The Bianca Story

Wie eine Berliner Band die Musikindustrie untertunnelt

Vergiss die gierigen Labels: Die Berliner Band The Bianca Story hat ihr erstes Album komplett mit Crowdfunding finanziert und so die Musikindustrie umschifft. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

Foto: Reto Klar

Sie haben einen Tunnel durch das Matterhorn gegraben. Behaupten sie jedenfalls. Also eigentlich haben sie die Verkrustungen der Musikindustrie aufgebrochen. Behaupten sie auch. Ursprünglich kommt The Bianca Story aus Basel, inzwischen hat die Band ihr Quartier auch in Berlin aufgeschlagen. 91.662 Euro haben sie auf einer Crowdfunding-Plattform eingenommen. Von dem Geld kaufen sie ihr Album frei. „Digger“ heißt es, das ist nicht Hanseatisch, sondern Englisch und bedeutet Bergmann. Das Matterhorn, einer der gefährlichsten Berge überhaupt, über 450 Tote seit 1865 wurden dort gezählt, gilt als Zinnbild für das Wagnis ihrer Aktion.

Der Berg steht für die Musikindustrie, die zwischen der Musik und ihren Konsumenten steht. Die Konsumenten wollen letztlich nur gute Musik, sie würden dafür auch bezahlen, am liebsten den Künstler direkt. Konzerte laufen gut, CD-Verkäufe immer weniger, an Plays über Spotify verdient ein Künstler de facto nichts. So viel zum Status Quo der Musik, der vor allen Dingen für die Industrie besorgniserregend ist. Die Idee, die The Bianca Story hatten, ist es, die Musikindustrie eben zu untertunneln. Sich durch deren Berg zu graben und direkt zum Musikfan vorzustoßen. Dafür brauchen sie Geld. Das per Crowodfunding zusammengekommen ist.

Die Band verdient und kein Label

90.000 Euro war das Ziel der Kampagne, die The Bianca Story „Bist Du Kumpel?“ nannten. Als Geldgeber wurde man also zum Kumpel, der beim Sichern des Stollens mithalf. Ganz genau hat die Band ihr Budget aufgestellt. 13.000 Euro für den Produzenten und das Studio. 4.000 für die Plattenpressung. Die Gema bekommt 4.500 Euro, das Marketing kostet 1.800 und so weiter. Für sich selber haben sie für das Einspielen der Platte 3.000 Euro pro Person veranschlagt. Für die Kunst wäre das ein absurd kleiner Wert. Sänger Elia Rediger erklärt, wofür dieses Gehalt ist. „Nicht für die Kreation. Wir haben uns dieses Gehalt nur für das Interpretieren unserer Stücke bezahlt, das Über-die-Saiten-Spielen.“

Die erfolgreiche Befreiung des Albums „Digger“ heißt, es kann nicht mehr raubkopiert werden. Weil die Musik jetzt frei ist, ist das Leistungsschutzrecht abgegolten. Was aber nicht heißt, dass The Bianca Story ihr Urheberrecht abgeben. Herunterladen kann sich das Album jeder, ohne Geld dafür zu bezahlen. Will man die Stücke aber für eine Fernsehwerbung oder als Radiosender verwenden, muss man natürlich weiterhin Nutzungsgebühren bezahlen. Daran verdient wieder die Band und das ist auch gut so.

Mehr Mittel mobilisiert als Public Enemy

The Bianca Story sind nicht die ersten, die auf die Idee kommen, Musik an der Plattenindustrie vorbei zu verkaufen. Prince etwa veröffentliche ab 2001 Material über seine Internetseite. Fans konnten gegen Geld eine Mitgliedschaft kaufen und so die Songs des Musikers herunterladen. Die Einstürzenden Neubauten begannen 2002 mit einem ähnlichen Projekt. Sogar Public Enemy, einst die wichtigsten Rapper der Welt, riefen 2009 zum Crowdfunding auf.

Einzigartig ist aber bei The Bianca Story die Menge des Geldes. The Bianca Story haben auf Facebook 5.680 Menschen, denen die Seite der Band ein „Gefällt mir“ wert ist. Public Enemy haben 584.763. Public Enemy konnten mittels Crowdfunding 75.000 Dollar, knapp 59.000 Euro sammeln. Obwohl Public Enemy fast zehn Mal so viele Fans haben, konnten The Bianca Story fast doppelt so viel an Mitteln mobilisieren.

2009 haben The Bianca Story eine EP in Form eines Würfels verkauft. Das war ein Kunstobjekt von acht Kubikmetern, dafür hat hat man fünf Songs bekommen, die über eine Soundanlage und Bildschirme abgespielt wurden. So spielen die Schweizer auf einer uramerikanischen Warhol’schen Klaviatur, die zwischen Kunst, Konsum und Werbung hin und her schwingt und so nebenbei die alten Strukturen absurd erscheinen lässt.

Einfach mal Yello angequatscht

The Bianca Story konnten Dieter Meier für sich gewinnen. Den Schweizer Künstler, der einst mit Yello zum Elektropionier wurde. Elia Rediger traf Dieter Meier einmal. Yello fanden The Bianca Story schon immer gut. Rediger fragt ihn einfach nach seiner Telefonnummer. Meier gibt sie ihm. Jetzt singt er auf dem großartigen „Does Manni Matter“ mit, seine knarzige Stimme mit dem wohlklingenden Baritons Redigers. Die dritte Stimme kommt von Anna Gostelli, zu einem hervorragenden elektronischen Darkroom-Pop, düster, sexy, tief.

„Digger“ ist auch unabhängig vom marktwirtschaftlichen Umdenken und vom Mut, der Plattenindustrie zu sagen, wir brauchen euch nicht, ihr wollte eh nur unser Geld, das wir generieren, und nicht unsere Kunst. Ein großes, ein tiefes Album. Zwölf Stücke haben The Bianca Story geschrieben. Lange hat man keinen so formvollendet singen hören wie Elia Rediger. Das ist eine Stimme, die dafür gemacht ist, ganz in Schwarz-weiß zu singen, im Film Noir, in New York City, die die tiefsten Orte von Gefühl auslotet. Die Instrumentierung zeigt eine Band, die große Popsongs schreibt, fast orchestral. Das ist eine Band, die elektronisch und gleichzeitig klassisch Musik interpretiert und komponiert, die cineastische Momente musikalisch inszeniert.

Jetzt machen sie auch große Oper

Im März gehen The Bianca Story an die Deutsche Oper. Sie spielen ein Konzerttheater: „Gilgamesh Must Die!“ Auf dem Album kann man schon den Vorboten im Gewand eines Popsongs hören. Gilgamesh, der sumerische König aus dem 3. Jahrhundert v. C. Das ist der Stoff, aus dem die Oper ist. Und der Intendant der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, zeigt Mut, einer jungen Band wie The Bianca Story seine Bühne anzuvertrauen. Das ist gut in diesen Tagen, Mut zu haben. Die Plattenindustrie weint den alten Zeiten hinterher, sie sehnt sich nach Gewinnmargen an CD-Verkäufen und lässt die Künstler hinten runterfallen. Mut brauchen vor allen Dingen die Künstler dieser Tage. Mut kann zwar keine Berge versetzen, er kann sie aber untertunneln.

Konzert: Am 2. Dezember spielen The Bianca Story im Privatclub (19 Uhr)

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