Konzert im Huxleys

Jake Bugg macht Berliner mit Songs aus tiefster Seele glücklich

Jake Bugg ist der Gegenentwurf zum schablonenhaften Popgeschäft. Der gerade einmal 19 Jahre alte Brite hat geradezu unheimliches Potenzial. Dieses zeigte er nun auch im Huxleys Neuer Welt in Berlin.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Aus den Lautsprechern quillt knarzend Robert Johnsons „Crossroads Blues“ durch die Dunkelheit in Huxleys Neuer Welt. Die Atmosphäre knistert. Es ist stickig. Es ist ausverkauft. Und alle sind sie an diesem Dienstagabend gekommen, um ihn zu sehen, Jake Bugg, diesen britischen Teenager aus einem Vorort von Nottingham, der es im vergangenen Jahr mit seinem Albumdebüt auf Platz 1 der britischen Charts geschafft hat. Dessen gerade erschienenes zweites Album „Shangri-La“ von Studiolegende Rick Rubin produziert wurde. Der 19 Jahre alt ist und Lieder schreibt, als hätte er schon mindestens 40 Jahre harten Lebens hinter sich. Aber warum auch nicht? Elvis Presley war ja schließlich auch erst 19 Jahre alt, als er in Sam Phillips’ Sun Studios „That’s Allright, Mama“ aufgenommen hat.

Es ist kurz nach 22 Uhr, als Jake Bugg mit seiner akustischen Gitarre im aufglühenden Rampenlicht steht und mit dem rastlos treibenden „There’s A Beast And We All Feed It“ sein Konzert eröffnet. Flankiert von Bassist Tom Robertson und Schlagzeuger Jack Atherton poltert er durch diesen vom Rockabilly getriebenen Song, klebt mit lässigem James-Dean-Blick am Mikrofon, singt mit starker, tenoraler, quengeliger Stimme und stellt von Anfang an klar, dass es ihm ernst ist mit seiner Musik. Ein breitschultriger Junge aus den East Midlands, der seine ganze Seele in seine Lieder legt, die so frisch sind und doch schon so alt klingen.

Es scheint, als habe er bereits als Kleinkind die ganze Folk- und Rockgeschichte in sich aufgesogen, von Woody Guthrie bis zu Billy Bragg, von den Beatles bis zu Oasis, von Don McLean bis zu Bob Dylan. Jake Bugg ist der Gegenentwurf zum gängigen, schablonenhaften Popgeschäft. Einer, der die Prediger der handgemachte Musik bestätigt, der nach klassischem Muster richtig gute Songs schreiben kann und von der Perspektivlosigkeit seiner Generation singt, von nächtlichen Sauftouren und schmerzhaften Liebschaften, von grundlosen Prügeleien und ernüchternder Vorstadt-Langeweile und – wie in „Trouble Town“ – vom Wunsch, einfach nur noch abzuhauen: „Stuck in speed bump city“, heißt es da, „where the only thing that’s pretty, is the thought of getting out” (dt.: Hängen geblieben in der Bodenschwellen-Stadt, wo das einzig schöne der Gedanke ist, hier wegzukommen).

Das Publikum hängt an Jake Buggs Lippen

Geradezu altklug wirkt Jake Bugg, wenn er in „Seen It All“ in die Saiten drischt und konstatiert: „I swear to God I've seen it all, nothing shocks me anymore after tonight” (dt. Ich schwöre bei Gott, ich habe alles gesehen, nichts schockt mich mehr nach dieser Nacht). Dabei singt er sehr akzentuiert, sehr deutlich, so als wolle er, dass man auch wirklich jedes Wort, das er von sich gibt, versteht.

Das Publikum hängt an seinen Lippen, auch wenn das weiter hinten im Gedränge etwas schwerer fällt. Bei „Messed Up Kids“, noch so ein Song für die „lost generation“, wechselt er zur E-Gitarre und macht ordentlich Lärm, bevor er seine Musiker hinter die Bühne schickt und drei Stücke allein zur Akustikgitarre vorträgt. Wie die wunderschöne Folk-Ballade „Country Song“ oder das neue Stück „A Song About Love“ mit seinem seltsamen Wechsel zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt.

Wenn solch ein Hype von der britischen Insel herüberschwappt ist man ja gern geneigt, erst einmal auf kritische Distanz zu gehen. Allerdings hat Jake Bugg, das spürt man bei diesem Konzert, tatsächlich ungeheures, ja geradezu unheimliches Potenzial. Er versteht es, juvenile Unruhe und ein „Ich will alles und ich will es jetzt“-Lebensgefühl in bewegende Songs zu packen. Wobei er sich auch der Mithilfe von gestandenen Songschreiber-Kollegen wie Iain Archer und Brendan Benson versichern konnte.

Eine Coverversion, die auch als Warnung verstanden werden darf

Im letzten Drittel dieser knappen anderthalb Stunden macht Jake Bugg noch einmal ordentlich Druck mit rauem Gitarrenrock, bei dem er sich auch mal zu längeren Soli auf der Fender hinreißen lässt. „Taste It“ und „Slumville Sunrise“ treiben den Abend mächtig voran um im finalen „What Didn’t Kill You“ zu münden. Im Zugabenblock gibt es neben „Broken“ und seinem ersten Hit „Lightning Bolt“ auch die einzige Coverversion des Abends, Neil Youngs „My My, Hey Hey (Out of the Blue)“. Youngs Botschaft „once you‘re gone, you can never come back“ (dt.: Wenn Du einmal fort bist, kannst Du niemals wieder kommen) darf auch als Warnung vor dem rasend schnellen Erfolg verstanden werden.

Nach dem euphorisch gefeierten Album-Debüt melden sich zur zweiten Platte bereits verstärkt Stimmen, die dem Wunderkind die kalte Schulter zeigen. Und Jake Bugg muss inzwischen aufpassen, dass ihm nicht zu viele Musik-Business-Köche den charmanten Sixties-Retro-Charme zerkratzen. Das Publikum im Huxleys allerdings applaudiert lang und lautstark. Und zieht glücklich in die kalte Berliner Nacht.