Film

Geschwister Brüggemann - Allein gegen Verweigerungsfilmer

Anna und Dietrich Brüggemann haben für ihren gemeinsam geschriebenen Film „Kreuzweg“ einen Berlinale-Bären bekommen. Die beiden mussten aber auch viel Kritik einstecken. Jetzt kommt ihr Film ins Kino.

Foto: Reto Klar

Dietrich Brüggemann saß im Friedrichstadtpalast und schaute einen Film, als die Nachricht kam. Anna Brüggemann wurde von ihrer Agentin informiert. Eigentlich weiß ja keiner bei der Berlinale-Preisverleihung, ob und wofür er ausgezeichnet wird. Da aber beide Geschwister eingeladen wurden, war klar, es konnte nur der Preis fürs Drehbuch sein. Das haben sie für „Kreuzweg“, einer der vier deutschen Beiträge auf dem Festival, zusammen geschrieben.

So ging es eigentlich nur noch darum, ob sie wirklich den Preis bekommen oder nur eine lobende Erwähnung. Das ist schon öfter passiert. Das sei aber „ein sadistischer Akt“, findet Dietrich: Man müsse auf die Bühne und Freude heucheln, den Preis bekommt aber ein anderer. Die Jury aber meinte es gut. Es gab kein Lob. Die Brüggemanns durften einen Bären entgegennehmen. Allerdings nur einen für beide.

Ein Silberner Bär mit zwei Tomaten

Jetzt zeigt Anna Brüggemann ein Foto auf ihrem Handy. Der Silberne Bär steht bei ihr zu Hause auf dem Küchentisch. Er hat eine Tomate in den Armen, eine zweite auf dem Kopf, und darauf thront eine Legofigur. Woran vor allem Annas zweijähriger Sohn Jakob seine Freude hat. Wir treffen uns im Wau, dem Café des HAU-Theaters.

Dietrich wohnt gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals, Anna kommt aus Kreuzberg angeradelt. Zu dritt setzen wir uns ins Freie und genießen die Sonne. Die Geschwister bestellen beide, wie verabredet, Rhabarberschorle groß. Und erzählen von ihrem Baby „Kreuzweg“, das etwa zur gleichen Zeit entstand wie Jakob, das andere Baby.

Ein Familienunikumstatus

Dietrich, 38, und Anna, 33, sind ein Unikum. Es gibt zwar in der Filmwelt einige Regie-Brüder, die Wachowskis etwa, die Farrellys oder die Coen-Brüder. Aber Brüderlein und Schwesterlein, das ist schon eine seltene Kombination. Anna ist vornehmlich Schauspielerin, Dietrich Regisseur. Zusammen aber schreiben sie die Scripts zu seinen Filmen, in denen sie auch immer mitspielt.

„3 Zimmer, Küche, Bad“ etwa, ihr letzter Erfolg, aber auch „Neun Szenen“ und „Renn wenn du kannst“. Sie genießen diesen Unikum-Status. Obwohl Regisseur Christian Schwochow inzwischen auch mit seiner Mutter Drehbücher verfasst und noch so einen Familienseltenheitswert darstellt.

Abrechnung mit Religionsfanatikern

Wer „3 Zimmer, Küche, Bad“ kennt, diese lustig-luftige Metropolengeschichte über Freunde, die sich über deren ständige Umzüge erzählt, wird sehr überrascht gewesen sein über „Kreuzweg“, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt. Ein radikales, anklagendes Drama über eine rigide Mutter, die ihre Tochter nicht nur streng katholisch erzieht, sondern nach den Regeln der Piusbruderschaft.

Da ist nichts mit unbeschwerter Jugend. Da werden schon Popsongs als „satanische Rhythmen“ gegeißelt und die Kinder beim Firmunterricht zu „Soldaten Gottes“ berufen. Wer glaubt, Fundamentalismus sei bloß ein Problem des Islam, wird hier eines Besseren belehrt. Er findet sich auch bei uns. Unter Christen.

Radikales Konzept

Die 14-jährige Maria (Lea van Acken) wird hier in eine Opferrolle gezwungen, die nicht nur im Titel mit der Passion Jesu verglichen wird. Der Film wurde streng in 14 fast gänzlich statischen Einstellungen gedreht, nach den 14 Stationen von Jesu Kreuzweg. Kein Ausweg, nirgends.

Ein radikales Konzept, das aber (anders als etwa Philipp Grönings auch diese Woche startender Venedig-Film „Die Frau des Polizisten“, der in 59 beliebige Kapitel aufgesplittert wird) tiefen Sinn macht und aufgeht.

Die Brüggemanns haben selber Erfahrung mit der Piusbruderschaft gemacht. Das ist lange her, als sie in Stuttgart lebten. Ihre Eltern sind oft umgezogen, auch mal nach Südafrika, so gab es wenig Kontakte zu Freunden. Das ist mit ein Grund, warum die beiden trotz des Altersunterschiedes so symbiotisch sind. Aber es war eben auch ein Grund, warum der Vater mit den Kindern mal in dieser Gemeinde vorbeigeschaut hat.

Kurzer Flirt mit den Piusbrüdern

Es war ein „kurzer Flirt“, wie sie heute sagen. Aber er ist haften geblieben. Und er wurde wieder aktuell. „Ende der Neunziger“, meint der Ältere, „konnte man vielleicht denken, Religion hat sich erledigt. Dann kam der Islamismus, der evangelikale Wahnsinn in Amerika, der deutsche Papst, der der Piusbruderschaft die Hand zur Versöhnung reichte.“ Auf einmal sei Religion und Fanatismus überall ein Thema.

Gleich nach der Berlinale-Premiere hat die Piusbruderschaft dementiert, dass der Film kein rechtes Bild von ihr zeige. Und reflexhaft, erläutert Anna, komme nun die Reaktion: Macht doch mal einen Film über den Islam, da gibt es auch Radikale. „Stimmt“, sagt Dietrich. „Aber da würde ich mich sehr vermessen fühlen, wenn ich das machen müsste. Da kenne ich mich nun mal nicht so aus.“ Und auch beim Islam gebe es viele nette Familien, die in der Religion einen Heimat gefunden haben und nichts mit Fundamentalisten zu tun haben. Um die Radikalisierung aber sei es hier gegangen.

Angriff auf die Berliner Schule

Und jetzt wird Dietrich Brüggemann noch radikaler. Er kann sich schnell in Rage reden, während die Jüngere die Reifere, auf jeden Fall die Ruhigere zu sein scheint. Sie stehen jetzt nämlich noch bei einer anderen Kaste in der Kritik: bei einem Teil der Filmkritik. Dietrich Brüggemann nämlich hat neulich eine klare Rede gegen die Berliner Schule gehalten.

Seither sind viele pikiert. Er hasst diese „Verweigerungsfilme“, wie er sie nennt. Auch er will keine „Publikumsranschmeißerfilme“ machen. „Aber man kann sich ja nicht in diesem Antagonismus erschöpfen.“ Die totale Verweigerung, das könne nicht die einzige Reaktion sein. Anna und Dietrich wollen „Menschenfilme“ machen.

Mit dieser Haltung stehen die beiden zwischen allen Stühlen. Zwischen den Wohlfühlkomödien à la Schweiger und den nüchternen Dramen der Berliner Schule. Es mag schwierig sein, so ganz allein. Aber allein, das waren die Brüggemanns ja schon als Kinder. Und das hat sie erst richtig stark gemacht.