Konzert

Till Brönners etwas zu unbekümmerter Auftritt in Berlin

Jazz-Trompeter Till Brönner spielte im Berliner Postbahnhof sauber, akzentuiert, zurückhaltend. Es wirkte alles so unbekümmert und genau darin lag die Krux seiner Darbietung.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Vor allem vom Fernsehen wird die Wirklichkeit verklärt. Und man glaubt dann, dass einer der in irgendeiner Jury sitzt von so einem Gesangswettbewerb, dass der ein wirklicher Star ist. Der Riesen-Hallen ausverkauft. Auf große Tournee geht.

Till Brönner saß ja bei X-Factor. Und bei zwei von drei Staffeln haben Kandidaten aus dem Team vom Jazz-Trompeter gewonnen.

An diesem Abend spielt im unteren Teil des Berliner Postbahnhofs. Da ist nur diese relativ kleine Halle mit vielleicht 350 Zuschauern. Der Winter kommt langsam, das sieht man an den groben Baumwollstrumpfhosen mit Rentieren darauf und dann kommt auch Till Brönner mit seiner Band.

Ganz leise. Sie tragen Anzüge. Brönner natürlich keine Krawatte. Da setzt sich also einer an das Fender Rhodes Piano ganz links. Ein Bass-Spieler kommt noch, ein Drummer und ein Saxophonist, der später auch Querflöte spielen wird.

Als wäre man im Ferienressort in Cocoa Beach

Ohne überhaupt ein Wort zu sagen, spielen sie ihren ersten Song. Eigentlich kann man Brönner nichts vorwerfen. Er spielt sauber, akzentuiert, zurückhaltend, wo es angebracht ist. Es wirkt alles so unbekümmert und genau da liegt die Krux seiner Darbietung.

Brönners Spiel lässt einen immer und immer wieder an die Musik in Aufzügen eines Ferienressorts in Cocoa Beach denken, die direkt in den Spa-Bereich fahren. Man sollte schon einen Bademantel anhaben. Und das Klangbild mit dem schwebenden Rhodes, mit den Pirouetten drehenden Sax-Einlagen, dem Rücken massierenden Bass, das trägt dazu bei, dass man sich mal so richtig entspannt und vielleicht schon einen Sex On The Beach bestellt. Brönners Problem ist, er nimmt den Jazz zu locker.

Die Fans, die Brönner aus dem Fernsehen kennen, lassen sich genau von den Jazz-Brönner-Fans unterscheiden. Die Fernseh-Fans machen mit ihren mitgebrachten Digitalkameras Fotos von seinem Kopf, immer und immer wieder. Aus der gleichen Perspektive heraus hat eine Dame mit einer Louis-Vuitton-Tasche jetzt schon bestimmt sechzig Portraits von Brönner angefertigt. Auf der anderen Seite sind die echten Jazzer. Die haben Schals um den Hals im offenen Hemdkragen und die stehen relativ weit hinten, sitzen kann man bei Jazz ja eigentlich gar nicht und wippen mit dem Kopf, holen ständig neues Bier und wippen.

Die Jazzer erkennen jeden Song. Die hören den Moll heraus, die schätzen den Cool Jazz, den Fusion Jazz, die erkennen „Lazy Afternoon“ am ersten Rhodes-Ding-Dong. Die lieben Brönners Bossa Nova, wie er ihn auf seiner Platte „Rio“ spielt, von der auch auch ein Stück vorbereitet hat. Dann ist Brönner wieder gut. Wenn er erzählt, wie er nach Rio ging, in der Hoffnung João Gilberto zu finden, ihn dann doch nicht fand, aber fünfhundert andere Typen am Strand, wie ihn, mit Gitarre, barfuß, und in der Hoffnung zum Erfinder des Bossa Nova vorzudringen. Die Jazzer wurden nie vom Fernsehen getäuscht.