Skandalrede

„Halbwesen“ - Autorin Lewitscharoff zeigt Reue

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Matthias Wulff

Foto: Uwe Zucchi / dpa

Die Berliner Autorin hatte bei einer Rede Retortenkinder als „Halbwesen“ bezeichnet und die Reproduktionsmedizin mit Praktiken aus dem Nationalsozialismus verglichen. Nun entschuldigte sie sich.

Am Tag danach versucht Sibylle Lewitscharoff zu retten, was noch zu retten ist. Ihren Ruhm, ihren Ruf, ihre Rente. Alles ist gefährdet, gerade letzteres. Darauf hat Sibylle Berg, ebenfalls Schriftstellerin, ein wenig boshaft, aber trotzdem richtig, verwiesen: „Lewitscharoff kann vermutlich nicht hervorragend vom Verkauf ihrer Bücher, dennoch aber prächtig von Preisen leben“, schreibt sie auf „Spiegel Online“.

Ihr gesamtes Kapital hat Sibylle Lewitscharoff mit einer einzigen Rede vernichtet. Der Literaturbetrieb, der nie verlegen war, sie mit noch einer weiteren Auszeichnung (Georg-Büchner-Preis, Wilhelm-Raabe-Preis, Ricarda-Huch-Preis) zu dekorieren, wendet sich von ihr ab.

Und so hat es auch eine gewisse Zwangsläufigkeit, dass sie am Freitagmorgen ein wenig Reue zeigt und ihre Aussage über Menschen, die auf dem Weg künstlicher Befruchtung gezeugt wurden, bedauert. „Ich möchte den Satz sehr gerne zurücknehmen, ich bitte darum“, sagt sie im „Morgenmagazin“ des ZDF. „Das tut mir wirklich leid.“ Der Satz sei zu scharf ausgefallen.

„Ein altes Diskussionskäsperle“

Gefallen ist diese Aussage am vergangenen Sonntag bei den „Dresdner Reden 2014“. Sie ist aber bei weitem nicht die einzige, die überdenkenswert ist. So hatte sie in Dresden das gegenwärtige „Fortpflanzungsgemurkse“ verurteilt. Es erscheine ihr „derart widerwärtig“, dass sie sogar geneigt sei, „Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen“: „Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ In ihrem ressentimentgeladenen Furor ging sie noch weiter: „Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

Offensichtlich fand in der Nacht von Donnerstag zu Freitag eine – bescheidende – Neubesinnung statt. Denn in den Interviews, die sie am Donnerstag noch geführt hatte, rechtfertigt sie ihre Rede: „Meine Haltung entspringt tatsächlich auch einem religiösen Fundament, und das sagt mir, dass man nicht alles tun darf, was technisch möglich ist“, sagte sie der „Welt“. In der „FAZ“ weigerte sie sich ihre Aussage über das „Halbwesen“ zurückzunehmen. In beiden Gesprächen berief sie sich auf die Meinungsfreiheit: „Ich bin ein altes Diskussionskäsperle“, sagt sie, „darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke?“ Sich selbst als Opfer einer vermeintlichen politischen Korrektheit zu stigmatisieren, ist in solchen Fällen offenbar ein nicht zu unterdrückender Reflex.

An ihrer Kritik an der künstlichen Befruchtung hält sie fest

Dass sich Lewitscharoff aus dem Konsens der Gesellschaft herausgeredet hat, verdeutlicht der offene Brief von Jo Lendle, dem Hanser-Verleger: „Die Paare, die sich heute für künstliche Befruchtung entscheiden, klonen keine Nobelpreisträger, sie bekommen ein Kind. Das geschieht in der Tat ohne Geschlechtsverkehr. Na und?“, schreibt er auf „Zeit Online“, „was Ihnen ‚abartig’ erscheint, sind in Wirklichkeit Menschen. Sie könnten selber einer davon sein.“

Der Berliner Schriftsteller John von Düffel, Chefdramaturg am Deutschen Theater, schreibt in einem offenen Brief an die Autorin in der „Welt“: Du überschreitest in Deiner Widerwärtigkeitspolemik tatsächlich die Grenze des Respekts vor allem menschlichen Leben, die den zweifellos vorhandenen medizinischen Machbarkeitswahn als einzige im Zaum hält, und demontierst so die Werte, auf die Du Dich in Deiner ‚Abscheu‘ berufst.“

So bleiben die Positionen, trotz des vorsichtigen Zurückruderns der Autorin, weit auseinander. An ihrer Kritik an der künstlichen Befruchtung, daran hat Lewitscharoff auch im „Morgenmagazin“ keinen Zweifel gelassen, hält sie fest. „Ich kann ja nicht alles zurücknehmen, weil ich in vielen Dingen so denke, wie ich es geschrieben habe.“