Film

„Afrika ist aufgeladen mit Klischees und Angstvorstellungen“

Zehn Jahre nach „Nirgendwo in Afrika“ hat Caroline Link wieder einen Film in Afrika gedreht: „Exit Marrakech“. Die Filmemacherin erklärt, wie man als Frau islamische Männer kommandieren kann.

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Afrika hat ihr Glück gebracht. 2003 bekam die deutsche Filmemacherin Caroline Link für ihr Drama „Nirgendwo in Afrika“ den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Jetzt, zehn Jahre und zwei Filme später, kehrt sie wieder auf den Kontinent zurück. Mit dem Drama „Exit Marrakech“, wo ein aufbegehrender Jugendlicher (Samuel Schneider) seinen Vater (Ulrich Tukur) in Marokko besuchen muss, ihm aber ständig davon läuft. Und es braucht erst das fremde Land und die Angst, darin verloren zu gehen, dass die beiden sich aneinander annähern. Wir haben mit der Filmemacherin gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau Link, Ihr letzter Film „Im Winter ein Jahr“ ist im November fünf Jahre her. Warum dauert das so lange, bis Sie einen neuen Film präsentieren?

Caroline Link: Komisch, ich empfinde das gar nicht so. Ich frage mich im Gegenteil immer, wie die Kollegen das immer so schnell machen. Na gut, die schreiben auch nicht immer ihre eigenen Drehbücher. Das dauert ja immer am längsten.

Zwölf Jahre nach „Nirgendwo in Afrika“ kehren Sie mit „Exit Marrakech“ erneut nach Afrika zurück. Was fasziniert Sie so an diesem Kontinent?

Ich finde, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nordafrika und Schwarzafrika. Klar ist das derselbe Kontinent, aber das sind für mich völlig verschiedene Welten. Nichtsdestotrotz muss ich feststellen, dass ich mich in Afrika immer sehr schnell sehr wohl fühle. Ich habe nicht so viele Ängste da, obwohl es de facto wohl der gefährlichste Kontinent ist. Mich zieht es überhaupt nicht nach Asien. Ich war mal in Japan auf einem Filmfestival, da hatte ich Probleme, die Menschen und ihre Spielregeln zu begreifen. Da stößt man dann schnell an Grenzen. In Afrika fühle ich mich mit den Menschen auf pragmatische Weise verbunden.

Filmisch gesehen scheint es ja zwei Afrikas zu geben. Wenn Männer in einem Film über Afrika spielen, dann gehen die immer durch die Hölle, wenn Frauen spielen, sind das immer Selbstfindungen, Emanzipationen.

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber wie Sie das so sagen, ja das stimmt. Offensichtlich ist der Kontinent aufgeladen mit Klischees und Fantasien.

Das Spannende an Ihrem Film ist, dass er uns in die Irre führt. Erst wähnen wir uns in dem typischen „Männer-Afrika-Drama“: Da gerät ein deutscher Sohn immerzu in Situationen, von denen man sofort das Schlimmste erwartet. Das erfüllt sich aber nie. Und dann, nach einer Stunde, wird der Film etwas ganz anderes. Eine Selbstfindung, eine Annäherung aneinander – eben ein „Frauen-Afrikafilm“.

Natürlich spiele ich mit diesen Klischees. Ich finde es bemerkenswert, welche Vorstellungen von Aggressivität und potenzieller Gewalt wir Westler in die islamische Welt hineininterpretieren. Klar, in schwarzafrikanischen Ländern wie Kenia ist es wirklich gefährlich. Da ist dämlich, wer nachts allein spazieren geht. In Marokko habe ich eine solche Gefährdung nie empfunden. Dennoch hatten wir Teammitglieder aus Deutschland, die hatten schon Angst, wenn der Muezzin ruft. Weil die gleich an religiösen Fanatismus denken.Vielleicht bin ich da die Naive, aber ich bin in einem fremden Land erst mal gern auf der Suche nach allem, was ich noch nicht weiß. Und dann sehe ich Menschen, die sich permanent berühren, ja in der Menge regelrecht aneinander hängen, wenn sie uns beim Drehen zuschauen. Da ist eine große Herzlichkeit, viel Gelächter, eine große Freundlichkeit. Das war mir sofort total sympathisch, da habe ich auch keine Hintergedanken.

Sie sind vor 20 Jahren schon einmal durch Marokko gereist. Haben Sie das Land wiedererkannt?

Das Land hat sich schon sehr verändert. Aber ich bin da sehr auf der Hut, das zu verteufeln. Wenn das jetzt so ist, dass alle Dörfer Elektrizität und fließendes Wasser haben und nicht mehr alle auf einem Esel reiten müssen, sondern auch im Auto fahren, dann sollte man das nicht bedauern, dass das früher so pittoresk war und sich jetzt alles zum Nachteil verändert hat. Die Leute haben ihr gutes Recht, sich ein besseres Leben zu wünschen. Was man in Marrakesch natürlich sieht, ist diese unglaubliche Bebauung, Tausende von Golfplätzen, die den Grundspiegel noch weiter senken, absurde Hotelanlagen, die dann alle leer stehen. Das ist natürlich furchtbar. Aber dennoch ist es immer noch das Land, das ich so mochte. Und ich habe auch all das, was mir damals so gefallen hat, wieder entdeckt.

