auch wenn er mir zum tausendsten Mal den Unterschied zwischen zwei Vogelarten zeigt, den ich einfach nicht sehen kann.

Zwischen zwei Vogelarten?

Ja, wir sitzen auf unseren Tourneen nächtelang vor seinem Laptop, und dann zeigt er mir seine Bilder. Denn er ist inzwischen ein fantastischer Fotograf geworden und eben auch Hobbyornithologe. Und seine Anregungen haben auch dazu geführt, dass ich nach vielen Jahrzehnten des Wunsches nun endlich auch nach Botswana aufbreche!

Anne-Sophie Mutter zieht es nach Afrika?

Es gibt aus meinen Kindertagen einen Fernsehbeitrag, da habe ich auf die Frage, was ich mir wünsche, als Neunjährige stolz in die Kamera getrötet: Dass ich immer eine gute Geige habe, ein ferngesteuertes Auto – das bekam ich zu meinem 50. Geburtstag – und eben eine Afrikareise.

Wann brechen Sie auf?

Im August. Mit meinen Kindern unternehme ich ja so einige Reisen. Wir sind in drei verschiedenen Camps und werden die Flora und Fauna studieren – und ich könnte mir vorstellen, dass ich danach eigentlich gar nicht mehr zurückwill.

Ihr 50. Geburtstag im vergangen Jahr war kein Thema für Sie?

Nein, das ist nur eine Zahl. Richtig ist natürlich, dass man mit zunehmendem Alter an seiner sportlichen Form arbeiten muss: Man ist mit 50 zwangsläufig nicht mehr so fit wie mit 30 und so treibe ich, seit ich 40 bin, regelmäßig Sport. Das tut mir sehr gut, befreit enorm und gibt mir auch die nötige körperliche Frische, um mich auf der Bühne zu verausgaben.

Was steht bei Ihnen auf dem Trainingsplan?

Joggen bei schönem Wetter – wobei ich am Konzerttag selbst keinen Sport treibe, das wäre kontraproduktiv. Ansonsten hauptsächlich joggen, wandern, bergsteigen – und wenn sonst nichts da ist, gehe ich ins Fitnessstudio und reiße ein bisschen an den Geräten herum. Das tue ich drei- bis fünfmal die Woche.

Gibt es Altersgrenzen für einen Virtuosen?

Für einen kreativen Menschen gibt es keine Altersgrenze, aber es kommt sicher der Tag, an dem die Feinmotorik nicht mehr den hohen Ansprüchen genügt, die man an sich selbst hat. Dann ist die Frage: Stelle ich die Feinmotorik auf die gleiche Stufe wie die geistigen Früchte, die ich jetzt ernten kann und über die ich vor 30 Jahren noch nicht verfügen konnte?

Was ist eigentlich das Besondere an diesen Dior-Roben, denen Sie auch schon seit Jahrzehnten die Treue halten?

Sie sind einfach bequem. Das ist ein Komfortfaktor, und ich möchte ungern irgendetwas auf der Bühne verändern, was mich von der Musik ablenken könnte: Höhere Schuhe, flachere Schuhe, spitzere Schuhe – Pustekuchen! Es ist gut so, wie es ist, ich möchte mich ganz auf das Konzert konzentrieren können, und entsprechend sind die Kleider seit Jahrzehnten immer dieselben in wechselnden Farben.

Böse Zungen würden fragen, ob wegen der teuren Kleider auch Ihre Gagen so hoch sind?

Ich denke, das ist Angebot und Nachfrage – so wie überall.

Aber finden Sie es nicht bedauerlich, wenn sich gerade junge Menschen wegen zu hoher Eintrittspreise einen Konzertbesuch nicht leisten können?

Wenn ich sehe, was eine Karte für ein Fußballspiel kostet und wie voll die Stadien jedes Wochenende sind, dann wage ich im Umkehrschluss zu behaupten: Das Problem ist doch nicht der Kartenpreis, sondern dass – und das war schon in meiner Jugend so – wir mittlerweile bereits die zweite, wenn nicht dritte Generation von Kindern haben, an denen die Musik bewusst vorbeigeführt wird.

Ihre Stiftung zur musikalischen Nachwuchsförderung versucht doch, dem entgegenzusteuern?

Die Stiftung ist klein, aber wenn man sich die Weltkarte anschaut, dann muss ich doch – sehr stolz auf meine Stipendiaten blickend – feststellen, dass wir viele der heute international konzertierenden jungen Streicher sehr früh gefördert haben. Was mich ganz ungemein freut.

Findet sich aktuell unter Ihren Schützlingen eine neue Anne-Sophie Mutter?

Das wäre furchtbar, wenn mein Bestreben wäre, eine Klonenfabrik aufzustellen! Natürlich haben wir immer wieder außergewöhnliche Stipendiaten – im Moment sind es zwei, auf die ich ein besonderes Augenmerk lege: Hwayoon Lee ist eine Bratschistin, die 2013 als 16-Jährige den Yuri Bashmet-Wettbewerb gewonnen hat und nun in Kronberg studiert. Die zweite ist die junge Koreanerin Ye-Eun Choi.

Ihr allererster Stipendiat, Wei Lu, kam 1998 aus Peking und ist heute Erster Konzertmeister des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin.

Ich erinnere mich noch, dass ich ihn zum Bergsteigen mitgenommen habe und mit ihm Rudern gegangen bin. Er war ein absolutes Arbeitstier, zwölf Stunden üben am Tag – und ich habe gesagt: So ein Schwachsinn, lass’ uns rudern gehen, schau’ dir die Berge, die Schätze dieser wunderbaren Natur an, denk’ an Bruckner – lebe! Denn Musik speist sich aus vielen Inspirationsquellen – und letztlich ist man als Interpret immer so gut wie der Reichtum des Lebens, aus dem man schöpft.

Konzert: Philharmonie, 14.5., 20 Uhr. Kartentel. 826 47 27

CD: Anne-Sophie Mutter/Lambert Orkis „The Silver Album“ (DG)