Jazz-Fest

Berlin feiert ein Jazzfest voller Überraschungen

Am Sonntag ging das Jazzfest Berlin mit einem furiosen Auftritt zu Ende. Das Programm zollte dem Jazz in all seiner Vielfalt Tribut und erfüllte alle Erwartungen.

Foto: Ragnar Singsaas / Redferns via Getty Images

Hinterher ist man klüger. Aber dass die Erwartungen an das Programm des Jazzfest Berlin 2013 so einhellig bestätigt wurden, das kommt nicht immer vor bei diesem Festival, das am Sonntagabend mit einem furios phonstarken Auftritt von Gitarrist John Scofield und seiner Funkjazz-Formation Überjam im Haus der Berliner Festspiele ins Finale ging. Bert Noglik, im zweiten Jahr künstlerischer Leiter dieser Bestandsaufnahme des aktuellen Jazz, hat mit wachem Blick zeitgenössische Strömungen zwischen Tradition und Moderne zu einem kompakten Arrangement drapiert, das dem Jazz in all seiner Vielfalt Tribut zollt. Und er hat das Festival hörbar verjüngt.

Das wurde schon beim Eröffnungskonzert offenbar, bei dem der 30-jährige Trompeter Christian Scott aus New Orleans sein Konzept der „Stretch Music“ offerierte. Das ist der Sound einer neuen Generation, die ohne Scheuklappen zeitgenössische Sounds in ihre Musik integriert, ohne die Traditionen zu verleugnen. Elemente aus Blues, Soul, HipHop, R’n’B und Pop fließen ein in diesen Klang, ohne beherrschendes Element zu werden.

Der smarte Scott spielt wunderbar elegant und beseelt, und er hat ein hochspannendes Ensemble um sich geschart, darunter den gerade mal 22-jährigen Saxofonisten Braxton Cook und der 23-jährige Schlagzeuger Cory Fonville. Als Überraschungsgast holt er für eine Soulballade seine Frau Isadora Mendez Scott auf die Bühne. Ein erfrischender Auftakt.

Kühn spielt sein Publikum in Trance

Der noch gesteigert wurde durch den Auftritt von Pianist Joachim Kühn, der speziell für das Jazzfest sein Projekt „Gnawa Jazz Voodoo“ aufführte. Der 69-jährige Kühn beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Musik Westafrikas und spielt sich und das Publikum mit seinem Ensemble regelrecht in Trance. Neben Kühns Trio, zu dem Guembri-Spieler Majid Bekkas und Schlagzeuger Ramon Lopez gehören, hat er vier Perkussionisten dabei, zwei an Talking Drums und Conga, zwei an marokkanischen Gnawa-Rasseln, diesen blechernen Klappern, spanischen Kastagnetten nicht unähnlich, die unerbittlich den Rhythmus vorgeben. Folklore trifft auf Avantgarde.

Komplettiert wird dieser Afrika-Aspekt des Programms vom legendären Saxofonisten Pharoah Sanders. der 73-Jährige, der im Sun Ra Arkestra und an der Seite von John Coltrane spielte, fügt sich wunderbar ein in Joachim Kühns Ensemble, begeistert mit poetischen, aufwühlenden Soli und lässt sich sogar zu einem Tänzchen auf offener Bühne hinreißen.

Etwas anstrengendere, aber auch imposante Kost

Der zweite Abend bot zunächst mit Bassklarinettist Michael Riessler etwas anstrengendere, aber nicht weniger interessante Kost. Riessler hat sich mit dem französischen Drehorgelspieler Pierre Charial zusammengefunden, der bestrebt ist, das Jahrmarktsunikum zu einem vollwertigen Konzertinstrument zu perfektionieren. Schlagzeug, Bass und das Bläsersextett der Hochschule für Musik und Theater München, an der Riessler lehrt, komplettieren die Formation, die mit strengen, zwischen Rock und Neuer Musik changierenden Arrangements zu imponieren weiß. Jazz in seiner klassischen, nahezu reinen Form bot im Anschluss der höchst melodiös spielende Schlagzeuger Jack DeJohnette mit seinem Quartett, zu dem auch Klarinettist und Saxofonist Don Byron zählte.

