Entertainer

Ingolf Lück meldet sich zurück - mit einer Abrechnung

Er hat 40 Jahre Erfahrung als Entertainer, 30 Jahre Erfahrung im TV. Nun tritt Lück in den Wühlmäusen auf - mit einem Programm, in dem er mit Fernsehenkollegen und Vorgesetzten abrechnet.

Foto: Krauthoefer

Auf die Bitte, doch einmal eine Kurve aufzumalen, eine Grafik, so, wie er seine vergangenen 55 Jahre sieht, da will Ingolf Lück das nicht. „Das geht nicht“, sagt er, „das ist zu kompliziert.“ Auf und ab, so einfach funktioniert das bei ihm nicht. Stattdessen schreibt er auf das Papier die beiden Worte ‚Oben‘ und ‚Unten‘, aber eben genau verkehrt herum. Unten ist bei ihm: Oben. „Ich mache fast jeden Morgen einen Kopfstand“, sagt er, „das hält gesund und bringt die Perspektiven in Ordnung.“

Es muss schwierig sein, Ingolf Lück zu sein, im Jahre 2014. Er hat 40 Jahre Erfahrung als Entertainer, 30 Jahre Erfahrung beim Fernsehen. Dann zu sehen, wie es andere Kollegen gemacht haben, dieser Bastian Pastewka, Hape Kerkeling und diese Anke Engelke, die jetzt alle schon eigene Shows hatten. Hatte er ja auch, das alles. Über 200 Folgen der „Sat. 1- Wochenshow“ hat er moderiert. Jedes Kind kannte ihn. Diese Nase, dieses breite Lachen. Alles war gut und „geil“ damals und gerade war er auch noch Vater geworden. Wow. Diese vier Jahre Wochenshow müssen der Wahnsinn gewesen sein.

Heute ist die Tochter 14 Jahre alt, der Sohn acht Jahre und die Wochenshow kennt niemand mehr. Ingolf Lück wird am 11. und 12. Februar in den Wühlmäusen auftreten und wird dort aus seinem Leben erzählen, seine Biografie zu einer großen Show machen, mit Höhepunkten (Spaziergang mit Stevie Wonder) und großen Krisen (wenn die Angebote ausbleiben). Wegen dieser Show gibt er gerade viele Interviews. Wenn man ihn im Theater besuchen will, hört man ihn schon von Weitem, seine Stimme füllt auch ohne Mikrofon ein Theater aus. Das hat etwas Exaltiertes, aber näher betrachtet wirkt er nicht so selbstsicher, eher betont überrascht, wenn Kritiker etwas Gutes über ihn schreiben.

Berlin ist seine zweite Heimat

Obwohl er in Köln lebt, ist Berlin für ihn Geburtsstätte. Hier hat er vor rund 35 Jahren eine seiner größten Krisen erlebt, die ihn bis heute prägt. Auch über sie wird er sicher in seinem Programm erzählen: „Ich war 20 und hatte mich an der staatlichen Schauspielschule in Berlin beworben“, sagt er, „und habe es von 800 Bewerbern unter die besten zwölf geschafft.“ Doch dann sollte er improvisieren und fühlte sich in einen Mann hinein, der sich bei einer Ausstellung in einem Schloss verläuft – und nicht mehr aus dem Kellergewölbe hinausfindet. Es ist der letzte Öffnungstag vor der Winterpause, der Mann ist verloren. „Als die Lehrer sagen, ‚Danke, das reicht‘“, erzählt Lück, „habe ich eine Minute gebraucht, um mich wieder zu fangen.“ Ihr Urteil traf ihn hart: Er könne nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Er wurde aussortiert.

Auch an diese Lehrer ist wohl der Titel der Show gerichtet: „Ach Lück mich doch.“ Es geht um eine Abrechnung mit lästernden Kollegen, mit Chefs, die seine Witze nicht verstehen, mit dem TV-Chichi insgesamt, den Küsschen links und rechts und noch mal links. Ingolf Lück nennt die Zeit nach seiner Ablehnung: „TV-Strich“. Seine erste Show war die Musikvideosendung „Formel Eins“, danach kamen schon die Angebote für Sketch-Sendungen. Aus ‚Unten‘ wurde ‚Oben‘ – oder umgekehrt? Ingolf Lück blickt auf diese Zeit selbstkritisch zurück. Und will das auch in der Show zeigen. „Ich dachte damals, die anderen dürfen sooo viel von mir lernen“, sagt er. „Aber ich durfte lernen, dass mir die Zeit nicht unbedingt recht gegeben hat.“ Zum Beispiel habe er anderen oft erklärt, dass es vor allem auf den Obstteller ankomme. Den Teller, der im Pausenraum aufgebaut wird. Heute weiß er, dass das sehr besserwisserisch gewirkt haben muss. „Ich galt als schwierig, auch bei Produzenten.“ Die wollten Geld verdienen, er ein optimales Programm abliefern, „Das ist ein schwieriger Interessenskonflikt.“ Wenn Sender-Chefs ihn kritisiert haben, hat er gesagt: „Was witzig ist, bestimme immer noch ich.“

Eine Reise in die 80er-Jahre

Geboren wurde er in Bielefeld und seine Eltern haben ihn früh die Entscheidungen selbst fällen lassen. Nach dem Abitur hat er Germanistik und Philosophie studiert und zwischendurch auf Bühnen gestanden – oder in der Einkaufszone mit Bällen jongliert. Diesen Aktionismus, dieses „Schnell und Laut“, wie er es nennt, hat er sich beibehalten, betreibt nebenbei noch einen Fahrradverleih auf einer ostfriesischen Insel und schafft außerdem Sketches im Fernsehen, führt Regie an den Kudammbühnen und hat noch seine Bühnenshows – die aktuelle hat Jens Oliver Haas geschrieben, der Mann, der sich sonst die Texte für das Dschungelcamp ausdenkt.

Am 11. Februar wird er mit diesem Programm auf die Bühne treten und so noch einmal eine Reise in die eigenen 80er-Jahre bis heute antreten: Falco, Bon Jovi, Haarspray, Polaroid-Kameras und VHS-Kassetten. Auch seine Drogenerfahrungen werden eine Rolle spielen. „Und Orgien.“ Doch das gehöre nicht hierher, sondern eher auf die Bühne. Berlin, so sagt er noch, ist eine Stadt, in der er zur Ruhe findet. Er hat hier seit Jahren eine Wohnung am Südstern, erster Hinterhof, Parterre. Ganz ‚unten‘. „Manchmal klingelt mein Nachbar mit einer Flasche Korn“, sagt Lück. Es fällt auf, wenn die Wohnung im Winter geheizt wird. „Na, Lust auf ein Glas?“ So ist das in Kreuzberg. Und natürlich lässt Ingolf Lück den Herrn herein.

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