Kultur

Kunst für alle – Das Ebay-Prinzip kommt aus Berlin

Auctionata ist ein Berliner Online-Auktionsunternehmen – mit großem Erfolg. Einen Van Gogh hat die Firma gerade erst vergangene Woche versteigert. Doch den Rekordpreis erzielte ein anderes Gemälde.

Foto: Amin Akhtar

Über den Ku'damm rennen sie jetzt alle von Geschäft zu Geschäft und über den Tauentzien sowieso. Und wenn man nur versucht ist, stehen zu bleiben, wird man umgerannt, von einem der gerade einen Flachbildschirm gekauft hat, und sich zu Weihnachten die Welt aus der Wohnung noch schärfer und noch kontrastreicher anschauen will, weil er die Wohnung eh nicht mehr verlässt. Wer früher Kunst kaufen wollte, der musste aus dem Haus. Der ging zu Sotheby's und später dann, ab 1986 zur Villa Grisebach in die Fasanenstraße. Irgendwann konnte man dort auch per Telefon bieten. Was gibt es also Schöneres und Zeitgemäßeres, als daheim zu sitzen, sagen wir mal in einer von Frank Lloyd Wright gebauten Villa auf einem Holzstuhl von Eames, in der rechten Hand ein Glas Pétrus und auf dem Schoß einen Laptop, und wir scrollen uns so durch die Seite www.auctionata.com und kaufen uns eine Rohrfederzeichnung von Van Gogh?

So, oder so ähnlich, hat sich das der Wiener Alexander Zacke vorgestellt und gründete vor einem Jahr die Firma Auctionata. Zacke machte seine Ausbildung im Kunsthandel der Eltern in Wien, später wurde er Auktionator am Dorotheum. In den Neunzigern begann er Premiumkunst über Ebay zu verkaufen. Und jetzt sitzt er eben am Ku'damm in seinem Büro.

Eine Dame bringt gerade Gegenstände zum Schätzen in die Büroräume von Auctionata. Hier sichten und sortieren Experten, dass zu Veräußernde. Verkauft wird es dann in Moabit im Fernsehstudio. Im Minutentakt bringen Träger in weißen Handschuhen dort Arbeiten vor drei Kameras. Ein Auktionator steht hinter einem Pult. Über das Internet können Interessierte im Stream die Auktion verfolgen und auch mitbieten. Per Telefon und vor Ort geht es natürlich auch. Wenn einer bietet, poppt rechts im Bild des Streams die Landesfahne des Bieters auf, dazu ein Vorname. „Marc from France, five thousand“, kommt es vom Auktionator, der gleich den Preis nach oben treiben will, „Hey Steve from Israel, and what's with our guy from Sweden, Björn?“. Rechts daneben steht der Kunstexperte Steven Brezzo, mit Bart und Fliege, und er strahlt so eine kluge Exzentrik aus, die mit der sanften Stimme, wie von Bob Ross, die Preise hoch hält. Vergangene Woche haben sie Vincent Van Goghs Zeichnung „Die Ebene von La Crau“ verkauft. Die Arbeit ging für 320.00 Euro weg.

Eine Mappe von Egon Schiele

Zacke erzählt im Büro gerade von einem seiner Lieblingslokale in Wien. Da waren sie alle, der Bernhard, der Peymann und der Tabori und manchmal auch der Kippenberger. Thomas Bernhard wollte aber nie was mit den Leuten da zu tun haben, der saß da sehr zurückgezogen. Ein Jahr ist Auctionata erst alt. Und doch haben sie schon international für Furore gesorgt. Dieses Jahr im Februar hat das Team von Zacke – inzwischen sind das über 600 Experten weltweit, die Kunst für ihn begutachten und schätzen – eine Mappe von Egon Schiele gefunden. Beim Eigentümer lag sie zwischen Büchern. Dessen Hund soll sogar von Zeit zu auf der Mappe geschlafen haben. Jedenfalls war in der Mappe ein Aquarell von Schiele. „Liegende Frau“ von 1916. Es wurde online versteigert über Auctionata. 1.500.000 Euro bot einer dafür. Es wurde verkauft. Inklusive Gebühren und Käuferaufgeld betrug das Ergebnis 1.827.000 Euro. Ein Rekordpreis. Die bisher teuerste Position, die jemals online verkauft wurde.

„Ich mache es genau so wie im Casino“

Natürlich sind solche Funde Glück, oder? Und der Wiener Zacke antwortet, wie nur ein Wiener antworten kann. „Mich fragen immer wieder Leute, wie ich das mache, dass ich so viel Glück habe. Ich habe ein einfaches Rezept. Ich mache es genau so wie im Casino. Am Roulettetisch setz' ich immer auf die vierzehn. Und zwar so lange bis die vierzehn kommt. Und sie kommt immer.“ Der Fund natürlich, der ist Glück, dass Zackes Business aufgeht, aber die Folge von Arbeit, Visionen, Plan. Am Ende muss man Investoren überzeugen, und dafür muss man Ideen, Markt und Kernteam haben haben.

Kernteam heißt für Zacke, zwei Gründer aus unterschiedlichen Lagern. So war das immer. „Zalando, Soundcloud, die meisten erfolgreichen Gründungsteams kommen aus komplementären Teams. Wenn zwei Techniker zusammen etwas gründen, funktioniert es meistens nicht. Wenn zwei Kunstliebhaber etwas gründen auch nicht.“ Bei einem Techniker und einem Kunstliebhaber hat es aber funktioniert. Auctionata wurde mit Investorenkapital von der Verlagsgruppe Holtzbrinck und der Otto Group gegründet. Derartige Investoren überzeugt man nicht mit Luftschlössern. 55.282 Kunden zählt Auctionata inzwischen, nach einem Jahr. Das sind Käufer und Verkäufer. Der Durchschnittspreis bei Premium-Auktionen beträgt 11.000 Euro. Der von Sotheby's sei 15.000, erklärt Zacke. Sotheby's hat aber auch 268 Jahre Vorsprung.

Zacke fühlt sich angekommen in Berlin. Wien vermisst er gar nicht. „Für mich war es immer ein Lebenstraum, ein paar Jahre in Berlin zu leben.“ Er strahlt dabei. Eigentlich wär' er viel lieber nach Mitte gegangen, aber das Einzige, was eben zählt, sagt er, ist die Adresse. „Jeder Deutsche kennt nun mal den Kurfürstendamm. Den Pariser Platz gibt’s überall. Den Ku'damm aber nur in Berlin.“

Mit Trainingshose ins Berghain

Zacke ist einer, der jede Zahl von Auctionata kennt, oder sie in wenigen Sekunden aus dem Laptop zaubert. Aber Zacke ist auch einer, der den Techno von Tiefschwarz liebt, der mit seinen Söhnen über den perfekten Dress für's Berghain redet. „Die sind ja öfter dort, und meinten, das sei schwierig mit der Tür. Ich stand also vor ihnen in meinen olivgrünen Crocs und einer Trainingshose, und hab' gewettet, dass ich damit reinkomm'.“

Jetzt hat Zacke einen Ausstellungsmacher kennengelernt, der mit dem Berghain ein paar Veranstaltungen organisierte. „Den muss ich mal anbohren, dass wir was zusammen machen. Aber bisher hab ich es noch nicht ins Berghain geschafft.“ Fürs Ausgehen hat er gerade keine Zeit. „Das mach ich in zehn Jahren, wenn ich die Company verkauft hab“, sagt er und sein Augen sagen, dass er das wirklich macht und mit den grünen Crocs im Berghain tanzt.

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