Schauspieler

Sebastian Rudolph - Mit dem Manta in die Hochkultur

Der Schauspieler Sebastian Rudolph stammt aus einer Familie voller Stars. Sein Weg von seiner ersten Rolle in „Manta, der Film“ auf die großen Bühnen war nicht ungefährlich. Es geht um Väter und Schuld.

Foto: , pa-rs, BR/Wiedemann & Berg/Stephan Rabold / Massimo Rodari

Dieser Gedanke muss einem erst mal kommen, in so einer Situation. Sebastian Rudolph ist noch keine 20 Jahre alt, da liegt er in einem Krankenhaus in Indien und ist bereit zu sterben. Einen Virus hat er oder Amöben, niemand weiß es, er wiegt noch 42 Kilogramm. Ins Flugzeug nach Deutschland haben sie ihn nicht mehr gelassen. Immerhin, seine Schwester Hanna ist dabei, die Reisebegleitung, sie versorgt den Kranken so gut es geht. Viel ist das nicht, es gibt kaum Medikamente. Rudolph hat eine Krankheit, das wird klar, wenn er sich umschaut, an der viele Einheimische sterben müssen. Neben dem Bett hängt ein Tropf. In der Flüssigkeit, die in seine Adern läuft, schwimmen Fliegen.

Dann, plötzlich, steht eine große Gestalt am Bett. Es ist der Vater. Er hatte auf seine Kinder gewartet, am Flughafen in Frankfurt am Main. Damals, Ende der 80er-Jahre, gab es keine Handys, erst spät hatte die Schwester die Mutter in Deutschland erreicht. So erfuhr der Vater am Flughafen, dass der Sohn noch in Indien war. Der Vater war sofort nach Bombay geflogen, mit einer Plastiktüte voller Medikamente aus der Flughafen-Apotheke als einzigem Gepäck.

„Am Abend muss sich der Vorhang heben“

Es ist das, was Väter tun müssen in so einer Situation. Aber als Sebastian Rudolph seinen Vater vor seinem Krankenbett sieht, hat er diesen Gedanken, der andere fassungslos macht. Wie kann der hier sein, fragt er sich. Vater arbeitet doch an einer großen Inszenierung. So etwas habe es davor nie gegeben in seiner Familie: Die Arbeit am Theater zu unterbrechen. Egal was, die Bühne war wichtiger. Es habe dieser Spruch über allem geschwebt: „Am Abend muss sich der Vorhang heben.“

Der Vater, das ist Niels-Peter Rudolph, er hat die großen Bühnen des Landes geleitet, mit Menschen wie Claus Peymann das Schauspiel neu erdacht und einen Ort wie Kampnagel erfunden, die Hamburger Spielstätte für experimentelles Theater. Sein Onkel, der war Hans Christian Rudolph, den der Intendant der Berliner Staatsoper, Jürgen Flimm, nach seinem Tod als „besten und wichtigsten“ Schauspieler bezeichnete, mit dem er je gearbeitet habe. Die Mutter, das ist Hildegard Schmahl, die Grande Dame des Theaters. Seine Schwester, Hanna Rudolph, ist erfolgreiche Regisseurin.

Die Angst eines Jungen

Eine solche Familie kann einem Jungen sicher auch Angst machen. Es gab Phasen in seinem Leben, die sich zwischen Leichtsinn und Ausstieg bewegten. Seine Geschichte ist aber auch der Aufstieg von der Rolle des „Manni“ in „Manta, der Film“ (1991) zum „Hamlet“ am Hamburger Thalia Theater (2012). Für diese Rolle wurde er von Kritikern zum Schauspieler des Jahres gewählt.

Im indischen Krankenhaus helfen die Medikamente des Vaters. Familie Rudolph probt mit dem Kranken einige Schritte zu gehen, damit er am Flughafen einen gesünderen Eindruck mache. Den Rest besorgt der Vater, er tritt auf „wie ein Kolonialmacker“, wie der Sohn sagt. Die Familie darf nach Hause fliegen. Rudolph lag dann erst mal auf der Intensivstation. Das hatte auch einen Vorteil, der Junge war schließlich einfach so nach Indien gereist, obwohl er seinen Zivildienst hätte antreten sollen. Er wollte mal weg. Immerhin haben ihn die Feldjäger im Krankenhaus in Ruhe gelassen.

Nicht auf Kommando lächeln

Das erzählt der Schauspieler an einem sonnigen Tag auf den Treppen vor dem Schiller-Theater. Man weiß erst nicht, ob diese Erinnerungen traurig oder lustig sind. Rudolph schaut jedenfalls eher ernst in die Kamera, als der Fotograf ihn fotografiert. Später wird Rudolph sagen, er könne das gar nicht, wie auf Knopfdruck lächeln, zumindest nicht so, dass es echt aussehe.

Das ist ungewöhnlich für einen Schauspieler. Wird diese Berufsgruppe nicht für so etwas wie Lächeln auf Knopfdruck bezahlt?

