Kultur

Berlins kleinstes Opernhaus liegt an der Landsberger Allee

Kristin Hasselmann hat ein Opernhaus eröffnet, das mehr an ein Wohnzimmer erinnert. Sie möchte Menschen für klassische Musik begeistern, die sonst dazu keinen Bezug haben.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Hotels, Hochhäuser, Einkaufscenter, sogar ein Schwimmbad und ein Krankenhaus gibt es an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain. Womit man aber sicher nicht an dieser sechsspurigen Ausfallstraße gen Osten rechnet, ist ein Opernhaus. Aber auch das gibt es. In grünen Lettern steht über einem Ladengeschäft in Friedrichshain „Hauptstadtoper“.

Wer das nicht glauben kann, darf einfach hereinkommen, jedenfalls von Mittwoch bis Sonntag. Dann gibt es hier Kaffee und Kuchen, von der Intendantin Kirstin Hasselmann selbst gebacken.

Viel mehr als die Intendantin gehört nicht zu dem jüngsten und mit Sicherheit kleinsten Opernhaus Berlins. Für ihre Produktionen sucht sie sich jedes Mal ein kleines Ensemble zusammen. Die größte Besetzung waren einmal zwölf Künstler und Musiker, „da haben wir Wagner gespielt“.

Mehr Wohnzimmer als Theater

Wagner mit zwölf Personen? Klingt nach einem Witz. Und dann auch noch auf 59 Quadratmetern. Viel größer ist der Raum tatsächlich nicht, der Entree, Garderobe, Bühne und Publikumssaal mit höchstens 60 Plätzen in einem ist. Eher Wohnzimmer als Theater. Aber den „Ring“ gibt es hier auch nicht, Kirstin Hasselmann sucht sich Einakter oder lässt Opernstoffe für ihre Mini-Bühne adaptieren. „Es muss etwas mit Musik zu tun haben, aber es muss keine ganze Oper sein“, erklärt die 49-Jährige.

Kirstin Hasselmann versteht ihr kleines Opernhaus als Einstieg in das Genre. „Hier werden keine Rituale gepflegt, es gibt keine Abendroben“, erklärt sie, „zu uns kommen auch Menschen, die noch nie vorher in der Oper waren.“ Und davon gibt es im Kiez rund um die Landsberger Allee viele. Zum einen, weil sie keine 50 Euro für eine Karte ausgeben, zum anderen, weil sie sich nicht drei, vier Stunden auf etwas Unbekanntes einlassen wollen.

Die Abende in der Hauptstadtoper dauern oft nicht länger als eine Stunde. „Kurz und knackig geht es hier zu“, sagt die Intendantin. Doch nicht nur Opernneulinge finden den Weg hierher, auch die, die schon alles kennen, die müde sind von der großen Bühne, gehören zu den Zuschauern.

Die Intendantin war früher selbst Sängerin

Müde war auch Kirstin Hasselmann vor einigen Jahren, und auf der Suche nach etwas Neuem. 14 Jahre hatte die Sopranistin an großen Opernhäusern in Deutschland gesungen. Selten konnte sie sich dabei die Rollen aussuchen. Die Gilda aus Verdis „Rigoletto“ und Pamina aus der „Zauberflöte“, die hat sie gern gesungen.

Aber es gab auch die Christel von der Post aus dem „Vogelhändler“, ihre Hassrolle. Vielleicht sang sie gerade mal wieder die Christel, als in ihr die Idee reifte, etwas Eigenes zu machen.

Vor knapp zehn Jahren stieg sie aus dem Operngeschäft aus, versuchte sich erst als Freiberuflerin in Köln und kam dann vor sieben Jahren nach Berlin: „Hier gibt es noch Raum für Nischen und etwas zu erobern.“ Erst schloss sie sich nacheinander zwei Gruppen an, die eine habe künstlerisch auf hohem Niveau, aber ziemlich chaotisch gearbeitet, bei der zweiten war es wohl umgekehrt. Kirstin Hasselmann wollte aber in jeder Hinsicht hohes Niveau. So eröffnete sie 2009 die Hauptstadtoper.

