Klassik

Cellistin Sol Gabetta ist eine virtuose Managerin

Die argentinische Virtuosin Sol Gabetta hat eine strenge Karriereplanung. Dabei vertraut sie vor allem sich selbst. Jetzt spielt sie einen Kammermusikabend in der Philharmonie.

Foto: M. Lengemann

„Plane nicht von Tag zu Tag“, sagt die Virtuosin: „Überlege lieber, wo du in drei oder sogar zehn Jahren sein möchtest.“ Dabei ist Sol Gabetta, die 1981 in Argentinien geboren wurde, längst eine erfolgverwöhnte Cellistin in der Klassikwelt. Der stets fröhlichen Künstlerin möchte man kaum abnehmen, dass sie so strategisch denkt. Aber zunächst dreht sich unser Gespräch doch um eine Kleinigkeit, nämlich um das winzige Aufnahmegerät vor ihr auf dem Tisch. Einen Monat zuvor hat sich Sol Gabetta selbst ein Aufnahmegerät zugelegt, ein größeres allerdings, mit leistungsstarken Mikrofen. Um ihre Proben mitschneiden und später überprüfen zu können. „Ein guter Lehrer, den ich überallhin mitnehmen kann“, sagt sie. Die Selbstkontrolle bringt ihr häufig mehr als gut gemeinte Ratschläge von Musikerfreunden.

Debüt bei den Philharmonikern

Sol Gabetta stellt höchste Ansprüche an ihr Spiel. Von ihren Kammermusikpartnern verlangt sie auf der Bühne nicht weniger. Bertrand Chamayou ist in den letzten Jahren ihr bevorzugter Pianist. Am Freitag sind beide im Kammermusiksaal der Philharmonie erstmals zu hören. Gabetta beschreibt ihn als eine Art Pierre-Laurent Aimard, sie bewundert seinen Intellekt: „Er ist kein Show-Mensch. Er setzt sich einfach hin und spielt.“ In Frankreich gilt Charmayou bereits als Berühmtheit, sagt sie.

Im nächsten Jahr steht Gabettas Philharmoniker-Debüt im großen Saal an. Im Mai wird sie das erste Cellokonzert von Bohuslav Martinu spielen, unter der Leitung des jungen polnischen Dirigenten Krzysztof Urbański. Angesichts ihrer Popularität ist es ein spätes Debüt. Aber die Berliner Philharmoniker hatten schon mehrfach bei ihr angefragt. So war sie für ein Waldbühnenkonzert im Gespräch gewesen. Doch Gabetta, die sich regelmäßig in Berlin aufhält, hatte ihre Bedenken: „Es gibt da so viele Elemente, die man nicht unter Kontrolle bekommt. Die Kälte, die Hitze, der Wind, die Nässe. Mein Cello reagiert darauf sehr sensibel. Als Debüt kann das ziemlich unangenehm werden.“ Der Einstand soll schon perfekt sein.

Der Markt schreit nach frischen Aufnahmen

Das Martinu-Konzert möchte sie später unbedingt auch auf CD aufnehmen. Denn natürlich weiß sie als Interpretin der jüngeren Generation, wie wichtig neue Referenzaufnahmen sind und dass der Markt nach frischen Interpretationen schreit. Die Chancen für eine Martinu-CD stehen nicht schlecht. Und ihre Aufnahmen verkaufen sich seit Jahren ziemlich gut. Mittlerweile sind ein Dutzend auf dem Markt, ihr aktuelles Album enthält Werke von Vivaldi und Zeitgenossen. Bei CD-Produktionen läuft es allerdings anders: Sol Gabetta mag das Abhören und Basteln im Schneideraum überhaupt nicht. Wenn es darum geht, einen ihrer Live-Mitschnitte zu optimieren, nimmt sie am liebsten Reißaus. Ihre fertigen CDs sind so etwas wie die bereits absolvierten Konzerte, etwas Vergangenes – davon will sie später nichts mehr hören. „Ansonsten würde ich mein Spiel wie unter einem Mikroskop betrachten“, erklärt sie.

Schülerin von David Geringas

Angefangen hatte alles mit einer Sony-CD, die sie noch während ihrer Berliner Studienzeit produzierte. David Geringas, ihr Lehrer an der Hanns-Eisler-Musikschule, wusste von nichts. Sol Gabetta erzählte ihm nicht einmal, dass sie eine eigene Agentur hatte. „Es liegt mir nicht, viele Worte um das zu machen, was ich tue“, erklärt sie. Sie war bei Geringas zum Lernen und Studieren. Ihm verdanke sie tiefe Einsichten, sagt sie. Ihre Karriere nahm sie dann alleine in die Hand. Oder fast alleine. Denn Sol Gabetta hat mit ihrem Lebensgefährten Christoph Müller einen Musikmanager an der Seite. Er half ihr dabei, das Kammerorchester Cappella Gabetta zu gründen und zu führen, mit ihm hat die Cellistin das Schweizer Solsberg Festival ins Leben gerufen, die Sendung „KlickKlack“ initiiert, ein Musikmagazin des Bayerischen Fernsehens.

Ständig in Bewegung

Und Gabettas Pläne gehen weiter. Für die ferne Zukunft schwebt ihr ein Ort vor, vielleicht in Spanien, an dem sich berühmte Musiker und Pädagogen einfinden, um Meisterklassen abzuhalten. Ein Ort, an dem sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene treffen. Gabettas zweite Vision: ein musikalisches Bildungsprojekt für Ein- bis Siebenjährige. „Gerade in diesem Alter sind musikalische Erfahrungen besonders wichtig.“ Sol Gabetta ist ständig in Bewegung – als Cellistin, als Festivalmanagerin, als Fernsehmoderatorin, Zukunftsplanerin. Vorgezeichnete Wege meidet sie: „Wenn es einfach ist, wird mir schnell langweilig“, sagt sie: „Weil ich dann das Gefühl habe, stehen zu bleiben.“

Abenteuer musikalischer Bekanntschaften

Bei aller Karriereplanung bewahrt sie sich ein Abenteuer: Musikalische Bekanntschaften überlässt Sol Gabetta weitgehend dem Zufall. Gerade erst hat sie Daniel Barenboim bei der Echo-Preisverleihung persönlich kennengelernt. Weil es sich so ergab. Und auch ihre Begegnung mit der französischen Pianistin Hélène Grimaud war alles andere als geplant. Beim Menuhin Festival in Gstaad liefen sie sich über den Weg. Dann trafen sie sich zum gemeinsamen Proben und nahmen schließlich ein Recital auf. Herausgekommen ist eine der spannendsten Kammermusik-CDs des letzten Jahres.

Kammermusiksaal der Philharmonie: Sol Gabetta am 25.10. um 20 Uhr, Tel. 8264727