80. Geburtstag

Die orientalische Mystik lebt in den Bildern von Marwan

Schon lange wohnt der syrische Künstler Marwan in Berlin, aber seine Wurzeln hat er nicht vergessen. Zum 80. Geburtstag bekommt er eine Ausstellung in der Villa Grisebach in Charlottenburg.

Ein Gesicht wie eine Wunde. Statt einer Nase glaubt man, nur den Knochen zu sehen, die Verletzung scheint frisch, es wirkt, als fließe etwas aus ihr über das Antlitz, die Gesichtszüge gleiten ins Amorphe ab – und doch ist der Kopf nicht Schutz suchend gebeugt, sondern erhoben. Der Blick aus dunklen Augen schaut am Betrachter vorbei.

„Kopf (Paris-Berlin)“ heißt dieses 130 cm mal 146 cm große Ölgemälde. Die Villa Grisebach in Berlin-Charlottenburg hat es als Motiv für die Einladung zu ihrer neuesten Ausstellung gewählt. Bis zum 8. Februar 2014 zeigt sie in Zusammenarbeit mit der Münchner Galerie Michael Hasenclever Bilder des Künstlers Marwan. Es ist ein Geburtstagsgeschenk: Marwan feiert an diesem Wochenende seinen 80.

Die Gäste sind für den Abend geladen, aber Marwan nimmt sich am Sonnabendmorgen trotzdem die Zeit, durch die Ausstellung zu führen. Der „Kopf (Paris -Berlin)“ ist das erste Werk, vor dem wir stehen bleiben. Marwan stammt aus Damaskus, es fällt schwer, dieses Menschenbild nicht als Ausdruck der Verstümmelung, Trauer und des menschlichen Leids zu sehen, die gerade dort herrschen. „Ja“, sagt Marwan „es ist grausam was in Syrien geschieht.“

Und doch würde er den Bürgerkrieg nicht zum Gegenstand seiner Kunst machen. „Das ist nicht die Aufgabe der Kunst“, erklärt er. „Politische Kunst gelingt nur den wenigsten, Goya zum Beispiel, oder Courbet, der Rest ist journalistisch.“ Die Bilder drückten dann etwas nur zu einem historischen Moment aus, und würden danach schnell nichtig.

Sein Motiv ist der Mensch

Auch die Geschichten, die ihn zu den Bildern inspiriert haben, spielt er lieber runter. Die Frau im Fenster gegenüber, die als einzigen Freund einen Wellensittich hat, der palästinensische Kämpfer, der seinen toten Freund im Arm hält oder andere, die er kur anreißt. Es gibt sie, aber sie sind für ihn nicht der eigentliche Gegenstand der Bilder.

Nein, ihm ginge es um etwas ganz anderes, erklärt Marwan. Sein Motiv ist der Mensch. „Die Dualität von Leben und Tod“, sagt er, das sei eine der Grundlagen seiner Kunst. So wie der Kopf, vor dem wir stehen, der Schmerz und Entrücktheit gleichzeitig auszudrücken scheint. Drei Jahre lang hat er an ihm gemalt, von 1973 bis 1976. Zu der Zeit lebte Marwan als Stipendiat der Cité des Arts in Paris. Das war der Moment seines internationalen Durchbruchs. Seine Werke sind in der Tate Modern und im Carnegie Museum in Pittsburgh. „Im Städel hänge ich neben Francis Bacon und Giacometti“, erzählt er. „Als ich das erfuhr, war ich außer Atem vor Freude.“

Der Kunstmarkt interessiert ihn nicht

Am 31. Januar 1934 wurde Marwan Kassab-Bachi in Damaskus geboren, und auch, wenn er schon als junger Mann nach Berlin kam, so hat er seine orientalische Mystik doch nie verloren. „Ein syrischer Künstler in Berlin“, so nennt ihn Jörn Merkert, der damalige Direktor der Berlinischen Galerie anlässlich einer großen Werkschau 2001. „Das ist sehr klug beobachtet“, sagt Marwan. „Ich bin nach Berlin gekommen, aber ich habe Damaskus mitgebracht.“ Diese „geistige Identität“, wie er es nennt, ist ihm wichtig. „Viele vergessen ihre Wurzeln, wenn sie ins Ausland gehen, und probieren zu schnell neue Kleider aus“, sagt er. „Aber das ist ein Fehler.“

Den Kontakt zu Syrien hat er nicht verloren. Allerdings steht er da nicht mit den bildenden Künstlern im Austausch, sondern mit den Literaten. Der Briefwechsel zwischen ihm und dem arabischen Schriftsteller Abd ar-Rahman Munif ist 1997 veröffentlicht worden. Mit dem syrischen Dichter Adonis ist er gut befreundet.

Marwan malt, seit er 13 Jahre alt ist, als Studienfach aber wählt er die arabische Literatur an der Universität Damaskus. Dann zieht er nach Berlin. Von 1957 bis 1963 studiert er in der Meisterklasse von Hann Trier an der Hochschule für Bildende Künste, zusammen mit Georg Baselitz und Eugen Schönebeck.

Viele Besucher erkennen ihn

Nach dem Studium gestaltet sich das Leben zunächst schwierig, Marwan jobbt als Kürschner. In der Zeit entsteht das Selbstporträt, O.T. – Marwan betrachtet es: „Mich interessiert keine Tradition und kein Kunstmarkt, ich male das, was mich bewegt, meine Frau, meine Zigarette, meinen Kaffee.“

Viele Besucher an diesem Morgen erkennen ihn, sie gratulieren zum Geburtstag und zur Ausstellung. Ein Ehepaar aus Amsterdam zögert zunächst, dann kommt es doch näher. „Wir haben eines Ihrer Bilder gekauft“, sagt der Mann. Eine Kaltnadelradierung. „Sie hängt bei mir im Büro“. Marwan ist erfreut. „Arbeiten sie immer noch jeden Tag?“, fragt der Mann. „Ja“, sagt Marwan, „ohne Arbeit ist man tot.“

Die Schau zeigt Bilder aus den verschiedensten Zeiten, auch einige Beispiele der Aquarelle mit der Marionette sind zu sehen. Einen großen Anteil nimmt aber eine Serie von Köpfen ein, die ganz anders als der Kopf auf der Einladung, eher Muster sind als Fleisch. Die Aquarelle gehören zum Spätwerk des Künstlers. Sie sind eine Weiterführung desselben Kopfmotives, das er in den Neunzigern in Öl begann und seitdem immer wieder wiederholt. Das Gesicht hat sich hier zunehmend in eine Symmetrie aufgelöst, man muss nach Augen und Mündern suchen in dem Mosaik der dicken Striche und Tupfer.

„Marwan findet die Welt im Kopf“, schrieb sein Freund, der Lyriker Joachim Sartorius. „Wenn wir diese Köpfe lange anschauen, uns auf sie einlassen, bis sie uns einlassen, dann betreten wir ein Zwischenreich – angesiedelt zwischen archaischer Stille und nach außen gewendeter Trauer, einem lautlosen Schrei.“

Villa Grisebach, Berlin-Charlottenburg, Fasanenstraße 25, bis 8. Februar 2014