Am Sonnabend, übrigens ausverkauft wie alle Jazzfest-Konzerte im Festspielhaus, standen die Zeichen auf Party. Nach der Eröffnung von Pianist Michael Wollny und Cembalistin Tamar Halperin, die sich für ihr Programm „Wunderkammer XXL“ mit der hr-Bigband zusammengetan haben und mit perlenden Tastenklängen den Soundtrack für großes, mysteriöses Kino schufen, brachte die New Yorker Formation Abraham Inc. Bewegung in den Saal.

Klezmer, Funk, Rap und HipHop

Die Zehn-Musiker-Formation um den Klarinettisten David Krakauer, den Ex-James-Brown-Posaunisten Fred Wesley und den kanadischen Pianisten und Sänger Socalled bringt Dinge zusammen, von denen man bisher nicht wusste, dass sie zusammenpassen. Traditionelle Klezmermusik, bodenständiger Funk und pulsierender Rap und HipHop vereinen sich hier zu einem ungeheuer tanzbaren Sound.

Und der geht tatsächlich in die Beine, ob beim Klezmer-Klassiker „Der Heyser Bulgar“, dem überdrehten „Tweet Tweet“ oder dem aufgekratzten „Moskowitz Remix“. Wobei Socalled immer wieder skurrile Samples aus seinem elektronischen Zauberkasten abruft. Der Jazz steckt diesem Sound nur rudimentär in den Knochen, der guten Laune tut dies keinen Abbruch. Und spätestens bei der Zugabe – das muss bei einem Konzert mit Fred Wesley einfach sein – ist alles von den Sitzen und skandiert mit der Band „We gonna have a House Party“.

Auch auf den Nebenschauplätzen Seitenbühne, Quasimodo, A-Trane und Akademie der Künste wurde dem Jazz frisch und gut aufgelegt gehuldigt. Ob beim Nachtkonzert der alten DDR-Free-Jazz-Recken um Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky in der Akademie oder der bewegenden Chet-Baker-Hommage von Bassist Riccardo del Fra im A-Trane. Junge, neue, frische Acts konnte man erleben wie den Schlagzeuger Jaimeo Brown auf der Seitenbühne, der mit seinem Quartett ausgiebig Samples uralter Blues- und Gospelaufnahmen nutzt, um mit unglaublicher Energie darüber zu improvisieren.

Auch eine Bigband kann frech und unverblümt klingen

Wie jung, frech und unverblümt eine Bigband klingen kann, manifestierte Monika Roscher am Sonntagabend beim Abschlusskonzert mit ihrer jungen Großformation, die auf überraschende Weise TripHop, Rock und Elektronik mit atmosphärischen Klangflächen und swingenden Bigband-Sounds zu paaren weiß. Dabei ist Monika Roscher nicht nur Bandleaderin, sondern singt auch zur rockigen Gitarre skurrile Songs über meist tödlich endende Wüsten- oder Irrlicht-Erfahrungen.

Gitarrist John Scofield gab dem Jazzrock schließlich lustvoll und lautstark die Sporen, solierte brillant über die Saiten und verpasste der Musik mit seiner Band Überjam eine gehörige Portion Funk. Vor mehr als zehn Jahren hat er für ein CD-Projekt die Band Überjam gegründet. Nun hat er die Gruppe als Überjam Deux reformiert. Der umwerfende Drummer Louis Coto gehört dazu, der bewegungsfreudige E-Bassist Andy Hess und der Samples abfahrende Gitarrist Avi Bortnick, der die Funkriffs einem Über-Nile Rodgers gleich perlen lässt. Überragend, überzeugend, überraschend. Aber das war ja auch das Anliegen dieser 49. Jazzfest-Ausgabe: Überraschungen zu präsentieren. Es ist gelungen.