Konzert im Huxleys

Suede in Neukölln - Rockzombies sehen anders aus

Nach mehr als einer Dekade haben Suede in diesem Jahr erstmals wieder ein Album veröffentlicht. Das stellten sie nun in Berlin vor - und bewiesen, dass sie mehr als nur ein Teil der Retromanie sind.

Foto: David Wolff - Patrick / Redferns via Getty Images

Lange vor Ausbruch der weltweiten Beatlemania fragten naseweise Fernsehmenschen 1963 einen erschrocken dreinschauenden 21-jährigen Paul McCartney, welche Lebenserwartung er seiner Band gebe. „Wir werden logischerweise nicht diese Art Musik machen, bis wir 40 Jahre alt sind. Kein Mensch“, sprach er schmunzelnd, „wird alten Männern zuhören wollen...“ Doch hier irrte der, der später recht visionäre Liverpooler. Es vergeht inzwischen kein Monat ohne die Wiederauferstehung irgendeiner verblichenen Band. Denn als alter Mensch (über 40!) seine alten Lieder live zu spielen, lässt Konzertkassen lauter klingeln als eine Motörhead-Show. Auch beim gestrigen Auftritt der 1990 gegründeten Suede ging die Rechnung wieder auf.

Auffällig viele junge Fans und Frauen fanden sich an der Hasenheide ein. Die meisten Zuschauer aber waren männliche Wegbegleiter von einst, die wie die ehemals exzessive Band halbwegs heil ihre Lebensmitte erreicht hatten. Menschen mit Angst vor Krach, die sich bei Konzerten mit Ohropax schützen und am Merchandise-Stand die Finger lassen von Feuerzeugen für 25 Euro „mit original Suede Schriftzug“.

Konzerte wie diese, wenn die alten Helden in Berlin spielen, ob Madness, Pulp oder die Oasis-Ruinen von Beady Eye und Noel Gallagher’s High Flying Birds, bringen zwei Typen Zuschauer zusammen. Die Älteren erleben noch einmal sich selbst. Rock als Zeitmaschine mit Kurs auf die eigene, nicht selten als besser empfundene Vergangenheit. Die jungen Zuschauer dagegen wollen sich bei den als Ikonen vermarkteten Bands mal so richtig den Hauch der Rock-Geschichte um die Nase wehen lassen.

Retromanie sorgt für volle Konzerthalle

Dieses Phänomen wird mit spitzen Fingen auch im momentan wohl meistdiskutierten Musik-Buch ausgebreitet: „Seit den 2000er-Jahren“, schreibt in „Retromania“ Autor Simon Reynolds, „werden zunehmend Bands und Bewegungen immer jüngerer Jahrzehnte hervorgekramt.“ 2013 zeigt sich das in immer neuen Box-Sets mit verloren geglaubten Songs, ob von den Beatles oder The Clash, und im Erfolgskonzept junger Künstler, die wie Midlake, oder Jake Bugg, kurzerhand Pink Floyd oder Bob Dylan kopieren. Überall copy & paste.

Ganz klar: Diese Retromanie sorgte auch für die volle Konzerthalle des Huxleys. Die Eröffnung liefern via Lautsprechern die Sex Pistols mit „Bodies“. Wie immer eine wunderbare Kopie der frühen Roxy Music. Nur mit noch durchgeknallterem Sänger. „Seht her“, sagen Suede mit dieser Entscheidung, „dies ist, wo wir herkommen.“

Dann erscheint das Quintett. Suede mögen auf aktuellen Promofotos mit ihren schwarzen Rollis und Frisuren aus undefinierbaren Epochen aussehen, wie ein Yoga-Kreis zorniger alleinerziehender Väter aus Prenzlauer Berg. Zu den untot über den Planeten streifenden Rockzombies wie Fleetwood Mac, The Eagles, Wet Wet Wet und Adam Ant gehören sie allerdings nicht. Einfach dank harter Arbeit. Im Gegensatz zur Konkurrenz veröffentlichten sie nach der Reunion 2010 nun im März einen Longplayer, der zu ihren besten zählt.

Ab Lied vier singt der Saal

Und sie haben verdammt viel Mut. Nicht nur beginnen Suede mit einer Ballade, sie stammt auch noch vom gewiss nicht allseits bekannten neuen Album. Danach folgt: ein Stück vom neuen Album. Und danach? Genau!

