Admiralspalast

Momix-Show – Pina Bausch trifft Friedrichstadt-Palast

Geisterhafte Gestalten, Muster aus Armen und Beinen und tanzende Zentauren bietet die Show „Botanica“ der Momix-Compagnie. Vieles erinnert an den Cirque du Soleil. Doch es fehlt die perfekte Illusion.

Foto: te / Getty Images

Heftige Böen peitschen über die weiße Fläche, die an Wasser erinnert oder ein Schneefeld. Wellen bilden sich, auch große Wogen, in denen sich seltsame Gestalten aufzubäumen scheinen, halb Mensch, halb Kreatur, im Widerstand gegen die Elemente. Vergebens: Die geisterhaften Gestalten verschwinden wieder in den fließenden Bewegungen des Sturms.

Nein, Xaver ist das noch nicht, vor dem sich gerade Norddeutschland verbarrikadiert, sondern ein erster Effekt von „Botanica“, der aktuellen Show im Admiralspalast. Die weiße Fläche ist ein großes Tuch, darunter ahnt man die Körper der Tänzer der US-amerikanischen Momix-Compagnie. Die hat der heute 64 Jahre alte Choreograf Moses Pendleton vor mehr als 30 Jahren gegründet. Davor sammelte er Erfahrungen als Mitbegründer der Tanzgruppe Pilobolus, choreografierte 1980 die Abschlusszeremonie der Olympischen Winterspiele in Lake Placid.

Auch in Berlin ist er kein Unbekannter, zumindest für Tanzfans mit gutem Gedächtnis: 1982 führte er zusammen mit dem Komponisten Wolfgang Riehm Antonin Artauds Tanzpoem „Tutuguri“ in der Deutschen Oper Berlin auf.

Seither widmet sich Pendleton Momix, seiner Vision von theatralischem Illusions-Tanz, der eine Mischung aus Modern Dance und sinnenbetörender Show sein will, eine Abfolge von Verzauberungsstrategien bei gleichzeitiger Offenlegung der Mittel – Pina Bausch trifft Friedrichstadt-Palast. Wobei die Betörung klar im Vordergrund steht.

Spiel mit verdruckster Erotik

Grob folgt Pendleton den vier Jahreszeiten. Er beginnt mit dem Winter, wo nach den Stürmen eine Skulptur über die Bühne wogt, halb Ikea-Stehlampe, halb Qualle, vielleicht auch eine Art pflanzlicher Schneekönigin. Dazu winden sich Tänzerinnen aus dem wallenden Bodentuch. Schon bald sind sie vom Winde verweht, dafür sieht man im Dunkeln abstrakte Muster aufleuchten – Arme und Beine dreier Tänzer, die mit ihrer grünen Neonfarbe körperlos im Raum zu schweben scheinen.

Erst allmählich kommen Blumen ins Spiel, zunächst mythologisch: Auf einer schrägen Spiegelfläche räkelt sich eine scheinbar nackte Tänzerin zu Lisa Gerrards „Space Weaver“, kreiert mit ihrer Reflexion abstrakte Formen – und erinnert zugleich an den Mythos von Narziss, der sich in sein Abbild verliebte, ertrank und zur gleichnamigen Blume wurde.

Pendleton spielt hier wie auch später mit einer eher verdrucksten Erotik. Hautfarbene Trikots suggerieren Nacktheit, klassische Paartänze eine keimfreie Zärtlichkeit. Dazwischen reitet eine Frau auf einem Dinosaurierskelett, das imposant mit seinem langen Knochenschwanz wedelt, steigt ab, streichelt es. Plötzlich fällt das Ungetüm die Frau an, und – ja, was denn nun? Frisst sie? Begattet sie? Das bleibt trotz beeindruckender Puppenführung im Dunkeln.

Schöne Ideen werden zu lange ausgespielt

Apropos Puppen: Die stammen, wie auch die blumenartigen Figuren und Skulpturen, von Michael Curry. Der ist für seine Entwürfe längst preisgekrönt, für das „König der Löwen“-Musical, die Eröffnungszeremonie der olympischen Winterspiele in Salt Lake City 2002 und für den Cirque du Soleil. An dessen Shows erinnert in „Botanica“ sowieso vieles, die Verwandlungsfreude, die Verblüffungsstrategien, der tiefe Griff in die Trickkiste. Nur mangelt es immer wieder an der perfekten Illusion, werden schöne Ideen zu lange ausgespielt, viel zu selten mit einer Geschichte unterfüttert.

Zum Beispiel, als die fünf Männer der zehn Tänzer umfassenden Truppe als schwarzgelbe Insekten auf die Bühne kommen: Erst wackeln sie bedrohlich mit den Fühlern, dann proben sie zu afrikanischen Rhythmen Imponiergesten zwischen Stammesritual und MTV-Ästhetik. Nun, denkt man sich, müsste doch das Ziel ihrer Anstrengung ins Spiel kommen, Blumen, andere Insekten. Aber solche Entwicklungen gibt es nicht.

Ähnlich die durchaus beeindruckende Szene mit den Zentauren, mythologische Figuren, die halb Mensch, halb Pferd sind: Toll, wie die zwei Tänzer, die jeweils ein Wesen ergeben, sich koordinieren, wie ein Organismus wirken. Aber nachdem dieser Effekt einmal vorgeführt wurde, kommt da nichts außer ein paar weiteren Runden, in denen sich die menschlichen Oberkörper gegenseitig drohende Gesten zuwerfen und die tierischen Beine mit den Hufen scharren.

Ziemlich beliebige Musikauswahl

Natürlich gibt es mit den vier Jahreszeiten einen roten Faden, natürlich spielt Pendleton mit mythologischen Elementen, bei denen man sich seinen Teil denken kann. Dennoch fehlt der Show der innere Zusammenhang. Es ist, als setze da jemand zum großen Sprung an – und traue sich dann doch nicht.

Auch die ziemlich beliebige (und oft zu laute) Musikauswahl zwischen Lounge-Entspannung, Underground, Hindi-Rhythmen, heftigen Beats und Vivaldi ist einzig dem aktuellen Effekt geschuldet, keiner Dramaturgie. Am Ende ist es Herbst geworden, umtanzen mit Herbstlaub bekrönte Figuren Eichenäste. Hübsch ist das, wirklich hübsch. Aber gegen den Winter draußen hat dieser botanisch-mythologische Reigen dann doch keine Chance, weil er nicht wärmt.

Admiralspalast, Mitte, Friedrichstraße 101, Karten: 030 22 50 7000, täglich bis 15.12. jeweils 19.30 Uhr, an den Wochenenden auch Nachmittagsvorstellungen