Antisemitismus

Wie Diplomaten die Pogrom-Nacht erlebten

Das Centrum Judaicum in Berlin widmet sich in einer Ausstellung den Berichten, die Diplomaten von den Bränden der Pogromnacht im Jahr 1938 an ihre Regierung meldeten.

Foto: JOHANNES EISELE / AFP

Zurückhaltung ist unabdingbar. Diplomaten reden nicht Klartext, sie verklausulieren, was sie wollen und empfinden. Denn ein offenes Wort zur falschen Zeit, zum falschen Gesprächspartner kann politische Krisen hervorrufen, manchmal sogar zu Kriegen führen.

Angesichts dessen ist es bemerkenswert, wie offen internationale Diplomaten vor einem Dreivierteljahrhundert aus Deutschland an ihre Regierungen berichteten. 24 Stunden lang, vom Abend des 9. bis zum Abend des 10. November 1938, hatten Horden von Hitler-Anhänger ihrem Rassenhass freien Lauf gelassen, mit voller Billigung, ja auf Befehl der Machthaber. In den Tagen zuvor war es schon zu vereinzelten Gewalttaten gekommen, und auch nach der über den Rundfunk verkündeten Weisung zur Einstellung aller Ausschreitungen geschahen mancherorts noch Übergriffe.

„Beispiellos für die heutige Zeit“ seien die Übergriffe, kabelte vollkommen undiplomatisch der britische Charge d’Affairs in Berlin, George Ogilvie-Forbes, nach London: „Bis zur Mitternacht des 9. November war das Leben in der Reichshauptstadt normal gewesen. Am Morgen des 10. November erwachte die allgemeine Öffentlichkeit, um Zeuge einer Orgie von Zerstörung und Grauen zu werden.“

Detailliert beschrieb der Stellvertreter von Botschafter Nevile Henderson, was ihm von britischen Bürgern und deutschen Gesprächspartnern aus ganz Deutschland zu Ohren gekommen und was er teilweise in Berlin mit eigenen Augen gesehen hatte. In ganz Deutschland waren Synagogen in Brand gesetzt oder geschändet worden. Jüdische Läden und Geschäftsräume waren geplündert, das Mobiliar zertrümmert worden. In vielen Orten wurden die Juden bedroht, angegriffen und aus ihren Häusern hinausgeworfen. Außerdem gab es „zweifellos viele Fälle von Selbstmord und einige Morde“.

Interaktive Karte: „Die Nacht, als die Synagogen brannten“

„Ich selbst und ein Mitarbeiter waren Zeugen der späteren Phase des Exzesses in Berlin, welcher bis tief in die Nacht des 10. November andauerte. Jugendbanden in einfacher Kleidung und bewaffnet mit Stangen, Hämmern und anderen entsprechenden Waffen suchten die jüdischen Geschäfte auf und vervollständigten das Zerstörungswerk.“

Der Bericht von Ogilvie-Forbes ist nur eines von vielen Dutzend Zeugnissen ausländischer Diplomaten in Deutschland, die das Centrum Judaicum in seiner Ausstellung zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome in Berlin seit Sonntag mit dem Titel „Von innen nach außen“ zeigt. „Wenn man die Berichte heute liest, dann ist man ungeheuer beeindruckt, wie klar und deutlich sie doch die Wucht der Ereignisse verdeutlichen“, sagt Hermann Simon, der Leiter des Centrums, das im Rest der prächtigen Synagoge in der Oranienburger Straße residiert.

Schon vor anderthalb Jahrzehnten war der Historiker zufällig auf den Bericht eines kolumbianischen Diplomaten gestoßen, der detailliert die Ausschreitungen beschrieb. Seinerzeit bat er die in Bonn akkreditierten Botschafter jener Länder, die bereits 1938 eine diplomatische Vertretung in Deutschland besessen hatten, nachzuforschen, ob es in ihren Archiven Berichte über die Novemberpogrome gebe. Die Resonanz war verhalten.

Auswärtiges Amt verschickte Verbalnote an Dutzende Staaten

Zum 75. Jahrestag hat Simon das Auswärtige Amt um Unterstützung gebeten. An Dutzende Staaten ging erging eine Verbalnote, also eine offizielle Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, mit der Bitte um Unterstützung. Das macht natürlich einen großen Unterschied: „Jetzt haben wir wesentlich mehr Berichte bekommen“, sagt Simon. Übrigens nicht nur über die Vorgänge in Berlin, sondern auch von den damaligen Konsulaten im ganzen Reichsgebiet, „von Hamburg bis Innsbruck, von Köln bis Breslau“.

