Fotografie

Benyamin Reich zeigt "Who shoots Reich" in Werkstattgalerie

Benyamin Reichs Vater ist ultra-orthodoxer Rabbiner. Trotzdem ist er Fotograf geworden und lebt in Berlin. Ein Besuch in der Werkstattgalerie, in der seine eindringlichen Werke nun zu sehen sind.

Foto: Massimo Rodari

Wovon träumt ein Jugendlicher? Vom Surfen in Santa Monica, Kalifornien, dem neuesten Apple-Gerät oder einer coolen Facebook-Liebe? Bei Benyamin Reich war es schlicht der Traum von einer Jeans, hundert Prozent Cotton, stonewashed.

Das hat seinen Grund: das blaue Denim-Teil war strengstens verboten bei Familie Reich – ins Hause eines ultraorthodoxen Rabbiners kommt so etwas Verwerfliches nicht vor. Elf Geschwister hat er, aber kein Fernsehen, keine Zeitung, Handy ohnehin nicht, stattdessen drei Mal am Tag beten, Waschrituale, Privatschule.

Musik war zu Hause tabu

Die Tora, das ist der große Bezugspunkt, Grundstein jüdischen Lebens in Bnei Berak, einer Stadt nordöstlich von Tel Aviv, wo der Großteil der Einwohner Ultraorthodoxe sind. "Und keine zwei Meter ohne Kippa", sagt Benyamin Reich. Symbol der ewigen Ehrfurcht. Schläfenlocken inklusive. Ach ja, auch keine Musik, nur biblische Lieder.

Und wenn es Poster an den Wänden gab, dann nicht von Popstars, sondern von heiligen Berglandschaften. "Kitsch", sagt Benyamin Reich. Seine Eltern würden das sicher nicht gerne hören.

Und nun steht Benyamin Reich also mitten in der Werkstattgalerie, nahe des Nollendorfplatzes, um seine Fotografien zu zeigen. "Who shoots Reich" heißt sie. Ist die Fotografie seine Waffe? Früh hat er geträumt als Kind, sich hinweg geträumt in ein anderes Land. Früh hat er auch angefangen zu zeichnen, das waren wie "Zeichen einer anderen Welt". An diesem Galerieabend in Berlin ist er in einem schmucken, schwarzen Anzug gekommen, weißes Hemd. Ein Pinguin also.

Schwarz-Weiß ist die Farbe der Orthodoxen. Vielleicht schützen sie ihn, diese Nichtfarben, vertraut sind sie ihm allemal. "Darin fühle ich mich auf jeden Fall wohl", sagt der 37-Jährige. Irgendwann, erzählt er weiter, wurden aus den kindlichen Träumen konkrete Vorstellungen. Er setzt sich über seine Erziehung hinweg und jobbt im Restaurant, er braucht Geld. "Ich wollte raus, die westliche Welt sehen mit allen Ideen!" Militärdienst muss man ohnehin nicht leisten, wenn man aus ultraorthodoxem Elternhause kommt, da winkt die Militärbehörde gleich mal ab.

Mit 17 Jahren zog Reich mutig nach Paris

Damals ist er 17 Jahre, stellt eine Mappe zusammen mit Zeichnungen, Fotografien und reicht sie in der École des Beaux-Arts ein, der renommierten Kunstakademie in Paris. Noch spricht er kein Wort Französisch, kein Wort Englisch, aber wenn man jung ist, neugierig und begabt dazu, lernt man schnell, saugt die Dinge um sich herum auf wie ein Schwamm. Gerade er, der manches überhaupt zum ersten Mal sieht und hört. Die Bibel kennt er in- und auswendig, doch wer bitte war Peter Pan?

Man kann sich gut hineinversetzen, wie der junge Mann sein Anderssein in Einsamkeit kultiviert und zelebriert und als kleiner Rimbaud und Baudelaire im schwarzen Anzug durch die Pariser Straßen von St. Germain zieht. Er sucht die Nähe zum Katholizismus, geht in die Kirche. So erzählt er seine Geschichte, war sie so? In Paris hat er sich jedenfalls die erste Jeans gekauft, und Timberland Boots. Heute, sagt er, "habe ich keine Jeans mehr im Schrank".

