Schau auf Stasi-Gelände

"Friedliche Revolution 1989/90" wird dauerhaft gezeigt

Der Publikumserfolg „Friedliche Revolution 1989/90“ wird erneut ausgestellt. Dieses Mal dauerhaft auf dem Stasi-Gelände in Berlin-Lichtenberg.

Foto: Amin Akhtar

Die Sansevierien haben den Stasi-Chef überlebt. Das Liliengewächs gilt als pflegeleicht und fast "unzerstörbar" und erfreute sich in den 80er-Jahren gleichermaßen in Ost und West großer Beliebtheit. Es hat die friedliche Revolution gut überstanden. Und auch die Jahre danach.

Die Exemplare, die in den früheren Diensträumen Erich Mielkes stehen, stammen noch aus der Zeit, als die Staatssicherheit Angst und Schrecken verbreitete.

Auf 22 Hektar hatte sich die Stasi nördlich der Frankfurter Allee im Bezirk Lichtenberg ausgebreitet, mit direkter Anbindung zum U-Bahnhof Magdalenenstraße. In Haus 1, wo der Minister seinen Dienstsitz hatte, ist heute ein Museum untergebracht. Und auf dem Parkplatz davor soll künftig die Ausstellung zur "Friedlichen Revolution 1989/90" gezeigt werden. Wir treffen uns mit Kurator Tom Sello auf dem Gelände.

Am "authentischen Ort", das ist Tom Sello wichtig, denn dort gehöre sie hin. Der 56-Jährige kennt das Areal noch aus DDR-Zeiten. Zweimal ist er hier vernommen worden. Eingang Magdalenenstraße, sagt er und zeigt in Richtung Osten. Später kam er freiwillig wieder, als es darum ging, die Stasi-Unterlagen vor der Zerstörung zu bewahren.

Es war im Herbst 1990, kurz vor dem Beitritt zur Bundesrepublik, die Volkskammer diskutierte über den Umgang mit den Akten, und an der Frankfurter Allee, an einem der Eingänge zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wurden Mahnwachen abgehalten. Sello, der bei der Umweltbibliothek mitarbeitete, war dabei.

Mielkes Privatbereich

Heute ist die Zufahrt aufs Gelände an mehreren Stellen möglich, die Stahltore wurden entfernt, ein Wachhäuschen samt Schlagbaum, das früher am Eingang Ruschestraße stand, befindet sich heute neben dem Stasi-Museum. Davor parken Reisebusse, sowohl Schulklassen als auch Erwachsene besichtigen an diesem Vormittag die weitgehend originalgetreu erhaltenen Räumlichkeiten. Werfen einen Blick in den großen Konferenzsaal, die Teeküche, das Casino und Mielkes Privatbereich.

Eine Etage höher gewährt die temporäre Ausstellung, die im kommenden Jahr von der neuen Dauerausstellung "Staatssicherheit in der SED-Diktatur" ersetzt werden soll, einen Einblick in die Observationsmethoden der Stasi. Kameras wurden in Baumstümpfen, Damenhandtaschen oder einem Müllbehälter installiert. In einem anderen Stockwerk feiert sich der junge Staat selbst, zum 6. Jahrestag der DDR-Gründung verkündet ein Plakat: "Unser Weg ist gut".

Das empfanden nicht alle Menschen so. Und daran erinnert die Ausstellung zur "Friedlichen Revolution 1989/90". Nachdem Kultur-Staatsministerin Monika Grütters (CDU) kürzlich für die dauerhafte Präsentation auf dem Gelände der früheren Stasi-Zentrale eine finanzielle Unterstützung – vom Bund sollen 750.000 Euro kommen, weitere 250.000 Euro steuert die Berliner Lottostiftung bei –, zugesichert hat, starten im Mai die Vorbereitungsarbeiten für die Neuauflage. Es sei ihr ein Anliegen, mit der Ausstellung den Menschen dieses weltweit einzigartige Ereignis vor Augen zu führen, in dem friedliche Bürger ein undemokratisches Willkürsystem zu Fall brachten, erklärte Grütters.

Die von der Robert-Havemann-Gesellschaft konzipierte Ausstellung war 2009 zum 20. Jahrestag des Mauerfalls auf dem Alexanderplatz gezeigt und wegen des hohen Besucherinteresses bis 2010 verlängert worden, über zwei Millionen Menschen sahen die Schau. Auf dem pulsierenden, aber unwirtlichen Alexanderplatz wurden damals eigens Bänke installiert, damit sich das Publikum setzen konnte, um an Hörstationen die Film- und Tondokumente anschauen zu können. Daneben umfasst die Dokumentation über 700 Fotos, Textdokumente und Gegenstände. Sie schildert den Weg von der friedlichen Revolution im Herbst 1989 bis zur deutschen Einheit und den ersten gesamtdeutschen Wahlen am 2. Dezember 1990.

Vom Alexanderplatz, auf dem eine kleine in den Boden eingelassene Kupferplatte an die legendäre Demonstration am 4. November 1989 erinnert, zum immer noch abgeschirmt wirkenden Areal in Lichtenberg – das ist mehr als ein Ortswechsel. Laufkundschaft hat man dort keine, trotzdem hofft Sello, dass er mit der Präsentation unter freiem Himmel auch Menschen erreicht, die sonst nicht in solche Ausstellungen gehen würden. Immerhin passt sie in auf dem ehemaligen MfS-Gelände bestens in den Gesamtkontext. Drinnen im Museum geht es um die Täter, draußen auf dem Parkplatz um die Menschen, die sich nicht mit den Verhältnissen in der DDR abfinden wollten und letztlich eine Diktatur mit friedlichen Mitteln gestürzt hätten. "Der Mauerfall kam ja nicht aus dem Nichts", die Ausstellung, die im Mai 2015 eröffnet, soll an die "großartige Kraft erinnern", sagt Sello.

Der Kurator zeigt auf die noch verhüllte Fassade eines Gebäudes, das noch saniert werden soll. Das gehört zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die Jahn-Behörde verwaltet die Stasi-Unterlagen. Dort könnte künftig ein großformatiges Foto an die Besetzung der Stasi-Zentrale vom 15. Januar 1990 erinnern, sagt Sello.

Wahrscheinlich beschränkt sich die Präsenz der Havemann-Gesellschaft, die 1990 von der Bürgerbewegung Neues Forum als politischer Bildungsverein gegründet wurde, in Lichtenberg nicht auf die Ausstellung, möglicherweise zieht auch das Archiv um. Der Nachlass des DDR-Dissidenten Robert Havemann bildete den Grundstock für das 1992 eröffnete Archiv. Das enthält Protestschreiben an DDR-Behörden, verbotene Flugblätter, Briefe, Fotos und Oppositionszeitungen. Das Archiv gilt mit seinen Dokumenten zum Widerstand gegen die DDR-Obrigkeit, zu Umweltgruppen und kirchlichen Initiativen als einzigartig. Momentan ist es in in einem Hinterhaus in Prenzlauer Berg untergebracht.

Eingang über Ruschestraße 103, 10365 Berlin

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.