Sicher, Rudolph kann lachen, wenn er will. Vor der Tür des Schiller-Theaters, dem Gebäude, in dem derzeit die Berliner Staatsoper untergebracht ist, hat er auch allen Grund dazu. Hier schließt sich ein Lebenskreis versöhnlich. Früher, nach dem Erlebnis in Indien, hatte er im Schiller-Theater einen Auftritt als Statist. Beim Sprung in den Orchestergraben riss er sich die Bänder im Fuß. Wenig später, er hatte gerade einen Eleven-Vertrag unterschrieben, verschlief er gleich die erste Leseprobe. Um zehn Uhr sollte sie beginnen, aber als er in der großen Grunewalder Wohnung seines Vaters aufwachte, war es bereits viertel nach Elf. Als er am Theater ankam, stand er „ungelogen eine Viertelstunde lang“ vor der Tür, bis er sich endlich traute, rein zu gehen.

Ohne Führerschein per Motorrad nach Italien

So richtig Lust hatte er wohl auch nicht. Mit der Hochkultur, sagt Rudolph, und dazu zählt seine ganze Familie, sei das so: Entweder, man rüttelt bereits in jungen Jahren am Tor und ruft, man will da rein. Oder man findet das alles erst mal kacke. Rudolph fand das alles erst mal kacke.

Als er frühe Rollen an den Münchner Kammerspielen bekam, da habe sich der Dramaturg bei Proben in die erste Reihe gesetzt und sei demonstrativ eingeschlafen, um die jungen Schauspieler zu provozieren, sie zur Leistung zu treiben. „Heute“, sagt Sebastian Rudolph, „würde ich so einem links und rechts eine runterhauen.“

Die Theaterwelt, die Provokation als Pose, das kennt er gut aus seiner Familie. Der Vater habe stets die Themen überhöht, alles in große Bedeutung gesetzt. Im Theater geht es letztlich auch immer um die große Aussage. Wenn Rudolph einfach mal so reden wollte, persönlich und alltäglich, dann habe er sich oft gefragt: „Papa, wo bist du eigentlich?“ In einem seiner ersten eigenen Stücke inszenierte er dann auch gleich den Konflikt mit den Eltern: Ein Bühnenbild zeigte den Vater, unantastbar in einer Tauchglocke. Nur, dass der Vater bereitwillig mitspielte. Er war gut wie immer.

Von Manni zu Rudolf Augstein

Früher ist Rudolph, wenn er genug hatte, ohne Führerschein mit dem Motorrad nach Italien gefahren. Er hatte auch mal einen Bauernhof in Südfrankreich gekauft, wo er Ackerbau betreiben wollte. Eine Revolution war das nicht in seiner Familie, er durfte mit 16 Jahren schon ausziehen, als er das wollte. Aber immer wieder ist er zum Fach seiner Familie zurückgekehrt. Warum eigentlich?

Rudolph fühlt sich inzwischen ganz wohl in der Hochkultur. Vielleicht, weil sich die Hochkultur auch geändert hat. Seine Generation ist dran. In diesem Frühjahr sendet die ARD ihre große Verfilmung der „Spiegel-Affäre“, es geht um den Kampf zwischen dem Verleger Rudolf Augstein und dem Politiker Franz Josef Strauß. Rudolph spielt den Verleger. Und in der Staatsoper am Schiller Theater probt er in diesen Tagen „Rein Gold“, eine Bearbeitung des Wagnerschen Rings durch Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, ein Stück das polarisieren dürfte in der Wagner-Gemeinde (siehe Kasten). Am heutigen Sonntag feiert es Premiere.

Wie passend für einen Familienmenschen wie Rudolph. „Rein Gold“ konzentriert sich auf einen Aspekt: Das Verhältnis von Wotan und Brünnhilde. Der Über-Vater und die talentierte Tochter. Die Beziehung zwischen einem, der viel getan und erreicht hat, aber auch Schuld auf sich geladen hat. Und einer, die keine Schuld trägt, aber von der viel erwartet wird. Die noch etwas tun muss. Rudolph sagt, er könne inzwischen beide Seiten verstehen. Denn ohne Wotans Machtspiel wäre die Götterburg Walhall nie gebaut worden.

Es klingt so, als verstehe er den eigenen Vater inzwischen ganz gut.

Shitstorm statt Mantawitz

Bekannt wurde Sebastian Rudolph auf einer anderen Bühne. Er war im Jahr 1991 das Gesicht von „Manta, der Film.“ Er kam zeitgleich mit „Manta, Manta“ in die Kinos, in dem Til Schweiger die Hauptrolle spielte. Die Produktionsfirma Senator Film verzichtete damals weitgehend auf Werbung, man käme man ohnehin nicht gegen Til Schweiger an, hieß es hinter den Kulissen. Ob „Manta, der Film“ wirklich so gut war oder die Zuschauer die Filme nicht unterscheiden konnten – egal. „Manta, der Film“ wurde ein Millionen-Erfolg. Rudolph hatte ziemlich genau so viele Zuschauer wie Schweiger. Bis vor einigen Jahren wurde er noch auf der Straße angesprochen, ob er nicht der „Manni“ sei. Der Mantafahrer. Ob seine Eltern den Film gesehen haben? „Ich glaube schon. Aber mit Film haben die nichts am Hut.“