Ein weiteres Opernhaus in Berlin, neben den drei großen in Mitte und Charlottenburg und der Neuköllner Oper, ist ja an sich schon eine recht verwegene Idee. Und dann noch dieser Name.

„Ganz schön mutig“, gibt die Künstlerin zu und erzählt, wie es dazu kam: Das Gründungsteam saß bei Rotwein und überlegte, wie das Projekt denn heißen könnte. Zum Spaß haben die Künstler im Netz das Wort Hauptstadtoper eingegeben. Und die Überraschung war groß, als Kirstin Hasselmann feststellte, dass die Domain nicht geschützt und nicht genutzt war. „Das erschien mir wie eine Fügung“, erzählt sie, und damit war ihr Opernhaus geboren.

Keine geschlossene Gesellschaft

Erst hatte sie ihren Platz an der Rungestraße nahe der Jannowitzbrücke. Weil sich eine Nachbarin aber am Gesang störte, zog sie vor einem halben Jahr an die Landsberger Allee. An den Autoverkehr vor der Tür hat sie sich schon fast gewöhnt. Nur wenn ein Krankenwagen mit Martinshorn zum Klinikum nebenan fährt, kommen die Sänger nicht dagegen an.

Aber dafür gibt es hier mehr Laufkundschaft als in der Rungestraße. Immer wieder bleiben Menschen neugierig vor dem Ladengeschäft stehen. Der schwarze Vorhang ist auch meist zurückgezogen. Die Hauptstadtoper will keine geschlossene Gesellschaft, sondern offen für ein neues Publikum sein.

Neue Zuschauer, das bräuchten alle Opernhäuser, denn der Nachwuchs findet immer seltener den Weg zu Mozart, Verdi oder Wagner. Daher hat Kirstin Hasselmann auch schon überlegt, vielleicht einmal mit einem der großen Häuser in Berlin zusammenzuarbeiten und ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Aber das ist Zukunftsmusik. „Ich traue mich noch nicht“, sagt sie, „vielleicht muss ich erst fünf werden.“ Das wäre allerdings schon recht bald. Im kommenden Februar feiert das Haus sein fünfjähriges Bestehen.

Bewusst niedriger Eintrittspreis

Leicht waren diese fünf Jahre nicht. Die Hauptstadtoper muss sich selbst finanzieren. Mit Eintrittspreisen allein funktioniert das nicht, weil der Vollpreis mit 15 Euro bewusst niedrig gehalten wird, um die Hemmschwelle zu nehmen.

Dazu kommen Spenden und vor allem das Engagement der Künstler, die hier für eher symbolische Gagen arbeiten. „Dafür können sie sich hier ausprobieren und haben viele Freiheiten“, erklärt Kirstin Hasselmann. Fördergelder hat sie bisher noch nicht bekommen.

Trotzdem könnte sich die Sängerin keine andere Arbeit vorstellen. Auch wenn sie oft zwölf Stunden oder mehr in ihrem Mini-Opernhaus verbringt – mit Singen, Organisieren, Aufräumen und Backen.

Seit einigen Wochen gibt es das Café in der Oper, auch das eine zusätzliche Einnahmequelle. Und das Backen dient der Opernleiterin als Ausgleich: „Wenn ich singe, ist das ja gleich vorbei, aber der Kuchen ist erst einmal da.“ Aber zum Glück nicht zu lange, wenn genug Menschen zu ihr kommen.

Spieltage sind meist Donnerstag bis Sonnabend. Außerdem gibt es einmal im Monat sonntags eine Nachmittagsvorstellung. Im Dezember 2013 erklingt an jedem Sonntag ein Weihnachtskonzert. Mehr zu Programm und Terminen unter hauptstadtoper.de. Karten kosten 15 Euro, für Schüler und Studenten 6 Euro.

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