Das hat in der Halle wahrscheinlich noch niemand je erlebt. Und die Band auch nicht. In Berlin scheint man auf dieser Tour ein bisschen etwas ausprobieren zu wollen. Und es funktioniert.

Brett Anderson hat das Publikum vom Moment an im Griff, als er - etwas langsamer als seine Musiker, die sich vor Vox- und Marshall-Verstärkern aus einem Arsenal von Rickenbackern, Fendern und Gibsons bedienen – die Bühne betritt und lasziv nach dem Mikrofon greift. 1200 Menschen in Massenhypnose.

Der 46-Jährige windet sich schlangenartig im Rhythmus, ganz wie Iggy Pop und Jim Morrison. Anderson springt auf Monitorlautsprecher, schmeißt sich mit „Nun mal los“-Geste wie ein Nummerngirl heran ans bekanntlich eher schüchterne Berliner Publikum. Und tatsächlich: Ab Lied vier singt der ganze Saal. Bassist und Anderson-Schulkamerad Mat Osman wackelt mit den Hüften, der Boden unter den tanzenden Zuschauern wackelt mit. „Trash“ singen Anderson und Berlin, ein Stück vom dritten Album „Coming Up“, bei dem das Publikum an diesem Abend am energischsten mitgehen wird.

Kummer-Songs, die gute Laune machen

Suede mussten sich 2003 erst auflösen, um bei der Comeback Tour 2010 in der Londoner O2 Arena erstmals 20.000 Zuschauer anzuziehen. Retromania eben. Wie immer klingt auch auf dem aktuellen Album „Bloodlines“ ihre Musik immer ein bisschen gefährlich, immer nach Szenen, in denen der Held wie in „Zwölf Uhr mittags“ oder „Drive“ sehenden Auges dem finalen Duell entgegenstrebt. Plötzliches Ableben nie ausgeschlossen.

Dazu erzählen Andersons Texte von sexuellen Bi-, Homo- und Heteroexperimenten jungerwachsener Verlierertypen in muffig-abgedunkelten Sozialbauwohnungen, von Drogendeals unter den Kolonnaden bröckelnder Satelliten-Städte, von enttäuschter Liebe und Teenagern, die sich selbst kaum ertragen können. Dann lieber tot sein.

Doch der Brite pflegt bekanntlich einen sehr lustvollen Umgang mit dem Leid. Der Tatsache, dass wir alle sterben werden, manchmal irrsinnig unpassend verliebt sind, mitunter gar in total hässlichen Bezirken wohnen müssen, haben etwa die Smiths Ansehen und großen Reichtum zu verdanken. Auch Suede schreiben Kummer-Songs, die gute Laune machen.

Das klassische Suede-Stück ist voller Drama, eine dreieinhalb Minuten Hymne zum Mitschwelgen, angefeuert von ein bis zwei leidenschaftlichen „A-haaa“-Ausrufe Andersons vor Brücke oder Refrain, einem wiederkehrenden himmelhoch jauchzendenden Wechsel von Dur- auf Moll-Akkord. Und als Krönung das lange Saiten-Solo mit einem Effektgerät, das Gitarren klingen lässt, wie den durch die Weiten des Kosmos zu uns dringenden Motorschaden an Major Toms Raumschiff.

Schamlos, selbstverliebt und herrlich theatralisch

Davon gibt es an diesem Abend im Huxleys viel zu hören. Frühwerke wie „Animal Nitrate“ oder „Metal Mickey“, oder Späteres wie eine zuletzt nur noch vom Publikum geschmetterte Unplugged/Lagerfeuer-Version von „She's In Fashion“. Zur Debüt-Single „The Drowners“, deren B-Seite Suedes Idol Morrissey 1992 in sein Live-Programm aufgenommen hatte, drängt sich Anderson singend durch das Publikum, schüttelt Hände, trifft jeden Ton, ist in jeder Sekunde so schamlos, so selbstverliebt und doch so herrlich theatralisch, dass man wieder begreift, dass in Live-Konzerten andere Regeln gelten.

Vielleicht wusste Beatle Paul 1963 nicht, wie zeitlos britischer Pop einmal sein würde. Vielleicht sind 46 die neuen 21. Die alten Männer aus dem Neuköllner Huxleys jedenfalls müssen sich darüber, ob in den kommenden Jahren jemand ihre Konzerte sehen und ihre Alben kaufen wird, erst einmal keine Sorgen machen.