Kinofilm

Für Emily Watson ist Berlin „ein Versprechen“

Die britische Schauspielerin Emily Watson spricht über die in Babelsberg gedrehte Verfilmung des Bucherfolgs „Die Bücherdiebin“. Die deutsch-amerikanische Koproduktion kommt jetzt in die Kinos.

Foto: John Russow / Twentieth Century Fox Film Corporation

Ernstes, Anspruchsvolles und historische Leinwandliteratur sind ihr Spezialgebiet. Seit ihrem Durchbruch gleich zu Beginn ihrer Karriere mit Lars von Triers „Breaking the Waves“ steht der britische Charakterstar Emily Watson wie kaum eine andere Schauspielerin ihrer Generation für künstlerisches Independentkino wie „Der Boxer“ oder „Gosford Park“ oder Filmbiographien wie „Hilary & Jackie“.

Und dann wären da natürlich noch die Literaturverfilmungen, von denen sie nach „Die Gefährten“ und „Anna Karenina“ mit „Die Bücherdiebin“, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, jetzt die dritte in Reihe gedreht hat.

Basierend auf Markus Zusaks gleichnamigem Jugendroman erzählt die deutsch-amerikanische Koproduktion von einer deutschen Familie, die in der NS-Zeit trotz aller Gefahren einen Juden versteckt. Die Berliner Morgenpost hat Emily Watson in Berlin getroffen.

Berliner Morgenpost: Was muss ein Film haben oder eine Rolle sein, damit Sie bei einem Angebot Ja sagen?

Emily Watson: Oft ist einfach kein Geld mehr auf dem Konto. (lacht)

Wirklich? Sie scherzen.

Naja, das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Ich nage nicht am Hungertuch und muss nehmen, was kommt. Aber es ist auch nicht so, dass ich jahrelang mal nichts machen könnte. Im Grunde entscheide ich mich aber wie wahrscheinlich jeder Schauspieler nach dem Bauch. Entweder finde ich etwas großartig oder eben nicht. Wenn ich etwas für völlig dämlich halte, dann kann ich mich aber auch bei Flaute auf dem Konto nicht dazu überwinden, es trotzdem zu machen.

Was kommt Ihnen denn so Dämliches auf den Tisch?

Schlecht geschriebene Drehbücher. Oder Sachen, bei denen man sich fragt, warum sich jemand so etwas anschauen sollte. Ich mag Geschichten, die eine Art Botschaft haben, die etwas vertreten und zu sagen haben. Oder die einen originellen Weg beschreiten. Manchmal ruft auch ganz einfach ein Regisseur an, den ich sehr schätze. Dann sage ich: „Klar, das will ich machen.“

Mit all diesen Zutaten sind Sie Mitte der 90er- Jahre auf Anhieb zum Star des europäischen Kinos geworden. Sie haben Ihre Karriere mit einem der aufregendsten Regisseure begonnen: mit Lars von Trier bei „Breaking the Waves“.

Ja. Ich hätte nicht die Karriere, die ich habe, wenn ich diesen Film nicht gemacht hätte. Es hat alles verändert. Es hat mich nicht nur zur Filmschauspielerin gemacht, es hat mich als Schauspielerin verändert. Ich wusste das ja damals nicht, weil ich noch nicht mit so vielen Regisseuren gearbeitet hatte, aber es war eine einmalige, einzigartige Erfahrung. Das Faszinierende war, dass er ständig gedreht hat. Die Kamera lief andauernd. Dadurch habe ich mich irgendwann entspannt und viel dadurch gelernt. Ungehemmt vor der Kamera zu agieren und keine Angst zu haben, sich zu öffnen.

„Breaking the Waves“ war sicherlich eine der größten Herausforderungen Ihrer Laufbahn. Waren Sie dadurch von Anfang an verwöhnt und sind mit einem großen Anspruch an neue Projekte herangegangen?

Ja. Vielleicht. Es hat den Weg geebnet und bis zu einem gewissen Grad auch vorgezeichnet. Wahrscheinlich hätte ich ohne diesen Film gar nicht unbedingt weiter gemacht mit der Schauspielerei. Vielleicht wäre ich Autorin geworden. Vielleicht hätte ich mich um meine Familie gekümmert. Es wäre sicher etwas ganz anderes geworden. Aber so wie es ist, bin ich sehr zufrieden.

