Film

Jim Jarmusch ist frustriert vom Filmemachen

„Ich fühle mich wie ein gezähmter Wolf“: Der König des Independent-Kinos brauchte sieben Jahre, um seinen Film „Only Lovers Left Alive“ finanziert zu bekommen. Jetzt denkt er über einen Plan B nach.

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Sein Haar war schon immer weiß, auch als er noch jung war. Andernfalls wäre es wohl jetzt weiß geworden: Jim Jarmusch ist mit Filmklassikern wie „Down By Law“ und „Broken Flowers“ so etwas wie der König des amerikanischen Independent-Kinos. Aber auch Könige gelten nichts mehr im eigenen Land. Für seinen neuen Film „Only Lovers Left Alive“, der jetzt in die Kinos kam, brauchte Jim Jarmusch sieben Jahre, bis er ihn finanziert bekam. Erstmals konnte der 60-Jährige dabei nicht mehr mit seiner eigenen Produktionsfirma arbeiten, sondern musste in Deutschland drehen. Ein Regisseur hadert mit seiner Berufung: Peter Zander hat ihn im Soho-House getroffen.

Berliner Morgenpost: „Only Lovers Left Alive“ ist ein Vampirfilm. Springt jetzt auch ein Jim Jarmusch auf den „Twilight“-Zug?

Jim Jarmusch: Ja, ich habe gehört, damit ließe sich viel Geld machen. (lacht) Nein, Einspruch: Ich hätte mit dem Film schon vor allen anderen kommen können. Wenn man mich nur gelassen hätte. Ich habe allerdings sieben Jahre gebraucht, um ihn realisieren zu können.

Warum hat das so lange gedauert?

Die Finanzierung! Niemand wollte mir helfen, den Film zu machen. Alle meinten, das sei zu unüblich, ich wolle den Leuten nicht das geben, was sie wollen. Bei solchen Sätzen würde ich am liebsten meine Knarre ziehen. Das ist doch nun wirklich nicht mein Job. In der früheren Fassung hatte der Film noch viel mehr das, was man von einem Vampirfilm erwartet. Aber ich habe mehr und mehr davon rausgenommen. Ich bin wohl etwas sauer geworden. Die Landschaft der Finanzierung hat sich völlig gewandelt. Und dies ist mein allererster Film überhaupt, an dem ich nicht selbst die Rechte habe, den ich nicht mit meiner eigenen Produktionsfirma gemacht hat. Das war eine völlig neue Erfahrung.

Als Sie in den 80er-Jahren zu drehen begannen, war das die kreativste Ära des amerikanischen Independent-Films. Ist der womöglich an einem Ende angelangt, sind Sie der letzte Dinosaurier einer veralteten Zeit?

Das ist hart, Sie das sagen zu hören. Ich hoffe doch, es kommen viele junge Talente nach, von denen wir nur noch nichts gehört haben. Aber Sie haben schon recht, da hat sich etwas komplett gewandelt. Das hat mit dem Verleih und der Vorführung zu tun. Alles in der Welt ist mehr Corporate, die Filmtheater gehören großen Companys. Da haben es die Kleinen immer schwerer. Letzter Dinosaurier? Ich weiß gar nicht, ob ich jemals noch mal einen Film finanzieren werde. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das noch will. Das ist so kräfteraubend. Es macht nicht mehr diese Freude wie früher. Ich muss plötzlich ganz viele Faktoren einkalkulieren, über die ich früher nie nachdenken musste.

Woody Allen hat zuletzt viel in Europa gedreht, Sie in Spanien und jetzt in Deutschland. Ist Europa das neue, bessere Heim für den US-Independent-Film?

Kann gut sein. Ich sollte hier eine Zweitwohnung beziehen. Wobei mein Film in Spanien mit US-Geldern finanziert war, da sah die Sache noch anders aus. Aber „Only Lovers“ wurde zu großen Teilen in Deutschland gedreht, weil hier das Geld herkommt. Ich musste mit Leuten arbeiten, die ich noch gar nicht kannte. Das war am Ende eine großartige Bereicherung, ich will also nicht jammern. Aber ich musste erstmals im Studio drehen. Das ist einfacher, aber auch künstlicher. Ich habe es gehasst. Ich fühlte mich wie ein gezähmter Wolf.

