Literatur

Stefanie de Velasco widmet „Tigermilch“ den Berliner Mädchen

In ihrem Berlin-Roman „Tigermilch“ beschreibt Stefanie de Velasco eine Mädchenfreundschaft. Jameelah und Nini wollen dringend erwachsen sein, denn „dann kann immer alles so bleiben, wie man will“.

Foto: © Joachim Gern

Jameelah und Nini sind jetzt erwachsen. Deswegen ziehen sie nach der Schule ihre Hosen auf dem Schulklo aus und rennen in T-Shirts und Ringelsocken auf die Kurfürstenstraße, um die Männer scharf zu machen. Deswegen kippen sie ihre Müllermilch weg und mixen in dem Becher ihre eigene Mischung an. Schulmilch mit Mariacron und Maracujasaft. Tigermilch nennen sie das. „Stell dir vor, mit 17 oder so“, sagt Jameelah „wenn deine Brüste, wenn die nicht mehr weiterwachsen, dass die sich dann für ein paar Tage im Monat mit Tigermilch füllen. Was meinst du, wie die Typen darauf abfahren?“

Jameelah und Nini wollen ganz dringend erwachsen sein, denn „wenn man erwachsen ist, dann kann immer alles so bleiben, wie man will. Das kann man als Erwachsener so bestimmen.“ Diesen Satz sagt Nini, die Erzählerin von Stefanie de Velascos Debüt „Tigermilch“, und ihm werden viele ähnliche folgen. Eine Mischung aus kindlicher Weltklugheit und naiver Hoffnung macht diese beiden 14 Jahre alten Großstadtheldinnen aus. Dieser widersprüchliche Drang, dass alles anders werde, damit alles so bleiben kann, von dem man ganz erfüllt ist in diesem Alter, wenn man nicht mehr Kind ist, aber auch noch nicht über sich bestimmen kann, ist selten so schön, so brutal und eigenwillig geschildert worden wie in „Tigermilch“.

Grenzen auf dem Spielplatz

Die Geschichte der beiden wirbelt den Leser einen Sommer lang durch die Stadt und ihre verschiedenen Welten, die unsichtbare Grenzen trennen. Manche davon sind ganz konkret, wie die Grenzlinien auf dem Spielplatz in ihrer Hochhaussiedlung, die bosnischen und arabischen Kindern verbietet, auf der Rutsche zu spielen, und die deutsche und serbische Kinder von der Schaukel fernhält. Andere sind schwerer zu greifen, so wie die O-Sprache, die Jameelah und Nini sich erfinden, um sich ihre eigene Welt zu schaffen, in der der Serbe zum Sorben wird und der Tabak zum Tobak oder wie die Linie, die Jameelah von Lukas trennt. Der wohnt nämlich nicht im Sozialbau. Er trinkt Wein und liest Bücher und engagiert sich politisch und Jameelah ist ihm hoffnungslos verfallen, wird aber nie so richtig eine Chance bei ihm haben, denn Jungs, die Lukas heißen und mit abgelutschten Pfirsichkernen rechnen lernen, werden am Ende eben doch bei den Mädchen landen, die Anna-Lena heißen und im Sommer am Gardasee Urlaub machen.

Wenn der Herbst beginnt, wird die eine Freundin die andere verraten, einer der Jungs geht weiter auf die Waldorfschule, der andere in den Knast. Aber in diesem Sommer, dem letzten Sommer von Jameelahs und Ninis Kindheit, da mischt sich noch alles. Nicht nur die Milch mit dem Mariacron. Und so verliebt sich die Jameelah in Lukas und Jasna sich in Dragan, obwohl sie aus Bosnien stammt und er aus Serbien und ihre Familie daraufhin von den anderen Bosniern ausgeschlossen wird, so wie die Kinder von der Rutsche.

