Literatur

In Kreuzberg und Neukölln wird wieder eine Mauer aufgebaut

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Arne Willander

Eigentlich ist Peter Huth Chefredakteur der „BZ“. In seinem Roman „Berlin Requiem“ nimmt er sich nun die Stadt mit galliger Ironie vor.

Dieser Roman lässt einen schaudern. „Berlin Requiem“ ist ein kühnes Gedankenspiel, ein absurder Thriller, eine Satire auf die Medienwelt und ein apokalyptisches Schauerstück: Kann so ein Experiment gelingen? Peter Huth errichtet wieder eine Mauer in Berlin: Der sogenannte Lazarus-Virus verbreitet sich in der Stadt, infiziert werden offenbar nur türkische und arabische Menschen mit Migrationshintergrund, vorsichtig formuliert. Die Infizierten sterben innerhalb von zwei Tagen, doch mutieren sie zu Untoten, die kannibalistisch über die Lebenden herfallen. Um die Seuche zu begrenzen, wurden Kreuzberg und Neukölln, die „Kontrollierte Zone“, abgeriegelt und eingemauert; bewaffnete Posten bewachen das Gebiet.

Im Zwielicht der Politik

Die Versuchsanordnung ist also einigermaßen abenteuerlich, doch Huth verankert das surrealistische Geschehen im Zwielicht von Medien und Politik. Der Reporter Robert Truhs (einer von vielen sprechenden Namen in dem Roman), seine Freundin, die Fernsehmoderatorin Sarah, und der gemeinsame Wegbegleiter Christian von Posen, der schnöselige Erbe eines TV-Senders, werden von der Endzeitsituation getrieben; sie verbindet eine wilde Vergangenheit in Berlin und in Warschau: Christian liebt Sarah, die Robert liebt, der nicht recht weiß, ob er sie liebt.

Robert ist einer dieser hartgesottenen Typen, die mit ihrem Kameramann immer auf der heißen Spur sind: Er brachte den Innensenator Olaf Sentheim, einen weißhaarigen Populisten mit Augenklappe, zu Fall, indem er ihm Unregelmäßigkeiten nachwies, woraufhin der Geschasste ein Buch über die Gefahr durch Migranten und Arbeitsscheue schrieb, das ihn zum Volkshelden und außerdem reich machte. Der Ausnahmezustand bringt Sentheim zurück an die Macht, denn der schmierige Senator Henning Sterb tritt zurück und steht bald am Flughafen, nicht ohne Robert Truhs vorher ein brisantes Video auszuhändigen.

Vernichtungsfeldzug gegen Infizierte

Der selbstverständlich opportunistische, überforderte Bürgermeister verbündet sich eilig mit dem starken Mann Sentheim, den er einst entlassen hatte. Das joviale, stanzenhafte Geschwätz dieser wendigen Polit-Lemuren gehört zum Gelungensten des Romans. Derweil wird der Polizist Mike Fegin, der sich in die Problemzone gewagt hatte, von den Zombies überwältigt, doch beginnt der Ramponierte an der Seite des kernigen Kameramannes Ben, der alles filmt, einen rambomäßigen Vernichtungsfeldzug gegen die Infizierten, Pflichtmensch noch nach dem klinischen Tod. So weit die Füße tragen. Und wo weit die Munition reicht.

Auch Sarah, die libanesische Wurzeln hat, schleicht sich in die Kontrollierte Zone ein, um nach Verwandten zu fahnden, und gelangt zum legendären Karstadt am Hermannplatz, in dem sich ein paar Freischärler verschanzt haben. Proviant gibt es aus der Lebensmittelabteilung im Kellergeschoss, und vom Dach aus lässt sich das Elend der lebenden Toten beobachten, die durch die Dunkelheit krauchen. Handy-Läden, Döner-Buden, Fast-Food-Kantinen: Überall wesen Gespenster mit blutenden Schwären. Es ist ein wüstes Land. Schon rüstet eine Bürgerwehr, angestachelt von Olaf Sentheim, zum Sturm auf das Seuchengebiet: Grimmig entschlossene Männer, eben noch am Gartengrill, bewaffnen sich zur Schlacht gegen die Aussätzigen. Die Untoten sollen getötet werden.

Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit

Die wahrlich kühne Kolportage wird nicht zur Klamotte, weil Peter Huth die knalligen Szenarios raffiniert arrangiert. Huth leitet die Boulevard-Zeitung „BZ“ und kennt also die Wechselwirkung von Politik und Medien, die Meinungsmache, Skandalisierung und Nachrichtenhatz, die Schranzen, Schmarotzer und Intriganten. So unwahrscheinlich der Plot ist, so plausibel sind die Mechanismen des Medienbetriebs und der Öffentlichkeit geschildert: Mit galliger Ironie lässt Huth das Personal von Fernsehen, Presse, Polizei und Regierung aufmarschieren, karikiert Klischees und evoziert nicht rein zufällige Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit.

Die Pamphlete des Thilo Sarrazin klingen nicht nur in der Rede vom „Türken-Gen“ an, Macho-Attitüden, Alphatier-Protzerei und Betroffenheits-Heuchelei werden genüsslich – durchaus im Stil eines Trivialromans – durchbuchstabiert. Zwischen Charité, Urban-Krankenhaus, Mehringdamm, Oberbaumbrücke, Hasenheide, Tempelhof und Oranienplatz siedelt Huth die Schauplätze des Grauens an; Helikopter kreisen, auf den Ausfallstraßen flüchten die Bewohner aus der jetzt touristenlosen Geisterstadt, für Reporter ist Jagdzeit. Sensationsgier, Spekulationen und Besserwisserei schießen ins Kraut. Im Fernsehstudio tritt ein Wissenschaftler gegen einen Scharfmacher an. Und Robert Truhs muss sich entscheiden zwischen Bleiben oder Fliehen, Verstand und Gefühl.

Parabel über eine zum Untergang verurteilte Stadt

Peter Huth ist einerseits ein Realist, der die Berliner Verhältnisse genau kennt. Er ist aber andererseits ein Fabulierer und ein Fantast, der den arabeskenreichen und märchenhaften englischen Prog-Rock von Bands wie Genesis, IQ, King Crimson und Van der Graaf Generator liebt. In Rückblenden umreißt er Lebensläufe und beschreibt das Dreiecksverhältnis von Robert, Sarah und Christian und deren dekadentes Exil in Warschau, einem Idyll der gefährlichen Freiheit zwischen Kokain, Ennui und Übermut. In der Parabel über eine zum Untergang verurteilte Stadt verbirgt sich auch eine ferne Utopie, die zum Finale des Endspiels aufscheint und die man mit einem großen Wort „Ewiges Leben“ nennen könnte.

Buchpräsentation mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Anna Thalbach: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141. 28.4., 20 Uhr.