Konzert

Status Quo beschwört in Berlin einige Glücksgefühle herauf

Rocklegende Status Quo trat in der Berliner O2 World Originalbesetzung auf. Die Power-Senioren spielten dabei ein Programm, wie es zuletzt im September 1975 in der Deutschlandhalle zu hören war.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Sie fühlen sich in der Erinnerung so unverschämt jung an, die 70er-Jahre. Die Rockmusik war wild, ungezähmt und sprühte über vor Ideen. Alt waren damals allenfalls die legendären Blues-Heroen, die man verehrte, die man bewunderte, wenn sie hochbetagt auf die Bühne stiegen und vom harten Leben am Mississippi oder in den Slums der Großstädte sangen.

Der Rock’n’Roll aber versprach ewige Jugendlichkeit. Rühmte ausschweifende Nächte, gefährliche Liebschaften und schnelles Leben. Keiner dachte da ans Altwerden. Die, die durchgehalten haben, versuchen, diese Jugendlichkeit zu bewahren, wohl wissend, dass sie keine 20 mehr sind.

Heute sind es die betagten Rockmusiker, die bewundert werden für ihr Durchhaltevermögen und den eisernen Willen, es der Welt immer wieder von neuem zu zeigen. Die Fans sind mit ihren Idolen gealtert. Das fällt auch am Dienstagabend in der Berliner O2 World auf. Und nicht alle haben sich so gut gehalten wie die die beiden umtriebigen Mittsechziger Francis Rossi und Rick Parfitt, die da oben auf der Bühne stehen und die seit gut 50 Jahren gemeinsam mit Status Quo Rockgeschichte geschrieben haben.

Gespielt werden ausschließlich Stücke aus den Siebzigern

Der Rockgeschichte wird an diesem Abend auch extrem gehuldigt. Denn im Rampenlicht steht die Status-Quo-Originalbesetzung, neben den Gitarristen und Sängern Rossi und Parfitt sind dies Bassist und Sänger Alan Lancaster und Schlagzeuger John Coghlan. Zusammen haben sie vom Ende der 60er-Jahre bis 1981 den harten Boogie-Sound geprägt, der Status Quo berühmt gemacht hat. Gespielt werden deshalb ausschließlich Stücke aus den Siebzigern, in einem Programm, das die unter dem Beinamen „The Frantic Four“ firmierenden Power-Senioren in Berlin zuletzt 1975 in der Deutschlandhalle aufgeführt hatten.

Nach einem schwer nostalgischen Vorprogramm von Maffay-Gitarrist Carl Carlton fällt um 21.15 Uhr der schwarze Vorhang mit dem Schattenriss des Quartetts, der schon das 73er-Erfolgsalbum „Hello“ zierte. Lässig in Jeans und Sneakers stehen die Musiker im gleißenden Licht. Keine Show-Fisimatenten, keine Videowände, eine Mauer aus Marshall-Boxen und -Verstärker ist das Bühnenbild. Und in gestochen scharfem Sound eröffnen Status Quo mit der Coverversion von Steamhammers „Junior’s Wailing“ diese gut 90 Hochdruck-Minuten.

Eigentlich waren die Musiker sich viele Jahre nicht grün. Nach der Trennung stritten Rossi und Parfitt auf der einen, Alan Lancaster auf der anderen Seite um den Namen Status Quo. Vor Gericht bekamen Rossi und Parfitt dass Recht am Bandnamen zugesprochen, Lancaster verzog sich grollend nach Australien. Erst vor wenigen Jahren versöhnten sich die Musiker wieder. Und dann erschien im Oktober 2012 Regisseur Alan Parker auf der Bildfläche, der die Dokumentation „Hello Quo“ produzierte.

Wiedervereinigung sollte einmalige Aktion bleiben

Dieser Film enthält auch eine Session der Urbesetzung mit Rossi, Parfitt, Lancaster und Coghlan. Nach mehr als 30 Jahren spielten die vier damals wieder gemeinsam und beschlossen, fünf Konzerte in London zu geben. Die Wiedervereinigung sollte zwar eine einmalige Aktion bleiben, doch die ausverkauften Shows waren ein so durchschlagender Erfolg, dass weitere Auftritte angesetzt wurden. Deshalb kommt nun auch Berlin in den Genuss der „Frantic Four“, auch wenn die O2 World mit 5000 Besuchern nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist. Der Stimmung tut diese keinen Abbruch.

Die ersten vier Stücke singt Alan Lancaster, bevor Francis Rossi beim Hit „In My Chair“ mit seiner Quo-prägenden Stimme den Posten am Mikrofon übernimmt. Die Halle tobt und stampft mal mehr, mal weniger im Rhythmus. Mit Beständigkeit und auch einer gewissen Portion Sturheit haben sich Status Quo über die Jahre frisch gehalten. Rossi spielt immer noch die grüne Fender Telecaster, die er 1968 erstmals auf die Bühne schleppte. Er ist für die melodiösen Solopassagen zuständig, während Rick Parfitt immer wieder gnadenlos die Boogie-Riffs aus den Saiten drischt.

Lancaster und Coughlan wiederum sind ein eingespieltes Rhythmusgespann. Diese vier Rock-Haudegen ergänzen sich prächtig. Keine Zeit für leise Töne. Allenfalls bei den ersten Zeilen von „Forty Five Hunded Times“ kommt so etwas wie Balladensentimentalität auf, die wird aber schnell wieder von breitwandigen Bluesriffs weggefegt. Bei „Little Lady“ und vor allem „Rain“ hat Rick Parfitt seinen großen Auftritt am Mikrofon, „Railroad“ schnürt einem bei diesem Tempo fast die Luft ab und „Down Down“ ist einer der furiosen Höhepunkte dieser kompakten, druckvollen Show, die keinen Moment lang staubig wird. Die Stücke klingen in ihrer virtuosen Schlichtheit allesamt frisch und unverbraucht.

Es gibt nur wenige Bands, die aus Blues- und Boogie-Versatzstücken einen so ureigenen Sound geschaffen haben wie Status Quo. Und sie haben ihn über die Jahrzehnte ausdauernd gegen alle kritischen Seitenhiebe erfolgreich verteidigt. Die Coverversion des „Roadhouse Blues“ der Doors steht, ja, wie damals, am Ende dieses energiesprühenden Kraftakts. Da kommt auch Bob Young, wie zuvor schon bei „Railroad“, noch einmal mit seiner Bluesharp auf der Bühne. Der 68-jährige Young galt in den Siebzigern als inoffizielles Bandmitglied. Er hat gemeinsam mit Rossi zahlreiche Status-Quo-Songs geschrieben. Und hält er Band weiterhin die Treue.

Nach den Zugaben, traditionsgemäß gibt’s Chuck Berrys „Bye Bye Johnny“ als Rausschmeißer, machen sich die treuen Besucher zufrieden auf den Heimweg. Vielleicht spüren sie die spontane Bewegung der vergangenen eineinhalb Stunden ein wenig in den Knochen. Vielleicht sind sie für den Moment auch ein wenig taub auf den Ohren. Auf jeden Fall hat Status Quo einige Glücksgefühle heraufbeschworen. Vielleicht sind sie in dieser Nacht gefühlt auch ein bisschen jünger geworden.