Deutsche Oper Berlin

Stimmwechsel muss nicht das Ende für die Chor-Karriere sein

Die Stimmwechsler-Gruppe der Deutschen Oper betreut Jungen, die während der Pubertät aus dem Kinderchor ausscheiden müssen. Manche sind künftig im neu gegründeten Jugendchor tätig.

Foto: Christian Kielmann

Man nannte sie Mutanten – bis vor etwa 20 Jahren waren Jungen im Stimmwechsel das zweiköpfige Kalb im Gesangsbetrieb und Chorleitern nicht ganz geheuer. Dabei ist das, was früher „Stimmbruch“ genannt wurde, kein pathologischer Zustand, sondern ein normaler biologischer Prozess. Wenn sich während der Pubertät der Stimmumfang erweitert, wachsen Kehlkopf und Stimmlippen. Währenddessen geht Sängerknaben der vorher so sichere Zugriff auf ihr gesamtes Tonspektrum zeitweise verloren.

„Die Kopfstimme ist da, die Tiefe zum Teil auch schon, aber dazwischen können sie bestimmte Töne plötzlich nicht mehr ‚greifen’“, beschreibt Sängerin Rosemarie Arzt diese Phase. Das Muskelgedächtnis versagt wegen der anatomischen Veränderungen. Die Stimme schmiert sozusagen ab.

Aber nicht bei allen Jungen, weiß die erfahrene Stimmbildnerin, ist dieser Wechsel um etwa eine Oktave nach unten holprig, in Einzelfällen geht es sogar „ganz geschmeidig“. Bei manchem dauert die Transformation nur ein Vierteljahr, bei anderen fast anderthalb. Welche Stimmlage herauskommt und von welcher Qualität die Männerstimme am Ende sein wird, gleicht einer kleinen Lotterie. Selbst auf die Faustregel „Aus den höchsten Knabensopranen werden die tiefsten Bässe“ kann man sich nicht verlassen. Früher folgte auf die Diagnose „Stimmbruch“ jedoch regelmäßig das Rezept „totale Singabstinenz“.

Die Natur wirken lassen

Rosemarie Arzt lehnt das ebenso ab wie die Bezeichnung „Bruch“: „Das klingt, als sei etwas kaputtgegangen, das bis zur Heilung unbedingt stillgelegt werden muss, um keinen dauerhaften Schaden zu nehmen“, sagt sie kopfschüttelnd. Die Sopranistin, selbst Mitglied des Chors der Deutschen Oper, betreut die vor einem Jahr gegründete, rasch wachsende Stimmwechsler-Gruppe, die aus dem Kinderchor ausscheidende Jungen auffängt und durch diese schwierige Phase begleitet. Das Rezept der Frau Arzt: „Die Natur wirken lassen. Sich damit anfreunden, dass die Stimme Dinge macht, die sie danach nie wieder macht. Und Vertrauen haben, dass am Ende alles in Ordnung kommt.“ So können die Jungen sogar Spaß an den überraschenden Volten ihres inneren „Instruments“ haben.

Seit der Grundschule im Kinderchor

„Carmen, Tosca, Macbeth, Parsifal...“ Wenn Atilim Ürgün und Niklas Wagner die lange Liste der Produktionen aufzählen, in denen sie im Laufe der Jahre auf der Bühne standen, sieht man ihnen die Begeisterung an. Seit der Grundschule haben sie im Kinderchor gesungen. Als die älteren unter ihren Mitsängern nach und nach weniger wurden, sei er schon traurig gewesen, erzählt der 15-jährige Atilim, der Klavier und Gitarre spielt und mit seinen dicken schwarzen Locken und markanten Augenbrauen optisch glatt als Sohn von Rolando Villazón durchginge. Schließlich habe man dadurch vor Augen geführt bekommen, dass man selbst auch bald „dran“ sei. Der gleichaltrige Niklas – Fagott-Gigbag über der Schulter, verschmitztes Jungs-Gesicht wie Tim der Reporter und eine schon überraschend tiefe, volltönende Stimme – spricht aus, was beide empfunden haben: „Ich war einfach nur froh, als ich erfahren habe, dass es hier für mich weitergeht und die Stimmwechsler-Gruppe kommt!“

Weiter auf der Opernbühne stehen

Dadurch blieb das vertraute Umfeld Oper erhalten, das Proben-Programm aber ist ein ganz anderes als im Kinderchor: Improvisationen, die sich die akustischen Besonderheiten der „mutierenden“ Stimme zu Nutze machen, gehören ebenso dazu wie A-Capella-Arrangements inklusive Übungen in Bühnendarstellung: Verschwinden in der Masse des Kinderchors war gestern.

Eine Chor-Zukunft an der Deutschen Oper gibt es für Atilim, Niklas und ihre Kollegen trotzdem: Im neu gegründeten Jugendchor, der beim Programm „Song in a bottle“ des hauseigenen Jugendclubs „on stage“ am 29. und 30. April in der Tischlerei dabei sein wird. „Das geht von Abba über Hindemith bis Purcell“, kündigt Chorleiter Christian Lindhorst an. Er ist sicher, dass es kein Zufall sein kann, dass viele Opernsänger bereits sehr früh in Chören aktiv waren: „Aber selbst wenn man keine Sängerlaufbahn einschlägt – die grundlegenden Gesangstechniken und die gesamte musikalische Ausbildung bleiben einem ja erhalten, nicht nur während des Stimmwechsels, sondern für immer.“

Deswegen trauert Niklas auch seiner entgangenen Solokarriere im zarten Alter von sieben Jahren keineswegs nach. Damals sang er für die Rolle von Sissi-Söhnchen Rudolf im Musical „Elisabeth“ vor. Er bekam sie nicht, dafür wenig später den Hinweis auf den Kinderchor an der Oper. „Wenn’s mit ,Elisabeth’ geklappt hätte, hätte ich all das hier nicht erlebt!“