Berliner Staatsoper

Mit Sopranistin Anna Prohaska im goldenen Käfig

Die Berliner Sopranistin Anna Prohaska ist als Opernsängerin erfolgreich. Offen spricht sie über das Leben zwischen Krisen und Erfolgen. Jetzt eröffnet sie in der Staatsoper den „Barenboim-Zyklus“.

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„Daniel Barenboim meinte, ich solle doch nicht die Heldin spielen. Was ich leider ab und zu mache“, gibt Anna Prohaska zu.

Was ist passiert? Die Vorzeige-Sopranistin der Staatsoper ist ein Ziehkind des Stardirigenten Barenboim und wird mit ihm als Pianisten am kommenden Sonnabend (2. November 2013) den „Barenboim-Zyklus“ eröffnen.

Der Termin musste bereits einmal verschoben werden, denn plötzlich war das gefürchtete Kratzen im Hals aufgetaucht. Bei Erkältungen geraten Sänger schnell in Krisenstimmung.

Anna Prohaska vergleicht es mit den Problemen von Hochleistungssportlern. „Wenn Bastian Schweinsteiger etwas am Knie hat“, sagt sie, „dann ist es etwas anderes als wenn wir etwas am Knie haben. Wenn Schweinsteiger humpelt, kann er nicht 90 Minuten Fußball spielen. Wenn wir ein Ziehen im Rachen haben, dann fehlt uns der Raum, den wir brauchen, um wirklich den Spitzenton zu erreichen.“

Eine andere Zerlina einfliegen

Vorsorglich sagte sie drei Tage lang alle Proben ab. Aber es reichte nicht, also gab es eine Krisenbesprechung, denn Anna Prohaska hat reichlich zu singen im Schiller-Theater. Es galt zu entscheiden, ob sie die Zerlina im „Don Giovanni“ singt oder ihr erstes Liedprogramm am Hause. Es wurde hin- und herüberlegt. Eine andere Zerlina einzufliegen und in die komplizierte Inszenierung einzuweisen, ist aufwendiger als ein Kammerkonzert zu verschieben. Also schaute der viel beschäftigte Barenboim tröstend in seinen Kalender und fand den neuen Termin für die Eröffnung seines „Barenboim-Zyklus“.

Adrenalin und Vergnügen

Aber Absagen gehen nie an Sängern spurlos vorbei. Schon gar nicht an einer leidenschaftlichen Perfektionistin wie Anna Prohaska. „Ja, der Sängerberuf ist auch ein Angstberuf“, sagt sie: „Es gibt viel Adrenalin und Vergnügen, aber auf der anderen Seite ist es ein goldener Käfig. Man ist von der Fitness, Funktionstüchtigkeit seines Körpers abhängig wie ein Leistungssportler oder Balletttänzer.“ Ein bisschen weiß sie schon, dass sie am Limit arbeitet. Sie sprudelt geradezu über, wenn sie von ihren verschiedenen Projekten erzählt. Da gibt es das Staatsopern-Ensemble, den exklusiven Plattenvertrag samt Promotion, ihre Liedkarriere und natürlich Konzerte und Opernaufführungen andernorts. Sie sei dabei, es wieder ein wenig runterzufahren, sagt sie. Es klingt unglaubwürdig.

Musik beim Joggen

Möglicherweise stimmt es, wenn sie sagt, dass sie „gerne joggen geht“. Denn sie fügt gleich hinzu, dass sie sich vorher austrickse, „um den inneren Schweinehund zu überwinden. Ich stelle mir eine tolle Playlist mit Songs zusammen, die ich aber nie Zuhause, sondern nur beim Joggen hören darf.“ Auf der Playlist stehen keine Klassiker, sondern die Berliner Metal-Band Rammstein oder Qntal, eine Münchner Mittelalter-Darkwave-Band. Sie liebe Folkmusik über alles, sagt sie, auch Madonna, Rihanna oder Justin Timberlake sind gut zum joggen. Ab und zu geht sie auch zu einem Rockkonzert.

