Literatur

Liebe und Eifersucht sind französische Lieblingsthemen

Yasmina Rezas ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatikerinnen. Ihr neuester Roman umkreist französische Lieblingsthemen: Liebe, Betrug und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Foto: Yasmina Reza. Im Rahmen einer Rezension und unter Nennung des Copyrights dürfen diese Fotos honorar / Pascal Victor/ArtComArt

Darius Ardashir ist zu Besuch im Krankenhaus, und man könnte denken, dass er sich auch ein wenig um Jean Ehrenfried sorgen soll. Schließlich hat Monsieur Ehrenfried Krebs. Worüber Darius jedoch im Moment lieber redet, ist seine Frau. Denn die will sich scheiden lassen, nachdem sie sich in den Landschaftsgärtner verliebt hat. Darius Ardashir erinnert daran, was er alles für sie getan hat („Häuser, Schmuck, Personal“), und ereifert sich darüber, dass sie ausgerechnet mit einem Landschaftsgärtner durchbrennt.

Victor Hugo gab die Richtung vor

Jean Ehrenfried wiederum verweist darauf, dass sein Freund die Gattin „Tag und Nacht betrogen“ hatte. Ein seltsamer Einwand, findet Darius. Was das eine mit dem andern zu tun habe, ist für Darius nicht nachvollziehbar. „Ich binde mich nicht an die Frauen, die einzige, die zählt, ist die nächste.“ Seine Frau hingegen habe sich verliebt, „komplett verrückt“.

Yasmina Reza verhandelt in ihrem neuen Roman „Glücklich die Glücklichen“ die französischen Lieblingsthemen: Liebe, Beziehung, Betrug, Einsamkeit, Sehnsucht nach einem anderen Leben. Es ist nicht nur kurios, wie ein Volk sich darauf eingeschworen hat, sich diesen Themen wie besessen zu widmen. Geradezu bewundernswert ist, dass ihm wieder etwas Neues einfällt, nachdem Victor Hugo mit seinem Bonmot „Melancholie ist das Glück, traurig zu sein“ im 19. Jahrhundert die Richtung der Geisteshaltung vorgab.

Rechthaberei, Neid, Arroganz

Yasmina Reza ist eine der erfolgreichsten, wenn nicht die erfolgreichste zeitgenössische Dramatikerin. Mit „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Gott des Gemetzels“ hat sie drei Bestseller für die Bühne geschrieben. „Gott des Gemetzels“ wurde dann noch bekannter, nachdem ihn Roman Polanski verfilmte. Kaum eine menschliche Schwäche kam zu kurz: Rechthaberei, Neid, Arroganz, es war alles dabei. Und doch war es eine Komödie. In ihrem Buch über den Wahlkampf Nicolas Sarkozys erzählt sie beiläufig, warum sie immer geschrieben habe, „wegen der Monotonie, der Minuten, die ins Leere kippen, wegen des Gefühls, die Welt zu versäumen“.

„Glücklich die Glücklichen“ ist ein Episodenroman. Er hat 21 unterschiedliche Erzähler. Jede einzelne Geschichte ist nur wenige Seiten lang, und gelegentlich bezieht sich eine Person auf eine andere Person, eine Begebenheit auf eine andere in einer anderen Episode. Zuweilen hat man ein wenig Schwierigkeiten, sich zu erinnern, wer jetzt hier noch einmal wer war. Aber das Buch ist weiß Gott kein Tolstoi. Jede einzelne Geschichte lässt sich als eine eigenständige lesen. Man kann die Querverbindungen der einzelnen Menschen erkunden, aber die Autorin hat kein affektiertes Rätselspiel entworfen.

Also, worum geht es nun? Es geht um Marguerite Blot. Sie erinnert sich an ein Hotel, mit Mann und Kindern: „Eine kleine Blase im Warmen, aus der man in die Welt hinausschaut.“ Es geht um den Jungen, der in der geschlossenen Anstalt landet und Audienzen dort hält, weil er glaubt, er sei Céline Dion. Der Junge ist mit diesem Dasein sehr zufrieden, die Eltern weniger. Und es geht vor allem um Odile Toscano und ihren Mann Robert, der in der Eröffnungsgeschichte über einen Supermarkteinkauf berichtet. Die beiden bekommen sich bei der Auswahl des richtigen Käses so derartig in die Haare, wie es nur Paare schaffen, die schon sehr lange zusammen sind.