Der Botschafter der tschechoslowakischen Republik, die gerade erst im Münchner Abkommen zu großen Gebietsabtretungen genötigt worden war, berichtete betont sachlich: „In ganz Deutschland wurde eine systematische Vergeltungsaktion gegen alle Juden durchgeführt, bei der alle jüdischen Geschäfte zerstört, die meisten Synagogen abgebrannt und unzählige Menschen misshandelt wurden.“ Die deutsche Regierung bestreite zwar energisch, dass jemand bei diesen Ausschreitungen ums Leben gekommen sei: „Jedoch sprachen vertrauenswürdige Berichte von Dutzenden von Getöteten.“ Es waren, wie man inzwischen weiß, rund 400 Menschen, die in direktem Zusammenhang mit den Ausschreitungen ums Leben kamen. Weitere starben in der anschließenden Haft in verschiedenen KZs.

Die Ausstellung, die von der Agentur Bergzwo um den Zeithistoriker Christian Dirks gestaltet wurde, präsentiert die Originaldokumente und Übersetzungen. Für den Bericht von Ogilvie-Forbes wäre das nicht unbedingt nötig gewesen. Wohl aber für Schilderungen wie die des brasilianischen Botschaftsrates Themistokles da Graca Aranha, der ebenfalls vollkommen undiplomatisch festhielt: „Auf den Straßen sah man Banden von Jugendlichen, die aus den israelitischen Gotteshäusern geraubte Kultgegenstände herum zeigten und Teile davon sowie Seiten aus hebräischen Bibeln verteilten, um die sich der entfesselte Mob raufte, weil er sie als Siegestrophäen aufbewahren wollte.“

Polizei schaute wohlwollend weg

Der Diplomat bemerkte auch, dass die Polizei wohlwollend wegschaute: „Es handelt sich übrigens um die schlagkräftigste, am straffsten organisierte, am besten ausgerüstete und um die brutalste Polizei der Welt mit den perfekten Voraussetzungen, jedweden Aufruhr im Volk unverzüglich zu unterdrücken.“

Der finnische Gesandte in Berlin, Aarne Wuorimaa, wählte ebenfalls klare Worte: „Da die Aktionen in einem solchen Umfang vor sich gegangen sind, müssen sie organisiert gewesen sein.“ Dem letzten Satz seines Berichtes ist seine Empörung anzumerken: „In der öffentlichen Meinung der Welt werden die oben erwähnten Ereignisse auch mit Sicherheit scharfe Kritik ernten, was sie auch verdienen.“

Trotz des klar verbrecherischen Charakters der Ausschreitungen gab es wenige diplomatische Konsequenzen. „Alle Zeichen standen auf Appeasement, nicht auf Konfrontation“, sagt Simon. Und ohnehin war kein europäisches Land bereit, eine größere Anzahl jüdischer Flüchtlinge aufzunehmen – was die Nazis wiederum in ihrer Annahme stützte, sie könnten die Menschenrechte der deutschen Juden ungestraft missachten.

US-Präsident Roosevelt zog seinen Botschafter ab

Immerhin: US-Präsident Franklin D. Roosevelt zog seinen Botschafter aus Berlin ab – zu „Konsultationen“, wie es offiziell hieß. Das war die schärfte Form, Missbilligung der Ereignisse auszudrücken, diesseits der offenen Aufkündigung der Beziehungen. Der stellvertretende US-Außenminister George S. Messersmith machte sich für dieses Vorgehen stark: „Wir haben im Laufe der Geschichte unseres Landes immer deutlich gemacht, wie wir zu Fragen des Anstands und zu Grundsatzfragen stehen.“

Deshalb forderte er Konsequenzen: „Wenn nun ein Land, das sich als kulturell überlegen brüstet, mit kaltblütigem Vorsatz schlimmere Handlungen begeht als jene, gegen die wir in der Vergangenheit energisch vorgegangen sind, dann ist, so meine ich, der Zeitpunkt gekommen, mehr zu tun, als dies nur zu verurteilen.“

Unsere Interessen in Deutschland werden keinen Schaden nehmen

Jedoch schob der Karrierediplomat, ganz im Sinne seiner Zunft, im Brief an seinen Chef Außenminister Cordell Hull nach: „Dass wir unseren Botschafter ,zu Konsultationen’ abberufen, kann unsere – politischen wie wirtschaftlichen – Beziehungen zu Deutschland in keiner Weise beeinträchtigen, und unsere Interessen in Deutschland werden keinen Schaden nehmen.“

Die Ausstellung dokumentiert erstmals systematisch die Reaktion ausländischer Regierungsvertreter auf die Gewaltexzesse vor 75 Jahren. Zufrieden ist Helmut Simon damit aber noch nicht: „Auf jeden Fall bleiben wir am Thema dran; es gibt noch viel zu erforschen.“

Die Novemberpogrome 1938 in Diplomatenberichten aus Deutschland“, Centrum Judaicum, Berlin, bis 11. Mai 2014

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