Die Vampire Ihres Films kommen aus einer anderen Epoche, sie hadern mit der modernen Zeit. Gilt das ein wenig auch für Sie, sind Sie ein Vampir der Filmindustrie?

Nun, wahrscheinlich schon. Wohlgemerkt: Ich bin nicht nostalgisch, ich heule nicht den alten Zeiten nach. Okay, ich habe mich lange gewehrt, digital zu drehen. Ich liebe das alte Filmmaterial. Aber letztlich sind alle Techniken nur Werkzeug; was du daraus machst, darauf kommt es an. Ich liebe es, Schwarzweiß zu drehen. Auch wenn die Leute sagen, es gibt doch Farbe heute. Man muss auch mit alten Techniken arbeiten dürfen. Es gibt ja schon junge Leute, die nicht mal mehr wissen, was CDs sind. Wie wollen Sie denen erklären, dass eine alte Schallplatte noch ganz anders klingt als ein Download? Das ist traurig, die verpassen da was. Aber es sagt dir halt auch, dass du zu den alten Leuten zählst.

Das klingt alles so, als ob Sie sich womöglich aus dem Filmgeschäft verabschieden wollen? Haben Sie einen Plan B?

Nein, ich arbeite an einem weiteren Projekt. Das würde ich gerne nächstes Jahr machen. Aber vielleicht kriege ich das gar nicht finanziert. Keine Ahnung. Die Filme müssen wohl noch kleiner, intimer und persönlicher werden. Das ist schon sehr frustrierend. Vielleicht sollte ich wirklich über etwas Neues nachdenken, ich bin es leid, so kämpfen zu müssen. Tatsächlich mache ich in letzter Zeit wieder mehr Musik. Das erfüllt, das befriedigt mich mehr. Aber ich liebe das Filmemachen, ich will’s nicht aufgeben.

Ich hoffe, Sie werden weitermachen.

Ich hoffe auch. Aber sehen Sie sich meinen Freund Bela Tarr aus Ungarn an. Der hat aufgehört. Der hilft jetzt anderen Menschen. Er hat so immer noch teil am Filmemachen, aber eben auf andere Art.

Man hat mich gewarnt, ich dürfte keine Frage zu Vampirfilmen stellen.

Oh nein, natürlich dürfen Sie das. Ich liebe Vampirfilme. Nicht so sehr die, die nach Schema F gedreht sind, aber es gibt ein paar echte Klassiker. „Nosferatu“, beispielsweise, oder „Begierde“ von Tony Scott. Es sind halt mehr so die Arthousefilme, die nicht so genreyptisch sind. Aber ich liebe auch Exploitation-Zeug wie „Blackula“. Darüber rede ich auch gern. Worauf ich nur wirklich allergisch bin, sind so banale Fragen wie „Warum ein Vampirfilm, Herr Jarmusch?“ Oder „Wie war es, mit Tilda Swinton zu drehen?“ Was soll man denn da bitte schön sagen? „Julia ist eine Bestie“?

Sie haben vermutlich keinen der „Twilight“-Filme gesehen.

Nein. Dieses Teenie-Zeugs gucke ich nicht. Obwohl mein Freund und Kollege Barbet Schroeder meinte, der erste Teil sei sehr gut gewesen. Das hat mich neugierig gemacht. Fast hätte ich mir den angeguckt. Aber nur fast.

Tilda Swinton sagte, eigentlich seien all Ihre Filme Vampirfilme. Wegen Ihrer somnambulen Helden. Stimmen Sie dem zu?

