Gallery Weekend

Kunst, so weit die Füße tragen - bis zur Erschöpfung

Beim Gallery Weekend sind viele Besucher abends unterwegs. Schon am Vorabend luden die ersten Galerien zum Abendessen oder zum Trinken ein. Manche ließen um 20 Uhr keinen mehr rein.

Foto: Puppe Engel

Wenn Menschen über das Wetter reden, haben sie entweder nichts zu erzählen, Langeweile, oder aber das Wetter ist wirklich erzählenswert. Vor der Galerie Isabella Bortolozzi am Schöneberger Ufer kommen gleich alle drei Möglichkeiten zusammen. „Viel kälter als letztes Jahr“ trifft auf „Man kann ja eigentlich nichts Vernünftiges anziehen“. Man wärmt sich an kalten 0,33-Liter-Bierflaschen. Es ist 19.30 Uhr am Eröffnungsabend des Gallery Weekends. Eine große Schlange reicht bis fast zur Potsdamer Straße. Obwohl das Gallery Weekend ja erst heute losgeht, sind viele schon erschöpft.

Am Vorabend luden die ersten Galerien zum Abendessen, zum Trinken, zum was auch immer. Da waren sie zum Beispiel schon im Borchardt. Contemporary Fine Arts lud zum Dinner und Christian Rosa, die neue Malerhoffnung, fing irgendwann laut zu singen an, auf seinem Kopf trug er eine rote Mütze. An den Nebentischen saßen der Designer Michael Michalsky und der Coiffeur Udo Walz.

Trotz Jubiläum alles wie immer

Bortolozzi scheint alles richtig zu machen, denn der Andrang ist so groß, dass sie um 20 Uhr niemanden mehr hereinlassen. Die Galerie zeigt den Künstler Wu Tsang. Wu Tsang hat einen Film gemacht, der „A day in the lofe of bliss“ heißt und auf zwei Kanälen gleichzeitig läuft. Und dazu kommt Boychild. Boychild ist ein Frau, die sehr männlich aussieht, aber Brüste und eine Pyramide auf den Bauch tätowiert hat. Aber das sehen die meisten gar nicht, weil sie ja vor der Galerie stehen, und drinnen die Performance stattfindet.

Zehn Jahre gibt es das Gallery Weekend jetzt schon. Trotz des Jubiläums ist eigentlich alles wie immer. Eva und Adele fahren mit dem Taxi in Mitte vor. Wieder in Rosa. Wieder mit Stiefeln. Wieder mit Glatze. Und der Boulevard schreibt nicht über die Kunst, sondern über Vito Schnabel. Der Sohn des großen Malers Julian Schnabel ist 27 und hat mal mit Heidi Klum geknutscht. Und wer mit Heidi Klum geknutscht hat, den fotografiert man eben.

Schnabel schaute sich zusammen mit Christian Rosa am Nachmittag auf der Karl-Marx-Allee die Arbeiten von David Ostrowski an. Rosa und Ostrowski malen ja sehr ähnlich. Wobei sie ja nicht nur malen, sondern auch sprayen, zeichnen. Das ist eine neue Generation junger Maler, die Mischtechniken benutzt. Selbstbewusst, fast größenwahnsinnig die Gegenständlichkeit auflöst, viel Weiß auf ihren Leinwänden lässt, dazwischen Striche, bröckelnde Geometrie, Wolken, wieder Striche.

Im zehnten Jahr ist der Punk wieder zurück

Die Malerei ist rastlos, kommt nie an, ist immer in Bewegung. Die, die bei Bortolozzi abblitzen, gehen die Potse entlang zu Blain Southern. Blain Southern zeigt Arbeiten des britischen Bildhauers Lynn Chadwick. Metallene Fantasietiere, zwischen Robotern, Cyborgs und Ufos. Chadwicks Arbeiten funktionieren an der Schnittstelle zwischen Design, Dekoration und tatsächlicher Kunst. Fantastisch.

Wir stehen am Schlesischen Tor. Im Bi Nuu findet die CFA-Party statt. Hallo Daniel, sagt einer. Und Daniel Richter, der drei Gläser, zwei Longdrinks und ein Weißweinglas durch den Club balanciert, fragt nach einer Zigarette, die er, weil er ja beide Hände voll hat, direkt in den Mund gesteckt bekommt, die dann aber runterfällt, auf den Boden des Clubs. Christian Rosa springt auf die Bühne, es spielt so eine Punkband, und Rosa schreit irgendwas mit hey Berlin, oder fuck, oder sonstwas. Im zehnten Jahr des Gallery Weekends, das weiß man jetzt, ist der Punk wieder zurück.