Robert und Odile mit vertauschten Rollen

In einer weiteren Episode, dieses Mal aus Odiles Sicht geschildert, haben die beiden Freunde besucht, und kaum haben sie sich verabschiedet, haben sie sich nichts mehr zu sagen: „Dieses Schweigen müsste man mal untersuchen, vor allem auf Autofahrten herrscht es, wenn man nachts nach Hause fährt, nachdem man sein Wohlergehen zur Schau gestellt hat, eine Mischung aus Mobilisierung und Selbstlüge“, denkt sich Odile.

Das Paar schweigt noch, bis es ins Bett geht, dann entzündet sich ein Streit über die Frage, ob das Licht ausgeschaltet werden soll, eines der Kinder wacht auf, weil es ein Kuscheltier kurzzeitig als vermisst meldet, und als sie beide zurück im Bett sind, „jeder auf seiner Seite“, dreht sie sich um und schmiegt sich an ihn. „Robert legt mir die Hand ins Kreuz und sagt, dich müsste man auch anbinden.“

Robert und Odile sind auch deshalb ein interessantes Paar, weil beide jeweils eine Rolle einnehmen, die üblicherweise dem anderen Geschlecht zugewiesen wird. Robert will immer sofort abhauen, wenn es ihm zu schwierig wird, er umkost die Kinder und nutzt sie mit seiner demonstrativen Liebe als Waffe gegen seine Frau. Er macht ihr eine leicht hysterische Szene, nur weil sie abends noch lesen möchte. Odile, die Rechtsanwältin, ist diejenige, die eine Affäre hat (bei Robert könnte es eine Sprechstundenhilfe sein, aber das wird nicht aufgeklärt), bei der es um nicht viel mehr als Sex geht. Ihrem Verhältnis sagt sie, dass sie – also Robert und Odile – sich gegenseitig „schrecklich“ finden: „Aber er schafft es immer wieder, dass ich dableibe.“ Selbst wenn Mann und Frau die Geschlechterrollen wechseln, ist damit immer noch keinem geholfen.

Das gesamte Setting ist minimalistisch

Yasmina Reza kombiniert in „Glücklich die Glücklichen“ ihre Stärken: Ihr Blick auf moderne Zeitgenossen – realistisch und nachsichtig, aber weder unbarmherzig noch verklärend – mit der ihr eigenen verknappten Erzählform. Das Buch ist dialoglastig, und da Yasmina Reza darauf verzichtet, „sagte er“ oder „antwortete sie“ zu schreiben, bekommt der Roman eine eigene Geschwindigkeit. Sie wirft einen Scheinwerfer auf das Leben von Menschen in der Gegenwart.

Wir erfahren fast nichts über deren Geschichte, deren Herkunft, deren Aussehen, wie die Landschaft um sie herum aussieht. Das gesamte Setting ist minimalistisch. Immer geht es um zwei Menschen, immer geht es um den eigenen Blick auf den Anderen. Und damit jetzt nicht alles zu trübe klingt: Das Buch entfaltet immer wieder eine Situationskomik, als sei es das Skript für eine Screwballkomödie.

„Was mich am meisten motiviert“, hat sie vor Jahren dem „Guardian“ erzählt, „ist über Menschen zu schreiben, die normal aufgewachsen sind, und dann brechen sie zusammen. Es ist so, dass sie sich gut halten, bis sie es an einem Punkt nicht mehr aushalten.“ Das passiert jeden Tag, jede Stunde auf kleiner Bühne oder auf der für alle sichtbaren Bühne. Wenn sich François Hollande in der allerknappsten, allerkühlsten Form von seiner Lebensgefährtin verabschiedet („Ich teile mit, dass ich das gemeinsame Leben, das ich mit Valérie Trierweiler führte, beendet habe“), dann wirkt der französische Präsident, als sei er eine der seelisch verwachsenden Figuren von Yasmina Reza.