Berlin-Konzert

Lee Ranaldo ist mehr was fürs Ohr als fürs Auge

Bei Sonic Youth stand Gitarrist Lee Ranaldo stets im Hintergrund. Im gut besuchten Berliner Lido zeigt sich, warum er sich da auch wohler gefühlt haben muss.

Foto: Stefano Giovannini

Bekanntlich war jeder ernst zu nehmende Musikliebhaber schon einmal verliebt in Kim Gordon, ist sie doch düster und verrucht, blond und schlank, schlau und impulsiv. Sie hat zusammen mit Thurston Moore die Band Sonic Youth gegründet, die mit dem Doppelalbum „Daydream Nation“ das wegweisendste, innovativste und überhaupt tollste Album der achtziger Jahre herausgebracht hat.

Die beiden sind auch verheiratet, sie waren 27 Jahre ein Paar, irgendwann fing Mr. Moore eine Affäre mit einer anderen Frau an, und, so profan kann das Leben auch im Rockstar-Business sein, durch eine zufällig gelesene SMS erfuhr Kim Gordon von seiner Liebschaft. So endete nicht nur eine Beziehung, in die man als Außenstehender jede Menge Romantik projizierte, sondern auch – nicht offiziell, aber augenscheinlich – Sonic Youth.

Optisch ist dieser Abend ein Desaster

Während Gorden & Moore das Indie-Glamour-Paar waren, verblieben Gitarrist Lee Ranaldo und Schlagzeuger Steve Shelley im Hintergrund. Am Dienstag Abend treten die beiden plus Verstärkung an den Gitarren nun als Lee Ranaldo & the Dust, genauso wie im Sommer 2012, wieder im Lido auf. Optisch ist dieser Abend ein Desaster. Während sich zum Beispiel die Pixies über ihre betont lieblose Aufmachung wenigstens noch selbst lustig machen, haben hier anscheinend vier Männer nach den Klamotten gegriffen, die im Tourbus nun halt man oben lagen.

Der Auftritt ist so freudlos, als würde man vier Schluffis bei der Behebung eines IT-Problems beiwohnen. Für das fast ausschließliche männliche Publikum ist das völlig in Ordnung; es ist eine Fanveranstaltung, bei der man seine Freude hat, wenn der alte Sonic-Youth-Trick praktiziert wird, in dem ein Gitarrengewitter entfacht wird, das irgendwann auf wundersame Weise wieder zurück zu Struktur und Rhythmus zurückfindet.

Lee Ranaldos Mannen spielen in ihrer introvertierten Art während des gesamten Konzerts, als seien sie eigentlich im Proberaum. Nur bei Jonathan Richmans Klassiker „She cracked“, also ausgerechnet einer Coverversion, gehen sie aus sich raus

Dieses betont Unspektakuläre, dicht an der Grenze zur ostentativen Lieblosigkeit, ist alles ein wenig bedauerlich. Denn das neues Album „Last night on earth“ ist, genauso wie der Vorgänger „Between the times and the tides“, melodiöser und melancholischer geraten als die üblichen Angebote von Sonic Youth; mit „Lecce, leaving“, mit dem Lee Ranaldo auch den Abend eröffnet, „Key/Hole“ und „Ambulancer“ sind drei Lieder entstanden, die in einer anderen Welt auch Hitpotenzial hätten. In dieser anderen Welt spielen Äußerlichkeiten keine Rolle, dort kommt es, wie es so schön infam heißt, nur auf die inneren Werte an.