Ich kann nicht wirklich zustimmen, aber ich liebe es, wenn sie das sagt. Sie darf das, sie darf sowieso alles. Ich habe in diesen sieben Jahren oft daran gedacht, den Film aufzugeben. Aber ich habe ihn für Tilda geschrieben und sie war es, die mich immer wieder ermutigt hat. Immer wenn wieder eine Finanzierung geplatzt ist, sagte sie: O das ist gut. Ich dachte, sie hört mir nicht zu. Aber sie meinte das wirklich so. Sie sagte, denk dir einfach, wir seien Vampire. Zeit kann uns egal sein. Ihr Filmpartner sollte eigentlich Michael Fassbender sein, aber als der Dreh sich wieder verzögerte, stand er nicht mehr zur Verfügung. Ich war am Boden zerstört. Und wieder sagte Tilda: Dann sollte das so sein, dann ist er nicht der Richtige. Am Ende hat sie recht behalten. Ohne Tom Hiddleston könnte ich mir den Film nicht mehr vorstellen.

Ist es Ironie, dass die meisten Tom Hiddleston aus den „Thor“-Filmen kennen? Und jetzt möglicherweise Blockbuster-Fans Ihren Film schauen werden, nur um ihn zu sehen?

Ich habe mal gesagt, wir sollten ein paar Szenen drehen, in denen er sein Hemd auszieht. Das war ein Witz, aber mein Produzent hätte das sofort gemacht. Tom ist wohl wirklich eine Geheimwaffe, es gibt ja wahre Hiddlestoners, zu Tausenden. Aber ich denke nicht in solchen Kategorien. Und sie werden den Film wohl auch nicht mögen.

Da Sie in Deutschland gedreht haben: Haben Sie eigentlich je darüber nachgedacht, hier in Berlin zu drehen?

Ja, ich hatte schon ein paar Ideen, hier zu drehen. Aber ich fürchte, das passiert mir bei allen Städten, die ich mag. Das inspiriert mich immer.

Sie hatten vor langer, langer Zeit mal ein Stipendium in der Stadt. Und lebten für ein halbes Jahr in der Stadt. Das war noch zu Mauerzeiten. Erkennen Sie Ihr altes Berlin eigentlich noch?

Oh, die Stadt hat sich völlig verändert. Ich erkenne sie kaum wieder. Ich war zwischendurch nur ein-, zweimal kurz da. Den Umbruch habe ich also nicht so richtig mitbekommen. Insofern ist das jetzt wirklich eine ganz neue Stadt. Damals war es natürlich völlig eingeschlossen, aber das Spannende war, dass die jungen Leute, die damals hier waren, alle so etwas wie eine Mission hatten, warum sie gerade hier waren. Um Musik, Filme, Kunst zu machen, um sich auszudrücken. Das ist natürlich meine eigene lächerliche Sicht auf die Dinge. Ich klinge wie einer, der den alten Zeiten nachheult. Heute ist die Szene halt viel breiter. Wäre ich heute noch jünger, würde ich Berlin aber wohl in einer gewissen Weise noch viel mehr lieben als damals.

Woran erinnern Sie sich noch?

Ich wohnte erst in Charlottenburg, dann in Kreuzberg. Und habe dann natürlich die Stadt erkundet. Damals lebte die Schauspielerin Solveig Dommartin mit Wim Wenders zusammen, sie ist ja leider gestorben. Aber immer wenn sie auf Reisen waren, hat sie mir ihren alten wunderschönen VW Käfer ausgeliehen, damit bin ich viel hier in der Stadt rumgekurvt. Das war lustig, weil ich keine Ahnung hatte, wohin ich fuhr. Aber man konnte sich ja nie groß verfahren, weil man irgendwann an der Mauer landete. Egal welche Richtung du eingeschlagen hast. Das war schon ziemlich seltsam. Aber ich habe hier tolle Leute kennengelernt, die Kumpels von den Einstürzenden Neubauten, Nick Cave und die Band Die Haut. Und natürlich Wim, ein ganz wunderbarer Freund. Aber alles in allem war das schon ein bisschen klaustrophobisch.