Literatur

Der alte Thomas Mann trifft noch einmal seine große Liebe

Der Literat schwärmte einst in einem Sommerurlaub von dem 17-jährigen Klaus Heuer. In seinem Roman „Königsallee“ lässt Hans Pleschinski die beiden 27 Jahre später noch einmal aufeinander treffen.

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Buchenswert. Einfach buchenswert. So schwärmt der Kellner Mager in Thomas Manns ironischem Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ von dem Umstand, dass Charlotte von Buff, jene Jugendliebe, die Goethe in seinen „Leiden des jungen Werthers“ verewigte, anno 1814 nach Weimar reist, um den greisen Dichter zu besuchen. Und in seinem Hotel Zum Elefanten absteigt.

Das späte Wiedersehen nach 44 Jahren ist verbürgt, Goethe war der Besuch aber eher lästig und hielt in seinem Tagebuch nur knapp und trocken fest: „Mittags Ridels und Madame Kestner von Hannover.“ Alles andere ist Fiktion und Literatur, mit der Mann es gewagt hat, so seine Worte, „den großen Alten auf die Bühne zu stellen.“

Letzte Leidenschaft

Thomas Mann hat sich immer wieder mit „dem dort in Weimar“ gemessen und sich, wenn schon nicht Seit’ an Seit’ neben ihm, so doch klar in dessen Nachfolge gesehen. Als Repräsentant des Bürgerlichen. Als Verwandter. Oder doch Wahlverwandter. In seiner voluminösen Mann-Biographie betitelte Klaus Harpprecht ein Kapitel denn auch augenzwinkernd „Johann Wolfgang von Mann“.

Aber die finale Gleichstellung, sie ist erst jetzt vollbracht. Weil nun Hans Pleschinski mit Thomas Mann genau das gemacht hat, was Mann mit Goethe machte: Er stellt den großen Alten auf die Bühne. Und konfrontiert ihn noch einmal mit einer großen Liebe seines Lebens. Diese Liebe freilich ist ein Mann.

Thomas Manns unterdrückte Homosexualität ist, seit seine späten Tagebücher veröffentlicht wurden, ein alter Hut. Dass er seine früheren Tagebücher, die vor den Nazis ins Exil gerettet wurden, höchstselbst im Garten verbrannt hat, mag auch damit zu tun haben. Die frühen Schwärmereien fehlen. Auch jene für Klaus Heuser anno 1927. Die Manns urlaubten damals in Kampen auf Sylt. Hier lernten sie den Kunstprofessor Werner Heuser kennen. Vor allem aber fasste Mann, damals 52, tiefe Zuneigung zu dessen Sohn Klaus, der gerade 17 war. Auch in der Fernsehsaga „Die Manns“ wurde diese Affäre nachgestellt, mit Mann (Armin Mueller-Stahl) im Strandkorb, immerzu ein Auge auf den Jüngling (Ludwig Blochberger) werfend, ganz wie Viscontis „Tod in Venedig“ inszeniert.

Das Menschliche ausgebadet

Später wurde Klaus Heuser nach München, ins Haus der Manns geladen. Dem 18-Jährigen las der drei mal Ältere vor, mit ihm besuchte er die Staatsoper. Zum Abschied gab es eine Umarmung. Und einen Kuss. Noch Jahre später schwärmte Mann im Tagebuch von diesem Jungen, „meine nach menschlichem Ermessen letzte Leidenschaft“, auch: „die glücklichste“, heißt es etwa 1933. Und 1934: „Nun ja, ich habe gelebt und geliebt, habe auf meine Art ‚das Menschliche’ ausgebadet.“.

Er sei damals „sogar glücklich gewesen und durfte wirklich in die Arme schließen, was ich ersehnte.“ Was das genau bedeutete, ist bis heute unklar. Heuser, nach dem Tod des Dichters darauf angesprochen, blieb Gentleman und schwieg. Gleichwohl ist er, wie Charlotte Kestner, spätere von Buff, zur Literatur geronnen: in Manns „Michelangelo“-Essay. Und im Antlitz des Joseph, Titelfigur aus Manns Roman-Viererpack. Auch wenn er sich diesen Titel noch mit ein, zwei anderen teilen muss.

