Berlin-Pankow

Im ehemaligen Kino „Flohkiste“ wird wieder Kultur geboten

Die Kunst hat drei Säulen, sagt Ralf Luderfinger: den Text, die Musik und das Jonglieren. Im „Zimmer 16“ sorgen er und ehrenamtliche Helfer dafür, dass Kultur einen Platz in Berlin-Pankow hat.

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

Ralf Luderfinger steht vor der offenen Tür des „Zimmer 16“ an der Florastraße 16 in Berlin-Pankow. Er raucht eine Zigarette und beobachtet das Treiben auf der Straße. Autos brausen vorbei, zwei Männer mit Bierflaschen sind in ein ernstes Gespräch vertieft, ein junger Vater kommt auf Luderfinger zu und bittet um den Spielplan. „Aber gerne doch“, sagt der und reicht ihm einen Flyer.

Steht er gern dort draußen vor seiner Spielstätte? „Muss ich ja“, brummt er. „Seit dem Rauchverbot müssen wir alle raus. Früher haben wir drinnen gequalmt, bis die Bude blau war. Aber das ist vorbei.“

Das „Zimmer 16“ liegt mitten im sogenannten Florakiez. Es ist die einzige Kleinkunstbühne in Pankow. Der Raum ist schmal und dunkel. 60 Zuschauer können auf schwarzen Klappstühlen Platz nehmen, für 20 weitere Gäste gibt es Stehplätze. Die Bühne ist nur 16 Quadratmeter groß, der Schallschutz so gering, dass die Verstärker nicht voll aufgedreht werden können.

Anfragen aus aller Welt

Die Schwächen dieses Veranstaltungsorts sind zugleich seine Stärken: Die Atmosphäre ist intim und entspannt, die Zuschauer sitzen in Reihen und nicht in Grüppchen zusammen. Das Geschehen auf der Bühne wird aufmerksam verfolgt. „Es gibt unter den Künstlern so eine Art Buschfunk. Es spricht sich herum, dass bei uns die Akustik gut ist und dass das ein angenehmer Ort für Auftritte ist“, sagt Ralf Luderfinger. Anfragen von Künstlern kommen aus der ganzen Welt. Abends wird ein Songwriter aus Kanada auftreten, eine Woche später ein Sänger und Gitarrist aus Chile. Bis zum Jahresende ist die Spielstätte ausgebucht.

Rund 300 Abendvorstellungen finden jährlich im „Zimmer 16“ statt, das seit zwölf Jahren seinen Platz an der Florastraße hat. Sechs Auftritte pro Woche sind zu organisieren, dazu kommen vier Kindervorstellungen, die meist sehr gut besucht sind. 15 Ehrenamtliche helfen Ralf Luderfinger bei der Arbeit im „Zimmer 16“: Sie stehen abends an der Bar, regeln den Einlass und bedienen die Technik.

In den 50ern war hier das Kino „Flohkiste“

Luderfinger betont, dass alle Mitarbeiter genauso wichtig seien wie er selbst, auch wenn auf seine Initiative hin der Veranstaltungsort entstanden ist und er es war, der kurz nach dem Fall der Mauer den „Förderverein Mikado“ gegründet hat. Der Verein ist Träger des „Zimmer 16“ und finanziert ihn durch Spenden- und Eintrittsgeld. Eine öffentliche Förderung gibt es nicht.

Ralf Luderfinger ist in Pankow geboren und hat immer dort gelebt, genau wie die meisten seiner Mitstreiter. „Aber es gibt auch Leute, die extra aus Bernau hierherkommen“, sagt Ullrich Strübig, der sich unter anderem um die Finanzen kümmert.

Das Wort „früher“ fällt oft, wenn man mit Luderfinger und den anderen redet. „Die Florastraße hatte früher richtig viel Flair, dann war hier nach der Wende jahrelang nichts los“, erzählt er. „Jetzt wird es wieder netter. In letzter Zeit sind viele Familien hierhergezogen, und eine Menge Cafés haben aufgemacht.“ Kalle, der Schatzmeister des Vereins, gesellt sich zu Luderfinger und erzählt, dass in den Räumen des „Zimmer 16“ in den 50er- und 60er-Jahren ein Kino war. „Flohkiste hieß es. Ich war als Kind oft da“, sagt er.

Nach dem Mauerfall begann das Clubsterben

Vor dem Fall der Mauer hatte Ralf Luderfinger als Autoschlosser gearbeitet, dann machte sein Rücken nicht mehr mit, und er wurde zum Techniker umgeschult. Er bekam eine Stelle im „Prater“ an der Kastanienallee, der früher ein Kulturzentrum war, zu dem zwölf Jugendclubs gehörten. Luderfinger gründete den 13. Jugendclub, den Dunckerclub, und fand seine Bestimmung als Clubleiter. Dann fiel die Mauer, in den folgenden Jahren gab es für viele kleine Veranstaltungsorte mit vier oder fünf fest angestellten Mitarbeitern keinen Platz mehr. Luderfinger arbeitete noch für den Knaack- und den Franzclub, der damals noch mit einem „n“ geschrieben wurde.

„Ich habe in fünf Clubs das Licht ausgemacht“, sagt er über diese Zeit. Auch für ihn gab es keinen Platz mehr. Er wurde erneut umgeschult, diesmal zum Arbeitsvermittler. „Ich kam aus der Sozialarbeit und sollte plötzlich Gesetze durchdrücken, an die ich selbst nicht geglaubt habe. So etwas kann nicht funktionieren“, sagt der 57-Jährige.

Er wurde schwer krank, ging in Rente und hatte wieder Zeit für die Kulturarbeit. „Die Kunst hat drei Säulen: Den Text, die Musik und die Jonglage. Bei uns darf man alles machen: singen, Handstand auf einem Stuhl oder selbstverfasste Gedichte vortragen“, sagt Luderfinger. „Das Ziel unseres Vereins ist schließlich die Künstlerförderung.“

Schlecht besuchte Abende sind kleine Katastrophen

Regelmäßig finden „offene Bühnen“ statt, bei denen jeder auftreten darf. Die Kabarettisten Marc-Uwe Kling und Sebastian Krämer hatten ihre ersten Auftritte auf der kleinen quadratischen Bühne, wie er stolz erzählt. „Zu uns kommen aber auch Erzieherinnen, die zum ersten Mal nicht vor Kindern singen. Sie machen das nur zum Spaß. Genau so eine Mischung wollen wir auch haben“, sagt Ute Danielzick. Die Liedermacherin moderiert die „offenen Bühnen“ und ist Luderfingers Stellvertreterin.

Bekannte Künstler wie Manfred Maurenbrecher und Frank Viehweg, die problemlos größere Hallen füllen, treten regelmäßig im „Zimmer 16“ auf und sorgen für ein ausverkauftes Haus. „Wir haben aber auch Abende, an denen nur fünf Leute kommen“, sagt Luderfinger. Da der Eintritt selten mehr als acht Euro kostet und zusätzlich die Einnahmen aus dem Barbetrieb fehlen, sind solche Abende kleine Katastrophen für die Spielstätte. Das „Zimmer 16“ kann sich finanziell nur mit Müh’ und Not über Wasser halten. Zweimal stand die Spielstätte kurz vor dem Aus. Private Darlehen und Spenden konnten das Ende noch einmal abwenden. Ans Aufhören denkt Ralf Luderfinger dennoch nie. „Das ist das Clubleiter-Virus“, sagt er. „Ich habe es mir damals im Prater eingefangen und werde es nicht wieder los.“