Nach anderthalb Jahren in Paris schmeißt er alles hin, die Kunst, seine Fotos, Zeichnungen, alles. Wie das eben so ist, wenn man seine Erziehung spürt. "Als wollte ich mich von den Sünden reinigen", glaubt er. Gott ist wie ein Schatten, sagt er. Die Vergangenheit hat ihn eingeholt. Er sucht nach seiner Wahrheit. Ist die Kunst nur ein Götzendienst? Heute ist die Fotografie wie sein Tagebuch. Viel geredet habe man nicht in der Familie, der Vater war beschäftigt mit dem Glauben und der Gemeinde.

Seine Mutter hat ihm erzählt, dass seine Großmutter Treblinka überlebt hat, dass die Großeltern in Deutschland, in Berlin, heirateten, ehe sie nach Israel gegangen sind. "Auch darüber sprachen wir nicht viel." Aber er erinnert sich, dass die Oma von schrecklichen Alpträumen gequält wurde.

Seine Aufnahmen suchen nach dem Urgrund aller Existenz

Wir stehen vor Reichs fotografischer Winterreise in der Werkstattgalerie, und sofort sehen wir, dass seine Kunst nicht von der Religion zu trennen ist. Eine ständige Suche nach dem Urgrund der Existenz, nach Gott, nach Schönheit. Locker an die Wand gepinnte schwarzweiße Fotos zeigen Bäume, Wälder, Sümpfe und Klöster in der Mark Brandenburg. Alles wirkt zugleich heilig und düster, verführerisch und beängstigend. Der deutsche Wald und seine Romantik: Diese Sehnsuchtslandschaft wird seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Bildern gemalt, beschrieben und überhöht. Bei den Nazis wurde das Motiv ideologisch als "Urboden" vereinnahmt. Reich spielt ganz bewusst mit dieser Symbolik, unterläuft sie zugleich.

Das Abgründige lauert überall, der Vernichtungszug der Nazis hat sich wie eine dunkle Ahnung in den Schattenwürfen der Fotografie eingeschrieben. Und da sind dann diese Fotos mit den Hochsitzen im Wald, seltsam leer sind sie. Sie sind der unheimliche Störfaktor in der deutschen Idylle. Mit Andreas Mühe gibt es noch einen jungen Fotografen, dessen Ästhetik Assoziationen mit der Bilderwelt der Nazi-Diktatur hervorruft. Gleich gegenüber sehen wir das große Foto mit einem jungen halbnackten Orthodoxen, der sich den schwarzen Gebetsriemen eindeutig umwickelt hat. "Als Sex Toy", lacht Reich.

Viele junge Israeli leben in Berlin

Viele, viele junge Israeli, Mitte zwanzig, sind in Berlin, meint Reich. 20.000 schätzt er, viele Künstler sind dabei. Die meisten kämen aus Tel Aviv. Um Glauben gehe es denen nicht, er winkt ab, auch nicht um historisches Bewusstsein in dieser Stadt. Mit der Jüdischen Gemeinde hätten sie eh nicht viel zu tun, das seien halt keine Synagogengänger. "Eine Modeerscheinung", sagt er. "Hier locken die Clubs und Partys, preiswert ist es ohnehin!"

Ob er Kontakt nach Hause hat? Man telefoniert, antwortet er knapp. Die Eltern haben ihn mittlerweile in Berlin besucht. Der Vater weiß auch, dass sein Sohn hier mit einem jungen Berliner zusammenlebt, einem Berliner, der Philosophie studiert und ein jüdisches Elternhaus hat. Das schwule Paar spricht Hebräisch zusammen.

Die turbulente Diskussion im Hause Reich in Bnei Berak kann man sich vorstellen. Benyamin kommentiert das mit nur einem Satz: "Mein Vater und ich sprechen, aber wir beide sprechen nicht über unsere Verletzungen."

Werkstattgalerie, Eisenacher Str. 6., Di-Sa 12-19 Uhr. Sa 12-16 Uhr.

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