Betriebsunfall

Komische Oper spielt Mozarts „Cosi“ in Nazi-Übersetzung

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Volker Blech

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Peinlich: Für die neue „Cosi fan tutte“ wurde an der Komischen Oper eine Textfassung von 1940 verwendet. Der Übersetzer Georg Schünemann arbeitete auch im Auftrag des Reichspropagandaministeriums.

Die Peinlichkeit steckt im Besetzungszettel, der in der Komischen Oper zu den Mozart-Vorstellungen ausgegeben wird. Unter dem Titel „Cosi fan tutte“ findet sich „Libretto von Lorenzo Da Ponte. Deutsche Textfassung von Georg Schünemann, eingerichtet von Götz Friedrich“.

Zwei Namen sind in Berlin gut vertraut: Da Ponte war Mozarts großer Librettist, Regisseur Götz Friedrich war lange Generalintendant der Deutschen Oper.

Den Namen Schünemann hingegen muss man nachschlagen. Demnach hatte Schünemann 1940 eine „entjudete“ Neuübersetzung von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ vorgelegt und wurde stellvertretender Vorsitzender der „Reichsstelle für Musikbearbeitungen“, einer Unterabteilung von Joseph Goebbels’ Reichspropagandaministerium.

Die Komische Oper an der Behrenstraße in Berlin-Mitte spielt jetzt seine „Cosi“-Übersetzung aus dieser Zeit.

Aufführungen in deutscher Sprache

Die Komische Oper wurde gerade erst zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt. Zur Tradition gehören seit Felsensteins Nachkriegsgründung die Aufführungen in deutscher Sprache. Andere Häuser verwenden das italienische Original. Das Peinliche am Nazi-Fall Schünemann ist, dass sich gerade Opernintendant Barrie Kosky, ein gebürtiger Australier und Enkel jüdischer Einwanderer aus Russland, Polen und Ungarn, leidenschaftlich für die Wiederentdeckung jüdischer Komponisten in Berlin einsetzt. Jetzt dieser Betriebsunfall im eigenen Haus. Kosky ließ gestern mitteilen, dass er „keinerlei Veranlassung sieht, sich in dieser Angelegenheit zu äußern.“

„Schünemann hatte eine furchtbare Vergangenheit“, sagt hingegen Dramaturg Pavel B. Jiracek, der für die „Cosi“-Produktion zuständig ist. Er wusste von seiner Anbiederung bei den Nazis. Ein Mitläufer. „Aber die Schünemann-Fassung ist eine gute Übersetzung.“ Gerade auch in der Einrichtung von Götz Friedrich, die in den Sechzigerjahren an der Komischen Oper gespielt wurde. Dabei ist es nicht so, als ob keine andere Fassung vorläge. Hausregisseure wie Harry Kupfer und Peter Konwitschny haben andere benutzt. Insgesamt neun Fassungen hat Jiracek für die Neuproduktion geprüft. Aber die Schünemann-Fassung passe am besten zum Regiekonzept von Alvis Hermanis, glaubt der Dramaturg. Also eine künstlerische Entscheidung. „Wir werden die weiter so spielen.“

Direktor der Berliner Musikhochschule

Der 1884 in Berlin geborene Georg Schünemann hatte Flöte am Sternschen Konservatorium sowie Musikwissenschaft an der Universität studiert. Er war zunächst Orchester-Flötist und wurde in den Zwanzigerjahren Professor an der Musikhochschule, 1932 sogar Nachfolger Franz Schrekers als Direktor. In den Zwanzigerjahren war er gemeinsam mit dem Pianisten und sozialdemokratischen Kulturpolitiker Leo Kestenberg an der Neuordnung der deutschen Schul- und Privatmusikerziehung beteiligt. 1933 wurde er denunziert und von den Nazis „beurlaubt“, dann zum Leiter der Musikinstrumentensammlung ernannt.

Schünemann hatte die Seite gewechselt und war inzwischen Mitglied der NSDAP-Beamtenarbeitsgemeinschaft geworden. 1935 wurde er Direktor der Musikabteilung der Preußischen Staatsbibliothek. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er auch in der Hauptstelle Musik des Amts Rosenberg sowie kurzfristig im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, das war eine Nazi-Rauborganisation für Kulturgüter aus den besetzten Ländern.

Eine Geschichte der Fassungen

Im „Cosi fan tutte“-Klavierauszug der Edition Peters, einer weit verbreiteten Ausgabe, findet sich ein Vorwort von Schünemann aus dem Jahr 1940. Dort erklärt er die Geschichte der Fassungen und seinen eigenen Rückgriff auf die Übersetzung des Kölner Regisseurs Siegfried Anheißer von 1936. Was ungesagt bleibt: Die Nazis hatten Probleme mit Da Ponte, der – als Jude – die Libretti zu den drei großen Mozart-Opern „Cosi“, „Don Giovanni“ und „Figaros Hochzeit“ verfasst hatte. Und bei den deutschen Übersetzungen hatten sich die des jüdischen Dirigenten Hermann Levi durchgesetzt. Dagegen kämpften die Rassisten an. „Cosi“-Übersetzer Schünemann tadelte an der Levi-Fassung die allzu freie Sprachwahl und darüber hinaus, das die Frauen besser, klüger wegkommen. Das Frauenbild hat Schünemann für die Bühne wieder konservativer gemacht.