Film

Michael Ballhaus stellt sein Vermächtnis in Berlin vor

Das „Auge von Hollywood“ hat man ihn genannt. Jetzt aber droht Kameramann Michael Ballhaus zu erblinden. Im Berliner Ensemble präsentierte er sein wohl letztes Werk: seine Memoiren.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Es ist ein schöner Anlass. Und doch einer, der auch traurig stimmt. Mit 78 Jahren stellt Michael Ballhaus seine Autobiographie vor. Aber es wird wohl sein letztes Werk, sein Vermächtnis sein. Denn ausgerechnet er, der Kameramann, der gern als „das fliegende Auge“ oder „das Auge Hollywoods“ bezeichnet wurde, droht zu erblinden. Ausgerechnet er, der doch stets „Bilder im Kopf“ hat – und seine Memoiren (DVA, 320 S., 22,99 Euro) deshalb genau so betitelt hat.

Im letzten Kapitel seines Buchs ist das nachzulesen. Wie er schon 1996, weil er seine Lesebrille verlegt hatte und zum Augenarzt ging, die Diagnose erhielt: Grüner Star. Wie es seitdem immer schlechter wurde mit seinen Augen und eine Operation eher das Gegenteil bewirkte. Schon heute kann er keine Bücher mehr lesen. Das ist umso tragischer, wenn man dann (mit dem Ko-Autor Claudius Seidl, so viel Ehrlichkeit muss schon sein) selber eines schreibt.

Ganz nah dran, aber nie richtig drin

„Dies“, beginnt der erste Satz seines Buchs, „sind die Erinnerungen eines Mannes, der mit seinen Augen gelebt und gearbeitet hat“. Aber Wehmut oder gar Verzweiflung ist ihm nicht anzusehen, wie er da am Abend des 17. März im Foyer-Saal des Berliner Ensembles steht. Und auf dem Blauen Sofa des ZDF-Moderators Wolfgang Herles Platz nimmt.

Herles hat sich gut vorbereitet. Und will ein bisschen provozieren. Heute, sagt er, könne ja „jeder Depp“ Kameramann werden, das müsse am Ende nur rasant geschnitten werden. Ballhaus schluckt ein bisschen. Gibt aber zu, dass früher die Bilder noch mehr Zeit zur Entfaltung gehabt hätten. Und Erfindungsgabe noch mehr gefragt war, als technisch nicht alles möglich war. Und noch eine Spitze von Herles: „Sie waren“, sagt er, „mit viel Empathie ganz nah dran. Aber nie richtig drin.“ Auch da muss Ballhaus ein wenig schlucken. Nimmt den Ball aber auf.

Es stimmt ja. Ballhaus wurde berühmt als Kameramann von Fassbinder, wollte aber nie zu dessen Clique und ihrem kommunenartigen Leben dazugehören. Wofür er dann von dem Clan durchaus angegiftet wurde. Auch später, als er nach Hollywood ging, hat er mit Coppola und Scorsese gedreht. Und durfte die ganz großen Stars, durfte Jack Nicholson und Michelle Pfeiffer ins reche Licht rücken. Aber auch da hat er Partys gemieden. Er wollte immer nur seine Arbeit tun. Partys gehörten nicht dazu.

Einmal steht er selbst im Rampenlicht

Ballhaus ist immer ein ganz Bescheidener gewesen. Und geblieben. Bodenständig, wo andere gern den Boden unter den Füßen verlieren. Er ist auch ein wunderbarer Plauderer. Die schneidende Theaterstimme des Schauspielers Michael Pemtelforth, der zwischendurch ein paar Kostproben aus dem Buch vorliest, scheint so gar nicht dazuzupassen. Wenn Ballhaus spricht, wird der Größenwahn Fassbinders schon deutlich, aber auch irgendwie ironisiert.

Und wenn ihm einmal ein Name nicht einfällt, dann souffliert Sherry Hormann, seine zweite Frau, die in der ersten Reihe sitzt. Mit ihr hat er vor kurzem das Kampusch-Drama „3096 Tage“ gedreht, seinen letzten Film. Sie hat ihm neuen Lebensmut gebracht, nachdem seine erste Frau Helga gestorben ist. Das allerdings wird nicht recht deutlich an dem Abend, dass „seine Frau“ nicht die „Helga“ ist, von der er oft spricht. Da hätte Herles ein wenig mehr moderieren müssen.

Aber vielleicht ist das auch nicht nötig. Alle scheinen ihn zu kennen und nicken bei den Anekdoten. Als wüssten sie schon alles. Als wären sie nur gekommen, um ihm noch einmal Referenz zu erweisen. Am Ende wird er frenetisch beklatscht. Da steht er dann vor dem Sofa, ein wenig unbeholfen, weil er ja nicht gern selber im Rampenlicht steht, aber auch glücklich. Über allem liegt nur diese sanfte Wehmut, dies könnte einer seiner letzten großen Auftritte zu sein.

Über die Augenkrankheit wurde an dem Abend extra nicht gesprochen. Wie er damit umgeht, das kann man aber nachlesen. Jetzt, da er weniger sehen könne, habe er zwei neue, sehr sinnliche Vergnügungen entdeckt. Die Freude an einer Stimme, die zu ihm spricht. Und die, sich vorlesen zu lassen.