Beifallsfest und Autogrammplage

Hans Pleschinski, Autor von „Bildnis eines Unsichtbaren“ und zuletzt „Ludwigshöhe“, hat sich zunächst auf Spurensuche nach Klaus Heuser begeben, der in den dreißiger Jahren nach Asien zog und dort zwei Jahrzehnte gelebt hat. Mit einem Indonesier. Er hat auch in dessen Nachlass blättern dürfen. Und lässt nun, 27 Jahre nach dem Sylter Erlebnis, ebendiesen Klaus (mitsamt seinem Gefährten) noch einmal auf den Dichter treffen. Das Datum ist, wie das Weimarerische, historisch verbürgt. Am 26. August 1954 besuchte Mann Düsseldorf.

Hier stieg er im Breidenbacher Hof ab und las abends im Schumannsaal aus seinem jüngsten Roman „Felix Krull“. Ganz Düsseldorf war zugegen. Auch die alten Heusers. Auch Mann hat das in seinem Diarium knapp und trocken notiert: „Lauter Empfang und festliche Stimme. Ganz Düsseldorf. (…) Großes Beifallsfest, immer wiederholte Rückkehr, Blumen-Überreichungen. Autogramm-Plage. Empfang und Souper. Heusers.“ Dann aber wandern die Gedanken zu jenem, den er als ersten mit Düsseldorf verbindet: „Klaus, der Geliebte von einst, ein Vierziger nun, kehrt nächstens nach 18-jährigem Aufenthalt aus China zurück und wird mich mit seinem nicht recht angenehmen Vater besuchen.“

Zusätzliches Amüsement für Kenner

Pleschinskis Kunstgriff: Er lässt Klaus Heuser schon früher eintreffen und zufällig im selben Hotel einchecken. Doch während für den hohen Gast die beste Suite reserviert und gar eine schalldichte Tür eingebaut wird, müssen die beiden Herren, die durchaus ein Doppelzimmer wünschen, in der Dachkammer unterkommen. Zunächst erzählt Pleschinski das Ganze aus der Sicht unbeteiligter Dritter, wie Kellner Mager in Weimar. Dabei wird der Hotelportier als kleiner Herr Friedemann vorgestellt, der Liftboy heißt Armand und eine Russin schmeißt mit Türen. Alles liebevolle Bezüge auf Werke von Mann, die dem Kenner zusätzliches Amüsement verschaffen.

Dann tauchen, auch wie in „Lotte“, erst mal Randfiguren auf: Erika Mann, die gestrenge Tochter, Golo, der übersehene Sohn, und Ernst Bertram, einst enger Vertrauter Manns. Sie alle verfolgen Klaus Heuser, die Tochter, weil sie ein Treffen durchaus verhindern möchte, die Herren, weil sie im Ernst glauben, Heuser könne bei Thomas Mann ein gutes Wort für sie einlegen.

Eine Taxifahrt durch die Nacht

Diese Auftritte sind großartig erzählte Kabinettstückchen. Und gipfeln im Siebenten Kapitel. Das war bei „Lotte in Weimar“ ganz aus der Introspektion Goethens erzählt, der beim Aufstehen mehr über Blähungen und Weltliches nachdenkt als über den Besuch. Genauso stöhnt nun Thomas Mann bei Pleschinski, dass das Keilkissen drückt und die große Schillerrede ansteht. Auch dieses Kapitel heißt „Siebentes“, auch wenn es eigentlich das neunte ist.

Wer „Lotte in Weimar“ nicht gelesen hat, könnte ein wenig ungeduldig werden; wer den Roman kennt, ahnt bald, dass der Schwärmer und der Umschwärmte nur einmal offiziell und dann noch einmal höchst inoffiziell aufeinander treffen. Bei „Königsallee“ ist das eine Taxifahrt in der Nacht. Von keinem bemerkt. Und auch von Mann nicht festgehalten: „Kaum meinem Diarium mag ich’s anvertrauen.“ In Wirklichkeit ist Mann seiner großen Liebe nicht mehr begegnet. Ein Besuch Heusers in dem Jahr, das Mann noch zu leben hatte, ist nicht vermerkt. Aber manchmal schreibt die Literatur eben doch die schöneren Geschichten. Einfach buchenswert.

Hans Pleschinski: Königsallee. C.H. Beck, 394 Seiten, 19,95 Euro