Die Zeit der Manta-Witze liegt erst gute 20 Jahre zurück, aber es ist ein Blick in eine andere Epoche. Damals war es gängig, dass die Mehrheit sich mit Witzen über eine Gruppe lustig macht, die sie für dumm hält. Der Genre-Witz, den es auch über Ossis und Blondinen gab, wurde längst abgelöst vom Shitstorm im Netz. Wenn jemand sich verwerflich oder lächerlich verhält oder sein Verhalten von genug Leuten dafür gehalten wird, dann hagelt es in den Netzwerken persönliche Kritik. Dagegen erscheinen die Mantawitze vornehm anonym. Und zeigen, wie wichtig ein Auto im Jahr 1991 noch war. Manni wird in dem Film seine Freundin ausgespannt, von einem Typen, der BMW fährt. Bedeutend wie damals Autos sind heute allenfalls Smartphones. Nur, dass heute fast jeder ein Smartphone hat, deshalb gibt es wohl auch kaum Witze darüber.

Schlingensief sagte: „Nazis Rein“

Rudolph denkt viel über solche Fragen nach, wie sich die Gesellschaft verändert. Das musste er auch, um den Verleger Augstein in dem ARD-Film zu spielen. Augstein gegen Strauß. Da sei auf den ersten Blick zwar klar, wer der Gute ist. Aber vergessen sei, dass Rudolf Augstein einen persönlichen Krieg gegen Strauß führte, alles daran setzte, dass er nicht mehr Macht bekam. „Das ist journalistisch gesehen fragwürdig.“ Es gehe auch darum: Darf man das Falsche für das Richtige tun? Rudolph glaubt, dass diese Möglichkeit kaum noch zugelassen werde. Er findet, in unserer Gesellschaft werde das Schlechte inzwischen verbannt. Wenn aber etwas herauskomme, dann sei die Empörung unwirklich groß. Im Fall Christian Wulff hat er das beobachtet und auch im Fall des SPD-Politikers Sebastian Edathy. Er habe keine Sympathien für einen der beiden, die Tat von Edathy sei von Anfang an etwas Negatives. „Aber es wird so krass vorverurteilt, dass es gegen das tiefste Innere des Menschen geht.“ Der Beschuldigte werde zum Ventil, zum Stellvertreter, an dem sich der aufgestaute Druck entlade. Bei Faust sei es so: es gebe die beiden Pole. Gut und Böse. Und alles dazwischen sei das Leben. Die Gegenwart sei aber eine Zeit, in der alle Schuld ausgemerzt werden solle. „Wir müssen doch eine Struktur finden, wo Fehler nicht entschuldigt werden, aber wo Platz für sie ist.“

Er denke oft daran, was Regisseur Christoph Schlingensief getan hat, in dessen Inszenierung er mal den Hamlet gespielt hat. Auf der Bühne ließ Schlingensief auch Neonazis, wenn auch welche, die aus der Szene aussteigen wollten. Unter dem Titel „Nazis rein“ setzte Schlingensief ein Zeichen, das Böse in die Gesellschaft und in das Theater hinein zu holen. Veränderung durch Dazugehören, nicht durch Ausgrenzen.

Dinge, die Väter tun müssen

Das Falsche im Richtigen. Diese Frage gilt für Wotan in der Aufführung von „Rein Gold“ an der Staatsoper, sie gilt für den Vater von Sebastian Rudolph und ebenso auch für ihn selbst. Auf dem Weg vom Schillertheater zum Kudamm wirft Rudolph eine Postkarte in den Briefkasten. Für seinen neunjährigen Sohn in Mönchengladbach. Drei Kinder von drei Frauen hat er, mit dem jüngsten Kind und der Mutter lebt er in Hamburg. Ja, er habe Beziehungen immer wieder „gegen die Wand“ gefahren. „Familie ist mir ebenso wichtig wie Theater“ sagt er. Was das bedeutet, wird einem erst klar, wenn man den Satz umdreht. Theater ist ihm ebenso wichtig wie Familie. „Das ist schon krass, wenn man das so fühlt“, sagt Rudolph. Auch nach Trennungen gehe es immer um Schuld. Auch wenn Paar-Therapeuten heute sofort sagen würden: Es darf nicht um Schuld gehen. Aber man könne an dieser Schuld arbeiten und man lernt, mit ihr zu leben, sagt Rudolph. Bei diesem Satz lächelt der Schauspieler, der nicht auf Knopfdruck lächeln kann.

Der Vater von Rudolph, der große Regisseur, hat vor zehn Jahren noch ein Kind bekommen. Nun sind sie beide gewissermaßen „junge Väter“. Sie sind sich näher gekommen durch diese Gemeinsamkeit, die sie früher nicht hatten. Und Sebastian Rudolph weiß seit seinem Todeswunsch in Indien: Es gibt eben Dinge, die Väter tun müssen.

Der Schauspieler Sebastian Rudolph ist in diesen Tagen in Berlin zu sehen: In Rein Gold an der Staatsoper im Schiller Theater. Weitere Aufführungen am 12. und 15. März 2014.