Sie wären Autorin geworden?

Ja. Ich komme aus einer Familie, in der sehr viel gelesen wurde. Bücher waren immer wichtig. Ich weiß aber nicht, ob ich diszipliniert genug wäre, um als Autor durchzugehen.

Dann hat Sie „Die Bücherdiebin“ sicherlich auch deswegen gereizt?

Ja. Das hat mit hineingespielt. Es ist ein Film, der die Macht von Literatur als Stütze der Seele in schwierigen Zeiten feiert. Es ist ein Liebesbrief ans Geschichtenschreiben, wenn man so will. Die Aussage ist im Grunde, dass eine Geschichte und ihre Worte dir Kraft geben können – und dich retten. Moral, Ethik, Menschlichkeit lassen sich in Literatur finden und können helfen, den richtigen Weg zu finden. Es sind Werte, die ein Fundament sein können, um darauf wieder etwas Neues aufzubauen. Weiterzumachen. Besser. Oder sich zu besinnen.

Der Film wurde in Babelsberg gedreht – also vor Ort, in dem Land, in dem die Nazi-Barbarei wütete. Haben Sie das bei den Dreharbeiten empfunden?

Es war faszinierend, hier zu drehen. Die Philharmoniker haben die Musik beigesteuert. Es ist doch erstaunlich, dass Berlin eine der zivilisiertesten Metropolen ist und man sich fragt, wie es sein kann, dass diese Stadt mal das Zentrum einer Nation war, die alle Moral und Menschlichkeit verloren hat. Die Stadt ist ehrlich und geht auf ihre Art – das spürt man sehr deutlich – überall mit dieser Vergangenheit um. Und man hat das Gefühl, dass diese Stadt ein Versprechen ist. Das Versprechen, ein Zeuge dieser Geschichte zu sein. Genau das sind eben auch Bücher: Zeugen. Und „Die Bücherdiebin“ ist ein Beispiel dafür, wie Menschen alles riskiert haben, um anderen zu helfen. Das was waren nicht so wenige. Ich glaube auch, dass es diesen Menschen selbst geholfen hat. Es hat ihre Seele gerettet, andere zu retten.

Dafür steht ja auch besonders Ihre Rolle im Film.

Ja. Sie wird von einer verbitterten Frau zu einem sehr, sehr freundlichen und offenen Wesen.

Der Film wählt ja einen etwas anderen Weg, die Geschichte zu erzählen, als das Buch von Markus Zusak…

Ja. Im Buch wird die Geschichte aus den Augen des Todes erzählt. Im Film ist das eher ein Rahmen und die Geschichte des Mädchens rückt in den Vordergrund. Das ist sicherlich ein eher konventioneller Weg, aber wahrscheinlich auch der Richtige, um möglichst viele junge Menschen damit zu erreichen.

Aus diesem Grund sind wohl auch die Worte, die das Mädchen an die Wand schreibt englisch und nicht deutsch.

Wir hatten es anders gedreht. Aber das Studio hat gesagt, alles gut, nur die Worte müssen in Englisch an die Wand. Im Grunde ist es ja auch völliger Schwachsinn, den Film in Englisch zu drehen. Wir sollten schließlich eigentlich alle deutsch sprechen. Aber es ist nunmal ein internationaler Film und da muss man Kompromisse machen.

„Die Bücherdiebin“ ist wie so viele Ihrer Filme ein dramatischer Ausflug in die Vergangenheit. Was reizt Sie so sehr daran?

Ich weiß gar, ob es mich so sehr reizt, immer wieder in der Vergangenheit zu stöbern. Aber ich habe den Ruf, eine dramatische Charakterdarstellerin zu sein. Also bekomme ich das angeboten. Aber ich mag das auch. Sehr ernste Sachen. Sehr schmerzhafte. Sehr dramatische Geschichten. Das findet sich wahrscheinlich häufiger in historischen Stoffen.

Würden Sie denn manchmal auch gerne etwas Leichteres machen?

Ja. Tatsächlich. Einmal eine romantische Komödie. Andererseits müsste es dann schon eine realistische Komödie sein. Realistisch und wahrhaft .