Konzertkritik

Zwei Halbzeiten bei Goldfrapp im Heimathafen Neukölln

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Matthias Wulff

Foto: David M. Benett / Getty Images for Vertu

Erst was für Träumer und dann darf doch getanzt werden: Das britische Duo Goldfrapp übt bei seinem einzigen Deutschland-Auftritt den Spagat zwischen alten Hits und neuem Album.

Im ersten Teil des Konzerts, der um die 30 Minuten dauern wird, werden keine Getränke ausgeschenkt, ist auf einem Schild zu lesen; die Band wolle die Geräuschkulisse vermeiden. Das Schild hängt im Vorraum des Heimathafen Neuköllns, in dem die britische Gruppe Goldfrapp auftritt. Der Heimathafen ist eine originelle Wahl, war er doch bislang nicht als erste Anlaufstätte für Konzerte von Popgrößen bekannt, aber es ist nicht verkehrt hier.

Vor dem Konzert steht man im Biergarten an diesem wunderschönen Herbstabend, raucht eine letzte Zigarette und gedenkt der armen Fans, die für das seit Wochen ausverkaufte Konzert vergeblich auf Karten warteten. Dann wird man freundlich, aber bestimmt von dem Saaldiener hineingebeten. Goldfrapp – das sind Alison Goldfrapp und Will Gregory – haben Unterstützung mitgebracht, und so stehen die Musiker zu sechst auf der Bühne. Mit Geige und Kontrabass werden die Stücke des neuen Albums „Tales of us“ begleitet, das schon ein ziemlicher Bruch zu den vorherigen Alben ist.

„Tales of us“ ist ein Singer-Songwriter-Album geworden

Immerhin auch schon seit 2000 ist das Duo im Geschäft, Alison Goldfrapp kann es in den außermusikalischen Kategorien wie Sexyness, Divenhaftigkeit und auffällige Kleiderwahl mit Madonna und Lady Gaga (wobei Lady Gaga bei Klamotten ein eigener Stern ist) aufnehmen. Populär wurden die Briten durch ihre extrem tanzbare Mischung aus Glam-Rock, Disco und Synthie-Pop; das mit der neuen Ernsthaftigkeit ist ihr neues Ding.

„Tales of us“ ist mehr ein Singer-Songwriter-Album geworden; ruhig, verträumt, melodisch, ein wenig dunkel, aber nicht bedrückend. Kurzum, das Duo macht Popmusik, die man jederzeit im Hintergrund laufen lassen kann, ohne dass jemand meckert. Goldfrapp, also die Sängerin, bietet das auch alles hübsch dar, sie hat sich für ein schwarzes Kleid mit weiten Ärmeln entschieden, die ihr aus der Entfernung etwas fledermausgleiches geben.

Das Bühnenbild mit dem angedeuteten Wald ist passend surreal, ohnehin versteht es Goldfrapp mit minimalem Aufwand eine maximale Präsenz zu erreichen. Sie wird an diesem Abend nicht mehr sagen, als „vielen Dank“ und dass sie bei ihrem letzten Auftritt in Berlin eine fürchterliche Erkältung hatte und zum Schluss sagt sie noch, „ich liebe euch sehr“. Aber das reicht komplett, um das Publikum für sich einzunehmen.

Madonna hätte dieser Abend im Heimathafen gefallen

Der Anfang ist, je nach Geschmack, entweder sehr konzentriert oder ein wenig freudlos. Fünf Lieder des neuen Albums zum Händchen halten, Restbier trinken und bewegungslos nach vorn schauen. Mit „Yellow Halo“, das zumindest ein Anklang von Tanzbarkeit hat, verlässt Goldfrapp die Reisegeschwindigkeit und dreht immer mehr auf.

Mit „You never know“ oder „Ride a white horse“ steigert sie das Tempo vor der Zugabe, mit „Strict Machine“, das jedes Mal so klingt, als sei es das Cover eines Discoklassikers aus den siebziger Jahren, endet der Abend. Madonna, die ihrer Karriere auch durch extreme Wandlungsfähigkeit den Boden bereitete, hätte er gut gefallen. Aber die ist nicht in der Stadt, und Lady Gaga hatte anscheinend anderes vor.