Jameelah und Nini ziehen ganz cool und pomade durch Berlin, auf Raubzüge durch die Wilmersdorfer und kleinen Kifferpartys in Telefonzellen. Sie verlieben sich in Jungs, aber verkaufen sich an ältere Männer, um den Sex erst mal zu üben. „Für später, für das echte Leben, irgendwann mal müssen wir ja wissen, wie alles geht. Wir müssen wissen, wie alles geht, damit uns keiner was kann.“ Und so ist dieser letzte Sommer nicht nur bestimmt von dem Gefühl endlich in die Welt aufzubrechen, sondern auch von der Angst, was dort geschehen kann. Letztendlich sind Jameelah und Nini eben doch ganz einfach nur Mädchen, verletzlich und ängstlich und manchmal auch ein wenig verkitscht.

Sie ahnen auch, dass die Erwachsenen in ihrer Welt gar nicht bestimmen können. Da ist nämlich Ninis Mutter, die auf ihrer Sofa-Insel vor sich hin dämmert, und Jameelahs Mutter, die ständig arbeiten muss, um sich und Tochter zu ernähren, und die kurz vor der Abschiebung in den Irak steht. Da ist der „Kotz-Krüger“, der für die Menschenrechte von Straßenkindern in Guatemala argumentiert und nicht sieht, was die beiden Berliner Straßenkinder quält, die da in seinen Teeladen reingeschneit kommen. Da ist Jasnas Mutter, die den Kontakt zu ihren Kindern verloren hat, obwohl sie auf engstem Raum zusammenleben. Väter sind abwesend, bis auf Rainer, den Stiefvater von Nini, aber der ist auch keine große Hilfe.

„Ich glaube, Erwachsene können gar nicht wirklich leben, sie sehen alles nur von außen, wie in einem Aquarium“, sagt Nini an einer anderen Stelle. Aber dann erzählt sie, dass sie und Jameelah es schaffen, diese Erwachsenen zum leuchten zu bringen, so wie Neonfische. Und diese Beobachtung wäre wunderschön und unschuldig, wenn sie de Velasco nicht ausgerechnet in einem schäbigen Hotelzimmer spielen lassen würde, in dem die beiden Freundinnen sich für je 100 Euro zur Feier eines 50. Geburtstags entjungfern ließen.

Intimer Ton

Das Debüt der 35-jährigen Berlinerin ist mit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ verglichen worden und das nicht zu Unrecht. De Velasco setzt Tschicks Jungsfreundschaft eine Mädchenfreundschaft entgegen, die nicht weniger intensiv ist, aber eben um andere Themen kreist. Doch der Roadmovie von „Tigermilch“ bleibt in Berlin und findet immer wieder zurück auf diesen Spielplatz mit seiner Rutsche, die die eine Hälfte der Kinder nicht betreten darf.

Die Rutsche hat ein Häuschen und darin werden sich Nini und Jameelah eines Nachts verstecken, als Tarik mit seiner Schwester Jasna den Spielplatz betritt. Von oben aus beobachten sie, wie die beiden erst streiten und dann tanzen. Wie sie weinen und stöhnen und wie dann Jasna tot zu Boden fällt und Tarik noch das Messer in der Hand hält.

Der Mord führt zu einem Bruch in der Freundschaft. Denn die eine Freundin wird sich entschließen, sich aus dem rauszuhalten, was da in einer anderen Welt und einer anderen Kultur und einer anderen Familie passiert, die andere aber wird das nicht schaffen.

De Velasco hat ihr Buch „Für Mädchen“ gewidmet. Und es ist ihr geglückt, dieses Versprechen einzulösen. „Tigermilch“ wagt sich an politische Themen wie Integration und kulturelle Identität und verliert doch nie den intimen Ton. Hier wird niemand belehrt oder aufgeklärt, hier wird einfach nur die Geschichte einer, zugegebenermaßen sehr krassen, Jugend mitten in Berlin erzählt. Es ist nicht die große Geschichte, die die Grenzen zieht, sondern die kleinen Geschichten, die in jeder einzelnen Familie erzählt werden.

Im deutschen Feuilleton hat der Mädchenroman von de Velasco große Beachtung gefunden. Nun würde man ihm wünschen, dass die es auch lesen werden, denen es gewidmet ist.

Stefanie de Velasco: Tigermilch, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 288 Seiten, 16,99 Euro