Film

„The Amazing Spider-Man 2“ strampelt sich frei

Erst feierte er Berlin-Premiere, jetzt kommt er ins Kino: „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ emanzipiert vom alten Spiderman. Dabei bietet der neue Wandkrabbler so viel Action wie nie.

Foto: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Fast verpasst er seinen eigenen Highschool-Abschluss. Alle anderen sitzen schon da, in ihren Talaren und Hüten, und nehmen ihr Zeugnis entgegen. Peter Parker flitzt gerade noch rechtzeitig herbei, als sein Name aufgerufen wird. Aber er hat halt auch bis eben noch bei einer ziemlich spektakulären Straßenschlacht in Manhattan aufgeräumt. Und das Hübsche ist, dass er hier von einer Verkleidung in die andere springen muss: vom Spider-Kostüm in den Talar.

Auch Tobey Maguire, der Darsteller der ersten Spider-Man-Filme, ging anfangs noch zur Schule. Aber Maguire sah immer schon zu alt dafür aus. Mit dem Reboot der Serie vor zwei Jahren wollte man vor allem das: den Superhelden einer jüngeren Generation schmackhaft machen. Deshalb darf Andrew Garfield als Spider-Man 2.0 manchmal ein ziemlicher Kindskopf sein. Deswegen hat er ständig coole Sprüche drauf, wenn er in atemberaubenden Sequenzen durch die Straßenschluchten von New York saust.

Ein Kindskopf im Superkostüm

Deshalb wirft er immer seine Alltagsklamotten ab, nicht aber sein Handy, das irgendwo im superengen Superkostüm verborgen ist. Ein Heroe von heute muss jederzeit erreichbar sein. Einmal sieht man Spider-Man sogar verschnupft in der Apotheke – mit Schal und Mütze überm Kostüm. Ein Superheld ist auch nur ein Mensch. Und die „Spider-Man“-Musik aus den ersten Filmen verkommt hier zum Handy-Klingelton. So viel Ironie muss sein.

Als Marc Webb die Regie für den Spider-Man-Reboot und damit den Staffelstab von Sam Raimi übernahm, war es ihm wichtig, „dass er nicht stoisch ist – sondern im Grunde noch ein Kind“. Während Autorenfilmer Raimi aus der Comicgestalt eine tieftragische Figur mit fast antiken Dimensionen machte, geht Webb vor allem – um den Spaß. Im Grunde tut er dasselbe wie seine Hauptfigur: Er tobt sich aus.

Warum alles noch mal von vorn?

„The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ kommt dann Gründonnerstag ins Kino. Mit dem zweiten Teil strampelt sich Marc Webb quasi frei. Beim Neustart vor zwei Jahren dachte noch jeder an den ersten Spinnenmann. Und fragte sich vor allem: Warum jetzt noch mal alles von vorn? Und noch mal alles ein bisschen anders?

Die Halbwertszeit von Superhelden scheint immer mehr zu fallen. „Superman Returns“ (2006) kam immerhin 28 Jahre nach dem ersten und 19 nach dem letzten „Superman“ mit Christopher Reeve ins Kino, „Batman Begins“ (2005) 16 Jahre nach dem ersten und acht Jahre nach dem letzten der alten „Batman“-Filme. „The Amazing Spider-Man“ aber folgte nur zehn Jahre nach dem ersten und fünf nach dem letzten „Spider-Man“ mit Tobey Maguire. Da muss man schon fragen dürfen, ob Hollywood gar nichts Neues mehr einfällt.

Nicht ein Gegenspieler, sondern drei

Wie um das vergessen zu machen, liefert der neue Wandkrabbler so viel Action wie nie. Gleich zu Beginn mit der wüsten Straßenschlacht. Später kriegt dann Oscar-Preisträger und Tarantino- „Django“ Jamie Foxx als unscheinbarer Angestellter, den jeder übersieht, den Stromschlag seines Lebens. Und zapft fortan als Electroman allen Energie ab und wirft sie als geballte negative Ladung zurück. Da kracht erst der Times Square zusammen und später geht dem ganzen Big Apple das Licht aus.

Jeder frühere „Spider-Man“ hätte sich mit solch einem Gegner begnügt. „Rise of Electro“ aber geht noch weiter. Der Mann, der anfangs in der Straßenschlacht überwältigt wird, wütet am Ende als überdimensioniertes Panzer-Rhinozeros „Rhino“. Und dann trifft Peter Parker noch auf einen alten Schulkameraden, dem wir in „Amazing Spider-Man 1“ zwar gar nicht begegnet sind, den wir aber trotzdem, aus den Raimi-Filmen, gut kennen: Harry Osborn damals von James Franco gespielt und jetzt von Dane DeHaan, der so aussieht wie Leonardo DiCarpio vor 20 Jahren. Jeder Spider-Man-Kenner weiß: Wenn ein Osborn auftritt, ist auch ein weiterer Superschurke nicht weit: der Grüne Kobold.

Immer noch eins drauf

Das ist vielleicht das Überraschendste an „Rise of Electro“. Nachdem die Ursprünge neu erzählt sind und auch das Mädchen an Spideys Seite eine andere ist, könnte man jetzt seiner eigenen Fantasy freien Lauf lassen. Aber dann taucht eben auch Personal aus den früheren Filmen auf, auf die man im ersten Teil aus guten Gründen verzichtet hat. Und die Weichen werden sogar so gestellt, dass die Spinne im nächsten Film wieder auf das andere Mädchen treffen könnte.

Das sind jetzt aber ein bisschen viel Handlungsstränge, meinen Sie? Es kommt noch dicker. „Amazing Spider-Man 2“ beginnt fast identisch wie Nr. 1, mit der Flucht von Parkers Eltern, die den Jungen als Waisen zurücklassen. Die Flucht wird diesmal ein bisschen ausführlicher gezeigt. Aber garantiert wird man sich auch im dritten Teil noch freudianisch am Über-Ich abarbeiten. Electro-Man leidet darunter, dass ihn die Leute nicht wahrnehmen. Gwen (Emma Stone) leidet darunter, dass Spider-Man mit ihr Schluss machen will, aus Angst, ihr könne was passieren. Osborn leidet darunter, dass sein Schulkamerad ihm nicht helfen will. Und Peter Parker leidet trotz Superkräften daran, dass seine Eltern ihn zurückgelassen haben.

Von den Avengers rechts überholt

Das ist ein bisschen viel des Leidens, selbst für 143 Minuten Spielzeit. Gut möglich, dass mancher Zuschauer dabei den Überblick verliert. Marc Webb schafft es auch nicht wirklich, alle Stränge in einem großen Finale, sondern quasi einen nach dem anderen aufzulösen. Das ist eine etwas merkwürdige Dramaturgie. Keine klassische, eher nach dem Motto: immer noch eins drauf. Der Grund dafür ist folgender: Spider-Man hat noch ganz andere Gegner. Nicht im Film. Aber im Comic-Universum.

Seine Kollegen aus demselben Comic-Haus Marvel, die Avengers, haben es geschafft, an den klassischen DC-Helden Superman & Batman, aber auch am bisherigen Marvel-Vorzeige-Heroen vorbeizuziehen. 5,5 Milliarden haben Iron Man, Captain America, Thor & Co. mal allein, mal als Super-Allianz bislang weltweit eingespielt. Ein Franchise-Erfolg, der seinesgleichen sucht. Dagegen rüsten selbst Batman und Superman 2016 mit einem gemeinsamen Film. Spidey aber muss es ganz alleine richten. Da kann man gar nicht genug Knaller setzen.