Anna Prohaska stammt aus einer Künstlerfamilie, sie wurde 1983 in Neu-Ulm als Tochter eines österreichischen Opernregisseurs und einer irisch-englischen Sängerin geboren. Als ihr Vater 1992 eine Regie-Professur an der Eisler-Musikhochschule bekam, folgte die Familie zwei Jahre später nach Berlin. Gerade auch der Vater hat sie künstlerisch geprägt. „Heute will das Publikum doch, dass wir näher am Schauspiel dran sind, die Figuren müssen realistischer sein", sagt Anna Prohaska. Was Glaubwürdigkeit angeht, hat sie die Kritiker in der eigenen Familie. „Mein Vater weist mich auf Klischees hin. Man muss nicht in der ,Carmen’ die Hände in die Hüften stemmen, um eine Zigeunerin zu sein.“

Regie ist ihr wichtig

An der Staatsoper ist Anna Prohaska in dieser Saison als Zerlina in Klaus Guths „Don Giovanni“-Inszenierung, als Pamina in August Everdings Uralt-“Zauberflöte“, als Susanna in Thomas Langhoffs „Hochzeit des Figaro“ und in Katie Mitchells „Le vin herbé“ zu erleben. Als ihre Lieblingsregisseure bezeichnet sie aber Jossi Wieler und Michael Thalheimer. Sie mag das Direkte, Karge, Unverspielte. Regie ist ihr wichtig. „Es gibt die Typen der Routinesänger mit vier oder fünf Partien, die sie rund um die Welt singen. Das ist niemandem vorzuwerfen, wenn sie zum Beispiel Familie haben und Geld verdienen müssen. Die haben ein bestimmtes Ausdrucksrepertoire, was sie immer abrufen. Das versuche ich in den Inszenierungen zu vermeiden.“

Wer ihr Ophelia-Programm mit Barenboim verstehen will, sollte bei Shakespeare nachschlagen. „Hamlet kapiert man – wenn überhaupt – erst mit 80“, scherzt sie: „Aber wir können ja schon mal anfangen, uns durch die Ebenen zu wühlen.“ Sie singt Ophelia-Lieder von Brahms und Strauss, Berlioz’ „La mort d’Ophélie“ oder Rihms Ophelia sings.

Studien über die Hysterie

„Es geht um Ophelias extreme Gefühlsschwankungen, die jedes Teenagermädchen in Ansätzen hat. Wenn man unglücklich verliebt ist in jemanden, den alle für verrückt halten. Dann wird man selber verrückt, weil er einen ablehnt“, sagt sie: „Es ist die Unschuld der Ophelia, auf der anderen Seite das erotische Begehren, das in Hysterie umschlägt. Shakespeare hat quasi Freuds Studien über Hysterie vorweggenommen.“

Seit einigen Jahren ist die Opernsängerin mit gestalteten Liedprogrammen unterwegs. Was ist schwerer zu singen? Ein Liederabend, antwortet sie sofort. „Es gibt keine Maske, kein Kostüm, kein Schauspiel, hinter dem man sich verstecken kann. Auf der Bühne bin ich Anna Prohaska. Wenn ich mal zwei Strophen durcheinander bringe, muss ich sofort improvisieren. Es ist eine Art von Qual, bei der mich vorher immer frage, warum liefere ich mich dem aus?“

Barenboim-Zyklus: Am 2. November 2013 um 16 Uhr eröffnet Daniel Barenboim seinen vierteiligen Kammermusik-Zyklus mit der Sopranistin Anna Prohaska. Auf dem Programm im Schiller-Theater stehen Werke von Schumann, Schubert, Brahms, Rihm, Berlioz und Schostakowitsch.

Weitere Termine: 30.11.2013 Barenboim zur Belcanto-Oper, 16. März 2014 Klavierrecital mit Piotr Anderszewski und 30. März 2014 Kammermusik bis Trio-Besetzung.

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