Pop-Musik

Mit Wolfgang Niedecken singen die Berliner sogar auf Kölsch

Drei Stunden mit BAP im Tempodrom: Den Berliner werden 38 Jahre Bandgeschichte an einem Abend präsentiert. Storytelling wie bei Bob Dylan. Und am Ende schunkeln alle zusammen.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Da stehen zwei von der Plattenfirma vor dem Tempodrom, rauchen noch Zigaretten. BAP starten gleich ihre große „Niedeckens BAP zieht den Stecker Tour“. Und die Dame meint, „der Wolfgang ist ja Kraftklub- und Casper-Fan. Über Casper schreibt Wolfgang Niedecken auch in seinem neuen Buch. Aber das kommt von seinen Töchtern. Die sind sozusagen seine Fühler in die junge Musik.“ „Kraftklub sind aber auch gut“, meint der Kollege.

Das fast ausverkaufte Konzert beginnt mit „Frankie un er“. Man mag das gar nicht glauben, aber an diesem Abend ist Berlin Köln. Denn die singen wirklich mit. Zwar noch leise, ist ja auch das erste Stück, aber es ist ein Anfang. „Frankie un er, wenn’t drop ahnkohm noh dä letzte Rund noch bess ahn’t Meer/ Wo’t Krokette zom Fröhstöck joov, bess noh Zandvoort, bess ahn et Meer/ Frankie un er, bess ahn et Mee“, wenn man so einen Song das erste Mal hört, klingt das ein bisschen wie ein betrunkener Holländer in einer Angler-Komödie.

Aber wenn man genau hinhört, mal die Augen zumacht, der Akustischen von Niedecken lauscht, die Rasseln rasseln lässt, und sich reinschmeißt in das Kölsch, am besten mit einem Kölsch, gibt’s aber nicht im Tempodrom, dann versteht man das. Und man versteht, dass Wolfgang Niedecken ein Guter ist. Ein guter Texter, ein guter Typ.

Von Weitem hat er ja auch was von Dylan

„Frankie und er, wenn es drauf ankam nach der letzten Rund noch bis an das Meer/ Wo es Kroketten zum Frühstück gab, bis nach Zandvoort, bis an das Meer/Frankie und er, bis an das Meer“, der Niedecken versteckt hinter dem Dialekt nämlich gut erzählte Geschichten. Kroketten zum Frühstück, wie herrlich ist das denn. Das ist wie ein Chronik, ein Blick ganz tief rein in die deutsche Seele. Storytelling wie bei Dylan. Von Weitem hat er ja auch was von Dylan, der Niedecken. Der aristokratische Bart. Diese Aura des dichtenden Edelmanns.

„Wir haben die kostbarsten Teppiche aus dem Orient einfliegen lassen, extra für Berlin“, erklärt Niedecken den Bühnenaufbau, natürlich lacht er dabei. „Wir haben seit Jahren davon geträumt, dass es endlich eine Zieht-den-Stecker-Tour gibt. Unplugged können ma ja nicht. Aber wir ziehen den Stecker. Habt ihrn bisschen Zeit mitgebracht?“ An einem Abend dreißig Songs spielen. Fast drei Stunden. BAP sehen sich in ihrem Verständnis als Arbeiter, in der Tradition von Springsteen, Neil Young. Die bewundert Niedecken. Niedecken ist in Deutschland tatsächlich so groß, BAP sind so groß. Zehn mal Nummer 1 in den Albumcharts, 19 Top 10. Über fünf Millionen Alben verkauft. 38 Jahre Bandgeschichte.

„Verdamp lange Beine“

Trotz des Erfolgs, wahrscheinlich aber auch deswegen, steht in der Pause eine Tochter von Niedecken am Verkaufsstand für die Fan-Artikel. BAP sind die große Familie. Sie steht da also, barfuß, tapsig auf dem Fließenboden, beißt in einen Apfel. Man sieht das gut aus. Sie sei ja Model, meint ein Bekannter noch. Sie sei mal auf der Cover der „Elle“ gewesen und eine Boulevardzeitung habe dann geschrieben „Verdamp lange Beine“. „Der Wolfgang fand das aber nicht lustig“, sagt er auch.

Sie spielen also, „Noh Gulu“, das vom langen Fußmarsch in Afrika handelt, vom ewigen Weg, sieben Kilometer, ins sichere Nachtquartier, von Soldaten bewacht. Niedecken singt von Macheten, von Vergewaltigungen, Niedecken der politische Songschreiber, der Soziale, der noch daran glaubt, mit einem Akkord ein Leben zu retten. Man kann auch Patenschaften für Afrika übernehmen am Verkaufsstand mit der Tochter. Judith Rakers hat das auch schon gemacht, steht in einer Broschüre.

Anne de Wolff spielt die schönste Geige des Abends. Bei „Jupp“ stehen die ersten schon auf. Es ist ja ein Sitzkonzert. Akustik-Schunkeln. Aber es war genug geschunkelt. „Jupp“, „Lena“ und „Verdamp lang her“. Zugabe, nach Zugabe, nach Zugabe. Drei Mal. „Rita“ „Do kannst zaubre“. Wolfgang Niedecken bringt Berliner dazu auf kölsch zu singen. Auch ein kleines Wunder.