Ist das selbstverständlich, wenn Sie als Filmemacherin da auftreten, noch dazu mit einer Kamerafrau? Oder ist das noch immer exotisch?

Wir waren schon Ausnahmeerscheinungen da. Wir waren keine Frauen, sondern Europäerinnen. Ein Neutrum, das da rumkommandiert. Als Frauen haben die uns nicht wahrgenommen. Und es ist schon so, dass sich arabische Männer nur ungern was von Frauen sagen lassen. Da muss man dann schon eine Form finden, die die Würde des Anderen wahrt. Andererseits ist das ein großes Filmland, weil der König ja sehr in die Filmindustrie investiert.

Kann man da auch kritische Blicke auf das Land wagen? Oder gibt es da wie Zensur?

Kaum. Ein paar Sachen darf man natürlich nicht machen: Man darf nie den König beleidigen. Worauf sie langsam auch allergisch reagieren, sind Szenen, in denen die Polizisten immer bestechlich sind. Und das wird in unserem Film dann leider auch wieder gezeigt. Es ist aber auch so. Prostitution ist ebenfalls ein ungeliebtes Tabuthema. Wir haben trotzdem alles drehen können, was wir wollten.

Sie haben schon kurz nach dem Arabischen Frühling für Ihren Film recherchiert. Gab es da je Überlegungen, dass das zu unsicher sein könnte? Dass man das Projekt besser fallen lässt?

In der Vorbereitung hatten wir ein wenig Sorge gehabt, dass es da zu Unruhen kommen könnte. Es gab auch viele, die meinten, das könnte auf Marokko überspringen. Aber offensichtlich sind die Menschen doch zum Großteil sehr zufrieden mit ihrer Monarchie. Das ist für uns vielleicht nicht leicht zu verstehen, dass ein Land, das aus so verschiedenen Bevölkerungsgruppen verstehen, die sich nicht unbedingt so mögen, die auch verschiedene Sprachen sprechen, schwerlich mit unserer Vorstellung von Demokratie zu beherrschen ist. Die glauben dann eher an einen gottgegebenen Monarchen als einen gewählten Präsidenten, der dann aus einer Gruppe gehört und die andere vielleicht benachteiligt. Man kann unsere demokratischen Vorstellungen nicht immer so einfach auf diese Länder übertragen. Man hat das ja am Beispiel Ägypten sehr anschaulich gesehen.

In Ihrem Film inszeniert Ulrich Tukur deutsches Theater in Marokko. Bis ihm vorgeworfen wird, ob das, was er da tue, gerade angemessen sei in diesem Land. Dasselbe könnte man in gewisser Weise auch Sie als Filmregisseurin fragen.

Sie meinen, dass ich Marokko als Kulisse missbrauche? Das tue ich ja nicht. Eigentlich geht es ja nur um diese deutschen Protagonisten. Marokko spielt einfach eine Rolle, weil sie die emotionale und seelische Not des Jungen dramatisiert. Man hat Angst um ihn. Aber ich würde mir nicht anmaßen zu behaupten, ich wüsste jetzt, wie es in Marokko zugeht. Oder ich hätte das Land von innen beleuchtet. Auch bei „Nirgendwo in Afrika“ habe ich nie die Geschichte von Einheimischen erzählt, ich habe das Land immer aus dem Blickwinkel von Menschen gezeigt, die ich kenne. Alles andere wäre anmaßend.

Aus diesem Grund haben Sie auch auf große, plan ausgeleuchtete Cinemascope-Bilder verzichtet, wie sie etwa Bernardo Bertolucci in „Himmel über der Wüste“ gedreht hat?

Ich liebe „Himmel über der Wüste“, wirklich. Aber das ist einfach vorbei. Das ist hundert Mal da gewesen, so kann man Marokko nicht mehr zeigen, so sieht es auch nicht mehr aus. Das interessiert auch keinen mehr. Ich wollte immer gerne sehen und zeigen, was ist. Das ist faszinierend genug. Man muss sich nicht bemühen, dann noch in der Nostalgiekiste zu kramen.

In Ihren Filmen geht es immer um Kinder, die erwachsen werden müssen, die sich gegen ihre Eltern durchsetzen müssen. Das ist wirklich ein roter Faden durch Ihr Oeuvre. Was reizt Sie immer wieder an diesem Thema?

Ich glaube ja immer, ich benutze nur die Institution Familie, um über das Leben zu erzählen. Weil sich in der Familie die Gesellschaft spiegelt. Ich denke gar nicht so sehr an Dramen ums Erwachsenwerden.

Aber Sie nehmen dabei schon immer die Perspektive der Jüngeren ein. Bewahren Sie sich damit so was wie einen filmisch unschuldigen Blick?

Ich glaube, das lässt langsam nach. Je älter ich werde, umso älter werden ja auch die Kinder in meinen Filmen. Ich habe mich bis vor noch nicht allzu langer Zeit den Jüngeren immer näher gefühlt. Das kann ich jetzt nicht mehr behaupten. Aber diese kleinen Mädchen in einem magischen Alter, die kleine Lara aus „Jenseits der Stille“, die Regina aus „Nirgendwo in Afrika“ und selbst „Pünktchen und Anton“, da habe ich noch sehr stark an meine Kindheit gedacht. Jetzt bin ich ja selbst Mutter und sehe die Welt schon eher aus der Elternperspektive.