Musik-Comedy

Boning und Di Gioia sollten lieber im Hobbykeller bleiben

Wigald Boning und Roberto Di Gioia gastieren mit dem Projekt „Hobby“ in der Bar jeder Vernunft. Es mutet an wie ein Dia-Abend von zwei Kerlen, die viel Spaß an dem Quatsch haben, den sie machen.

Foto: Thomas Müller

Wigald Boning muss der glücklichste 47-Jährige Deutschlands sein. In der kollektiven Erinnerung unser Fernseh- und Mediennation haben wir seit irgendwas um die 20 Jahre diesen konstant kleinen Kauz mit den süßen Spleens vor Augen. Schräg, aber nicht pathologisch skurril. Lustig, Gott sei Dank nicht proletisch, stadienfüllend kalauernd wie der schlimme Mario Barth.

Boning machte Karriere im Fernsehen. Außenreporter beim Satiremagazin „Extra 3“. Durch „RTL Samstag Nacht“ wurde er berühmt. 1995 bekam er den Grimme-Preis mit seinem Kollegen Olli Dittrich verliehen. Mit ihm gründete er die Quatsch-Kapelle „Die Doofen“ und gewann Echo, Goldene Stimmgabel und den Bambi.

Musik hat er schon immer gemacht. Ganz früher mal in einer Jazz-Punk-Band, was immer das auch sein mag. Zuletzt hat er für eine Fernsehsendung Häuser gesprengt. Und jetzt geht er also auf Tour. Mit einem Projekt, dass er „Hobby“ nennt, und mit seinem Freund, dem Musiker Roberto Di Gioia. Sechs Tage hintereinander spielen sie in der Bar jeder Vernunft in Berlin-Wilmersdorf, Schaperstraße 24.

So ein Spiegelzelt, wie das der Bar jeder Vernunft, ist im Winter gastronomisch gesehen eine Katastrophe. Entweder der Betreiber heizt zu wenig, dann ist es drinnen zu kalt, und wenn man von drei Bier nach Feierabend müde einschläft, droht der Erfrierungstod. Ist es aber zu heiß im Zelt, wie an diesem Abend, wird man auch schläfrig. Das ist eine Schläfrigkeit, die fühlt sich so an, wie sich Thami el Glaoui, der Pascha von Marrakesch, nach seiner nachmittäglichen Opiumpfeife gefühlt haben muss. Döst man jetzt weg, wacht man mit einem ganz trockenen Mund auf, die Gliedmaßen schmerzen und die Nachbarn gucken doof. Erstmal eine Cola für dreifünfzig.

Boning und Di Gioia tragen Barock-Kostümierungen

Boning steht also mit seinem Freund Di Gioia auf der kleinen Bühne im Spiegelzelt. Außen herum trinken sie Sekt und Wasser aus großen Flaschen. Der Schweizer Moderator und Hobby-Landwirt Dieter Moor ist gekommen. Irgendwo sitzt Katy Karrenbauer und lacht ihr hartes Raucherlachen beim Anblick der Kostümierungen der beiden Entertainer.

Boning und Di Gioia tragen Barock. Den ganzen Schnickschnack inklusive. Geweißte Perücken. Goldene Knöpfe. Blumen, die über Westen laufen. Jacketts, die bis weit über den Hintern gehen, die so mozart-affektiv daherkommen. Ok, das ist lustig. Und wenn Boning in seine Querflöte bläst und dabei einen Tanz aufführt, die Töne so leicht falsch, aber nicht so falsch, dass man es dann noch nicht erkennt und der Di Gioia spielt wirklich ein sauberes Cembalo über die Synthesizer - das geht in Ordnung. Als Teil einer Show, drei Minuten, prima.

„HAHAHAH“, so ein Lachen hat der Reporter noch nie gehört. Ein Knallen, ein Bersten, ganz hochtönig, irgendwo zwischen Stalinorgel, modernem Maschinengewehr und Wasserstoffbombe. „HAHAHAHAH“. Es drehen sich dann wirklich mehr Leute nach hinten, um die Quelle des Lachens zu finden, als dezidiert nach vorne, um Applaus zu spenden.

Projekt Hobby ist nicht mehr als ein Dia-Abend von zwei Kerlen

Zwischen den Stücken, „Pippi Langstumpf“ im Barock-Gewand oder „My Favourite Things“ oder „Allacher Concertino in Es-Dur“ zeigen Boning und Di Gioia immerzu Videoschnipsel. Sie als Barock-Verkleidete in Paris von lauter Japanern umringt. Beide am Times Square in New York als Inder verkleidet mit Bass-Blockflöte. Manchmal muss man schmunzeln und die Stalinorgel-Maschinengewehr-Wasserstoffbomben-Frau, die ihren Bombenteppich des Gelächters weiter schonungslos auf alle um sie herum einprasseln lässt.

Das Projekt Hobby ist nicht mehr als ein Dia-Abend von zwei Kerlen, die unendlich viel Spaß an dem Quatsch haben, den sie da machen. Es gibt Nacktbilder von Boning zu sehen, er liegt unbekleidet im Schnee. Er erzählt von seiner Nasenhaartrimmer-Sammlung. Er zeigt Fotos von Schlappen, auf denen „Johannes B. Kerner“ steht, ein Weihnachtsgeschenk der Redaktion. Und zwischendurch spielen sie halt Stücke, die zwischen Unhörbarkeit und li-la-lustig pendeln.

Sie verkleiden sich als Punks und schreien „Bild“-Zeitungsschlagzeilen im Netzoberteil und mit Irokesen-Frisur. Ein Song, der ist wirklich gut, der stammt vom Album „Neon“ und er heißt „Im Gewerbegebiet“. Das ist eine großartige „Kraftwerk“-Parodie. Sauber intoniert. Die Effekte genau richtig. Und Boning singt „Noch 'ne Überstunde, weil Rechner abgeschmiert“, und viele scheinen das zu kennen. Sie klatschen mit. Herrlich der Vocoder, die so schön kühlen Synthies.

Die Idee des Projektes „Hobby“ war es, 100 Alben aufzunehmen, von Barock über den Punk bis hin zur Neuen Deutschen Welle, Jazz, Charthits, alles. Für ein Projekt unter Freunden, ein durchaus ehrbarer Zeitvertreib. Aber vielleicht sollten Boning und Di Gioia doch lieber im Hobbykeller bleiben.