Klassik-Kritik

Simon Rattle reizt die Schwächen der Partitur aus

Bei den Berliner Philharmonikern herrscht freudige Aufbruchstimmung vor ihrer ausgedehnten Asien-Reise. Passend dazu werden die Zuhörer mit einem Schumann in Feierlaune beschenkt.

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Was ist zu diesem Schumann zu sagen? Nackt und kahlköpfig steht er im Saal. Aus seinem verhetzten blassen Gesicht sprießen die Bartstoppeln. Es geht dem Komponisten nicht mehr gut in seiner 4. Sinfonie – das möchte uns Sir Simon Rattle in aller Deutlichkeit vor Ohren führen. Der Philharmoniker-Chef verweigert schwingende Feierlichkeit, erteilt dem traditionellen d-Moll-Pathos eine klare Absage.

Rattle reitet sein Orchester mit straffen Zügeln, kratzt die Streicher auf, lässt die Holzbläser vergeblich aufbegehren. Die Instrumentationsschwächen der Partitur kaschiert er nicht. Im Gegenteil: Er reizt sie aus. Dieser spröde, ehrliche Schumann-Abschied hat etwas Berührendes. Warum Rattle das Spätwerk allerdings an diesem Abend auf das Programm setzt – das wird nicht so ganz klar.

Denn eigentlich herrscht freudige Aufbruchsstimmung unter den Musikern. Die Koffer sind bereits gepackt. Nach dem Konzert soll es auf ausgedehnte Asien-Reise gehen. Schumanns „Frühlingssinfonie“ am Ende möchte dazu sehr viel besser passen. Zumal diese erste Sinfonie des Komponisten nun betont sonnenwarm und saftig daherkommt. Als hätte hier ein vollkommen anderer Schumann die Feder geschwungen.

Der Konzertmeister Daishin Kashimoto erhält die Lizenz zum Solisten

Ein Schumann in Feierlaune, den die Philharmoniker einem Ehrengast in Block A widmen: Richard von Weizsäcker, dem früheren Bundespräsidenten, dem jahrzehntelangen Freund und Helfer der Philharmoniker. Seiner Vermittlung war es zu verdanken, dass die scheue Dirigentenlegende Carlos Kleiber einst doch noch den Weg in die Philharmonie fand. Von Weizsäcker war es auch, der den großen Sergiu Celibidache bezirzte und zum viel beachteten Philharmoniker-Comeback nach Ewigkeiten überredete.

Und noch einer wird von den Philharmonikern an diesem Abend dankbar beschenkt: Der junge Konzertmeister Daishin Kashimoto erhält vorübergehend die Lizenz zum Solisten. Auch für die anstehende Tournee. Rattles Pult wird für den Japaner zur Seite geschoben. Kashimoto braucht viel Platz, steht tief im schützenden Halbkreis seines Orchesters. Nervös blinzelt er mit den Augen, nestelt verlegen an seinem Instrument.

Doch als er in Prokofieffs erstes Violinkonzert op. 19 einsteigt, verschwindet alle scheinbare Unsicherheit. Filigran dringt sein schlanker Ton durch das lyrisch gefärbte, niemals wirklich greifbare Werk. Immer wieder entzieht sich Prokofieffs frühe Komposition der Hörerwartung durch unerwartete harmonische Wendungen, formale Wucherungen, aberwitzige Virtuositäten. Bei Kashimoto klingt das alles verblüffend mühelos und makellos innig. Konzertmeister-Kollege Daniel Stabrawa klopft ihm danach väterlich bewegt auf die Schulter. Anhaltende Publikumsbegeisterung, aber keine Zugabe.